Der Frankfurter Rechtsanwalt Michael Frege wird vorläufiger Insolvenzverwalter des Versandhändlers Neckermann. Freges Kanzlei CMS Hasche Sigle teilte am Donnerstag mit, das Amtsgericht Frankfurt habe Frege und dessen Kollegen Joachim Kühne zu Insolvenzverwaltern für die neckermann.de GmbH und die Neckermann Logistik GmbH bestellt. "Die Kanzlei arbeitet mit Hochdruck an dem Verfahren", hieß es in der Mitteilung.
Frege wickelt bereits die Deutschland-Tochter von Lehman Brothers, die Lehman Brothers Bankhaus AG ab. Er ist der Bruder von Campino, dem Sänger der Punkrock-Gruppe "Die Toten Hosen".
Der Versandhändler Neckerman hatte am Mittwoch Insolvenz angemeldet. Zuvor waren Gespräche über den Abbau von 1380 Stellen beim Versandhändler abgebrochen worden. "Kurz vor der Zielgeraden sind wir gescheitert", sagte Verdi-Sekretär Bernhard Schiederig am Mittwoch nach Verhandlungen.
Der Eigentümer, der US-Finanzinvestor Sun Capital, werde keine weiteren Mittel für die Finanzierung zur Verfügung stellen. "Unter den gegebenen Rahmenbedingungen kann das Unternehmen in seiner bestehenden Form damit nicht fortgeführt werden", teilte Neckermann mit.
Der vom US-Finanzinvestor Sun Capital beherrschte Versandhändler mit bundesweit rund 2400 Arbeitsplätzen wollte den Eigenhandel mit Textilien sowie das Frankfurter Zentrallager aufgeben und dafür Stellen abbauen.
Nach wochenlangen Ringen hatten sich Management und die Gewerkschaft Verdi in letzter Minute auf eine Lösung geeinigt: Sozialplan, Abfindungen in begrenztem Umfang und eine Transfergesellschaft. "Kurz vor der Unterschrift hat Sun erklärt, dass sie kein Geld mehr zur Verfügung stellen, sodass die Zahlungsfähigkeit nicht mehr gewährleistet ist, sagte Verdi-Sekretär Schiederig.
Sun Capital hatte im April signalisiert, weitere 25 Mio. Euro in das Unternehmen zu investieren, wenn alle Beteiligten bei der Sanierung an einem Strang zögen. Allerdings wollte das Unternehmen Arbeitsplätze abbauen, ohne die Betreffenden in eine Transfergesellschaft zu überführen oder eine Abfindung zu bezahlen.
Neckermann.de gehört zu den größten Online-Versandhändlern in Deutschland. Das Unternehmen wurde 1950 in Frankfurt am Main als Neckermann Versand KG gegründet. 1995 startete es mit einem eigenen Onlineshop. Inzwischen erwirtschaftete Neckermann mit bundesweit rund 2400 Beschäftigten nach eigenen Angaben fast 80 Prozent seines Umsatzes über das Internet.
Der Kaufmann Josef Neckermann hatte bereits in der Nazizeit mithilfe des NS-Regimes mehrere Textilgeschäfte jüdischer Kaufleute übernommen. Wegen seiner Regimenähe durfte er in der unmittelbaren Nachkriegszeit zunächst nicht wirtschaftlich aktiv sein.
Die nach der Gründung 1950 immer dicker werdenden Kataloge mit preisgünstigen Textilien, Radios und großen Elektrogeräten waren bald in fast jedem Haushalt zu finden - wie die der Konkurrenten Otto oder Quelle. Der 1961 eingeführte Werbeslogan "Neckermann macht's möglich" wurde zum geflügelten Wort.
Neckermann stieg zudem ins Reisegeschäft ein, verkaufte Fertighäuser und Versicherungen und betrieb auch eine Kaufhauskette. In den 1970er-Jahren geriet das Stammhaus in die Krise und wurde 1977 mehrheitlich von der Karstadt AG übernommen, die später mit dem Versandhändler Quelle fusionierte. Die Umbenennung in Neckermann.de im Jahr 2006 stand für den neuen Fokus auf Online-Versandhandel.
Das Unternehmen wurde 2007 mehrheitlich an den US-Investor Sun Capital verkauft, ein Stellenabbau folgte. Nach der Pleite des KarstadtQuelle-Nachfolgers Arcandor übernahm Sun 2010 auch die übrigen Anteile. Neckermann-Reisen hat mit dem Versandhandel nichts mehr zu tun und gehört zum Tourismuskonzern Thomas Cook.