"2035 könnten nahezu alle Schiffe mit Gas angetrieben werden", sagte Pierre Sames, der beim Schiffsklassifizierer Germanischer Lloyd (GL) die Forschungsabteilung leitet. Davon profitierten sowohl die Umwelt als auch die Schiffseigner, weil sie mit dem Gasantrieb Geld sparen. Eine Gruppe mehrerer Großreedereien, darunter auch deutsche, habe gerade eine LNG-Kooperation mit einer koreanischen Werft geschlossen, die sie in dieser Woche verkünden will, verriet Sames.
Zwei Gründe machen den Antrieb mit LNG für die Branche attraktiv: Zum einen hat die Internationale Schifffahrtsorganisation IMO, eine Uno-Tochter, neue Regeln zum Schadstoffausstoß erlassen, die mit Gasantrieben leichter zu erfüllen sind. Zum anderen ist LNG derzeit konkurrenzlos billig: Die Nachfrage nach Gas ist wegen der Krise gefallen, das Angebot aber wegen neuer Fördertechniken, etwa aus Schieferschichten in den USA, stark gestiegen. Rund um den Erdball sind Tanker voller LNG unterwegs, für die es schwierig ist, überhaupt Abnehmer zu finden.
Flüssiggas verbrennt im Vergleich zu anderen fossilen Treibstoffen deutlich umweltfreundlicher. Der Motorenbauer MAN hat die Unterschiede zwischen einem Schiff mit einem Sechszylindermotor, der mit Schweröl betrieben wird, und einem modernen Gasmotor mit spezieller Stickoxid-Reinigungstechnik berechnet: Der Ausstoß von CO2 sinkt um 23 Prozent, von Stickoxiden um 80 Prozent und der giftige Schwefelanteil im Abgas sogar um 93 Prozent.
"Die harten Auflagen der IMO sind fast nur mit Gasantrieben zu erreichen", sagte Jörg Langkabel, der Deutschlandchef des norwegischen Schiffsklassifizierers Det Norske Veritas (DNV). "Außerdem rechnen wir damit, dass der Preisunterschied zwischen Gas und Schweröl immer größer wird." LNG ist das heißeste Thema auf der weltgrößten Schiffbaumesse SMM, die gestern in Hamburg begann.
LNG ist bereits mehr als eine Zukunftsvision: Der finnische Motorenbauer Wärtsilä hatte Ende vergangener Woche den ersten Auftrag an Land gezogen, einen Tanker auf Flüssiggasantrieb umzurüsten. Auf Fähren in Norwegen wird LNG bereits eingesetzt. Sie legen häufig und immer an den gleichen Häfen an - die Tankinfrastruktur ist daher nicht so komplex.
Die Infrastruktur ist das größte Problem: LNG-Lager müssen in den Häfen errichtet und Tankschiffe gebaut werden, die das Gas direkt in die Schiffe pumpen können. Ob Reeder, Häfen oder LNG-Lieferanten - wer die Milliardeninvestitionen trägt, die weltweit anfallen dürften, ist unklar. "Das wird ein riesiger Markt", sagte Sames von GL. Das Problem sei aber lösbar. "Wenn jetzt die ersten wichtigen Reeder in LNG-Projekte investieren, werden die Infrastrukturmaßnahmen ganz schnell folgen."
Das Problem ist nicht nur die Infrastruktur zum Betanken, sondern auch die Tanks an Bord. Sie nehmen wichtigen Transportplatz weg: Ein durchschnittliches Schiff, das aus Hamburg verschiedene Ostseehäfen anfährt, müsste für die zehntägige Tour auf rund drei Prozent der Ladung verzichten, damit genug Platz für die LNG-Tanks bleibt.
Deshalb investieren die Reeder vorerst in sogenannte Dual-Fuel-Motoren, die mit Gas und einem anderen Treibstoff, etwa Schweröl oder Diesel, betrieben werden. Solche Schiffe kosten laut GL im Bau zwar rund 20 Prozent mehr, trotzdem sei das Interesse der Branche enorm. "Spätestens wenn die neuen IMO-Regeln 2015 in Kraft treten, wird die Nachfrage sehr groß", sagte Sames. Die Reeder würden aber mit den Investitionen bis zum letztmöglichen Zeitpunkt warten.
Auch in der Kreuzfahrtbranche wird über LNG diskutiert. Die Touristendampfer legen häufig an, können also oft tanken und müssen wenig Treibstoff an Bord transportieren. "Wir fahren in die schönsten Gegenden der Welt, die müssen wir schützen", sagte Bernard Meyer, der Chef der Meyer Werft, die unter anderem die Aida Clubschiffe baut. "LNG als alternativer Antrieb wird immer ernster genommen. Es wäre eine gute Lösung, wenn die Schiffe mit Dualmotoren ausgerüstet sind, die in den Häfen auf LNG umschalten könnten." Die Branche arbeite bereits an ersten Projekten.