Irgendwann kann Saad Ahmed al-Muhannadi das Lachen nicht mehr unterdrücken. "Zehn Jahre für einen einzigen Bahnhof?", fragt der Chef der katarischen Staatsbahn. Er schüttelt den Kopf. In einem Baucontainer wird ihm demonstriert, wie die Deutsche Bahn Großprojekte anpackt. In diesem Fall: die bis 2016 angesetzte Kompletterneuerung des Berliner Bahnhofs Ostkreuz, auf dem jeden Tag mehr als 120.000 Menschen ein-, aus- oder umsteigen.
Das Bauen in Deutschland sei kompliziert, versucht Niko Warbanoff, Chef der Bahn-Tochter DB International (DBI), dem Katarer zu erklären. Als Projektleiter Mario Wand dann noch von Planfeststellungsverfahren, Bauen bei laufendem Betrieb und Ausweichquartieren für lärmgeplagte Anwohner spricht, dämmert es dem Besucher vom Persischen Golf: Das deutsche Bahngeschäft ist nicht trivial.
Es geht um millionenschwere Aufträge für DBI, das internationale Ingenieurbüro der Bahn. Berlin mit seinen Großbauten soll al-Muhannadi zeigen, wozu die Bahn in der Lage ist. Katar will ein Metronetz aus dem Boden stampfen, vier Linien mit 90 Stationen und einer Länge von 300 Kilometern. In der ersten Phase sind es laut al-Muhannadi 126 Kilometer und 60 Stationen. Geplante Fertigstellung: Oktober 2019. Damit will sich Katar für das Bevölkerungswachstum und die Fußballweltmeisterschaft 2022 wappnen. Über Fernverkehrs- und Güterstrecken wird nachgedacht.
Weltweit guckt sich al-Muhannadi Eisenbahnen an. Berlin beeindruckt ihn. Von der Großbaustelle Ostkreuz geht es per S-Bahn zum neu errichteten Hauptbahnhof. Der Zug ist pünktlich, nicht überfüllt. Al-Muhannadi lächelt zufrieden. So etwas möchte er auch haben. Im Hauptbahnhof mit seinen unterirdischen Bahnsteigen beschäftigt den Katarer vor allem eins: Der Bau ist mitten ins Grundwasser gesetzt. "Kann ich das Foto haben?", fragt er daher, als ihm Stationschef Thomas Hesse die Entstehung des Hauptbahnhofs auf Bildern zeigt. Da, wo heute ICEs durchfahren, stand vor wenigen Jahren Wasser in einer riesigen Betonwanne. Grundwasser - damit muss in Berlin jeder fertig werden, der baut. Dank der Spree stößt man oft schon nach knapp einem Meter darauf.
| Planstelle Bahn |
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| Neulinge Die Eisenbahn erlebt weltweit eine Renaissance. Gerade aufstrebende Schwellenländer investieren kräftig in neue Strecken - wie China, Brasilien, Indien und auch die Golfstaaten. |
| Ratgeber Die etablierten Eisenbahngesellschaften vermarkten ihr Ingenieurwissen. Die Deutsche Bahn hat 1966 die Tochter DBI gegründet, in diesem Jahr wurde erstmals die Schwelle von 1000 Mitarbeitern überschritten. |
In Katar sieht es ähnlich aus, nur dass Wasser in dem Wüstenstaat wertvoll ist. Die Liste der Dinge, an die der Eisenbahnchef bei seinem Projekt denken muss, wird immer länger. Sollten alle Pläne - irgendwann - umgesetzt sein, wird Katar umgerechnet fast 28 Mrd. Euro investiert haben. In der Branche wird das dafür nötige Planungsbudget auf etwa 700 Mio. Euro geschätzt. Al-Muhannadi mag das nicht bestätigen, hält aber zwei Prozent oder etwas mehr vom Projektvolumen für realistisch.
Ohne eigene Erfahrung mit Eisenbahnen sind Katar und sein Bahnchef, ein Elektroingenieur, auf externe Hilfe angewiesen. Die Deutsche Bahn sah sich schon im Zentrum der Entscheidungen. 2009 wurde eine Projektgesellschaft mit den Katarern gegründet, 49 Prozent der Anteile lagen bei der Bahn. Doch die Zusammenarbeit war zu kompliziert, die Stimmung gereizt, Entscheidungen brauchten zu viel Zeit. Die Katarer übernahmen Ende 2011 die Anteile der Bahn - die Konzerntochter DB International wurde zum reinen Auftragnehmer.
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Dem Geschäft in Katar habe das aber keinen Abbruch getan, sagt Warbanoff, der erst 2011 an die Spitze der Bahn-Tochter gerückt ist und sich sofort daran machte, neues Vertrauen in Katar aufzubauen. "2012 wird das beste Jahr, das wir dort jemals gehabt haben", sagt er. Ständig vor Ort seien 70 Mitarbeiter, in der Spitze arbeiteten bis zu 150 Experten, auch von Deutschland aus, an dem Projekt. Allein in diesem Jahr seien im Auftrag der Katarer durch die Bahn-Ingenieure die Ausschreibungen für Tunnelbauten und unterirdische Stationen vorbereitet worden, ebenso wurden die Anforderungen an die Streckenausrüstung wie Signaltechnik oder Stromversorgung entwickelt. Wird gebaut, dann kommt die Bahn wieder als Prüfer ins Spiel.
2011 machte DBI weltweit einen Umsatz von 125 Mio. Euro. 2012 komme "noch eine Schippe drauf", insbesondere dank Katar, sagt Warbanoff. Man sei zufrieden mit der Bahn, versichert al-Muhannadi. DBI bleibe der wichtigste technische Berater und strategische Partner - solange die Leistung stimme.
Während die Manager auf Berlins Bahnsteigen über neue Aufträge verhandeln, denkt Warbanoff an die weitere Wirkung. "Der gesamte Nahe Osten investiert kräftig in die Schieneninfrastruktur", hofft der DBI-Chef. Schon bald könnte die Bahn weitere Großaufträge an Land ziehen. Saudi-Arabien will mehr als 1000 Kilometer Eisenbahntrassen bauen. Auch diese Pläne will Warbanoff liefern.