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Merken   Drucken   07.03.2006, 20:00 Schriftgröße: AAA

Reisewirtschaft: Bangemachen gilt nicht auf der ITB

Die Internationale Tourismus-Börse (ITB) wird wieder einmal von Krisen überschattet. Doch statt Vogelgrippe und Karikaturenstreit thematisieren die Veranstalter lieber ihr Partnerland Griechenland und die Fußball-WM 2006. von Jenny Genger
In Ferienlaune: die Urlaubsabsichten der Deutschen   In Ferienlaune: die Urlaubsabsichten der Deutschen
Griechenland steht in der Gunst der Deutschen ganz weit vorne. Zumindest wenn es um Wohlfühlfaktoren im Urlaub geht: Da schneidet das inselreiche Land an der Ägäis im Qualitätsranking des BAT Freizeit-Forschungsinstituts mit einem Spitzenwert von 82,6 Prozent ab. Auf Platz zwei hinter Österreich rangiert das südliche Balkanland in der Befragung wegen seiner herausragenden Gastfreundschaft noch vor den Ferienhochburgen Deutschland, Italien und Spanien. "Die Urlauber wollen in Atmosphäre baden", sagt BAT-Trendguru Horst Opaschowski. "Der Wohlfühltourismus wird zum prägenden Merkmal des 21. Jahrhunderts."
Ganz oben auf der Prioritätenliste für einen rundum gelungenen Urlaub liegen danach auch schöne Landschaften, gesundes Klima und Gemütlichkeit. Kriterien, zu denen Bilder von verendeten Schwänen und Nachrichten über die nun auch in Deutschland, Italien und der Türkei grassierende Vogelgrippe nicht so recht passen.
Während Schrecken und Unsicherheit über diese Epidemie die Reiselust auf die betroffenen Regionen dämpfen, erschütterten gleichzeitig die durch die Mohammed-Karikaturen ausgelösten Unruhen die Sicherheitslage in islamischen Ländern. Viele Reisebüro-Mitarbeiter haben deshalb Schwierigkeiten, die Kunden insbesondere von Flügen in die Türkei zu überzeugen.
Diese Entwicklungen machen der Tourismuswirtschaft derzeit zu schaffen. Auf der weltweit führenden Fachmesse, der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin, soll das in der kommenden Woche dennoch kein Thema sein. "Wir werden das nicht aktiv in den Vordergrund heben und sehen darüber hinaus auch keinen Grund für spezielle Maßnahmen", sagt ITB-Veranstalter Martin Buck. Stattdessen wird Michael Frenzel, Chef des größten europäischen Reisekonzerns TUI, wohl die Vorzüge Griechenlands, diesjähriges Partnerland der ITB, in seiner Begrüßungsrede am kommenden Mittwoch würdigen. Und Wirtschaftsminister Michael Glos wird bei seinem Vortrag zur Eröffnung der Messe voraussichtlich die Bedeutung der Reise-Industrie herausstreichen. "Die Branche feiert sich, aber das wahre Leben geht draußen weiter", sagt der Touristikprofessor Karl Born.
Gewöhnung an Katastrophen
Seit dem Anschlag auf das World Trade Center 2001 habe es kein einziges Jahr mehr gegeben, in dem nicht mindestens eine global wahrgenommene Katastrophe oder Krise in einem touristischen Zielgebiet stattgefunden hätte, sagte Rob Franklin, Vorsitzender der European Travel Commission, Ende 2005 auf einem Tourismuskongress in Pisa. Der Irakkrieg, BSE, Sars, die Bombenanschläge von Bali, Madrid oder London, der Tsunami in Südostasien, die Wirbelstürme "Katrina" und "Rita" sowie das Erdbeben in Pakistan - solche tragischen Ereignisse beeinflussten die touristische Nachfrage nach den betroffenen Zielgebieten Franklin zufolge in zeitlich und räumlich begrenztem Umfang.
Während es sich bei Naturkatastrophen in der Regel um zeitlich und räumlich schnell abgrenzbare Phänomene handele, sei die Gesundheitsgefahr, die von einer Epidemie für den Einzelnen ausgeht, in vielen Fällen schwer oder gar nicht abschätzbar, ergab eine Expertendiskussion in Pisa. Epidemien wie Sars oder die Vogelgrippe hätten deutlich emotionaler geprägte und damit weit weniger vorhersagbare Wirkungen. Epidemien stellten das größte Risiko für die Reiseindustrie dar.
Andererseits zeige sich, dass die Kunden ihr Kauf- und Reiseverhalten zunehmend den permanenten Gefahren anpassten. Trotz einer beständig hohen Zahl weltweiter Bedrohungen nehme deren Einfluss auf den internationalen Tourismus immer stärker ab, resümierte der Generalsekretär der World Tourism Organization (UNWTO), Francesco Frangialli. Mit aktuellen Buchungszahlen werden die deutschen Reiseveranstalter auf der ITB einen Eindruck über das derzeitige Verbraucherverhalten vermitteln.
Die vor einem Jahr vom Tsunami betroffenen Länder Sri Lanka, Thailand, Indien und die Malediven setzen nach den Einbußen auf ein kräftiges Anziehen der Nachfrage in diesem Jahr. Diese Länder nutzen gerade die ITB, um Kunden und Geschäftspartnern ihre wiederhergestellten Urlaubsregionen und restaurierten oder neuen Hotelanlagen zu präsentieren. Indien etwa hat auf der Messe erstmals eine eigene Halle gemietet. Und das von der Flutkatastrophe mit am stärksten betroffene Sri Lanka will zur ITB alle seine 248 Sterne-Hotels wieder in bestem Glanz vorführen können.
Statt Krisen zu thematisieren, wird die ITB in diesem Jahr voll im Zeichen der anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft stehen. Von diesem Großereignis verspricht sich die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) rund fünf Millionen zusätzliche Übernachtungen in Hotels und Pensionen. Zudem erwartet DZT-Chefin Petra Hedorfer durch die Investitionen von etwa 9 Mrd. Euro in Infrastruktur und neue Stadien auch nachhaltig positive Auswirkungen für die Attraktivität der deutschen Reiseziele über die Spiele hinaus.
Schon im Jahr 2004 war der Anstieg der Übernachtungen ausländischer Touristen mit 9,5 Prozent auf 45,4 Millionen mehr als zweimal so hoch wie der europäische Durchschnitt. Nach vorläufigen Schätzungen hielt dieser Trend auch im vergangenen Jahr an.
Auch die Deutschen werde die Fußball-Weltmeisterschaft nicht vom Reisen abhalten. "Die WM ist alles andere als eine Urlaubsbremse", sagt Martin Lohmann von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (F.U.R.). Nur ein Fünftel der von der F.U.R. Befragten wollten ihr Reiseverhalten in den Sommermonaten ändern. Viele planten ihren Urlaub zwar in der Zeit vor oder nach den Spielen, aber es gebe Reisende, die bewusst vor dem Massen-Event flüchteten. Bei den großen Reiseveranstaltern wie TUI und Thomas Cook ist bislang die eigentlich erwartete Buchungszurückhaltung für die Austragungszeit vom 9. Juni bis 9. Juli ausgeblieben.
  • FTD.de, 07.03.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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