Wer mit Kaufoptionsscheinen, sogenannten Calls, spekuliert, ist auf hohe Gewinne aus. Ein eingebauter Hebel sorgt bei diesen Papieren für überdurchschnittliche Gewinnchancen. Manchmal gehen solche Wetten auf, nicht selten enden sie aber mit einem Totalverlust.
Richtig spannend wird es, wenn sich Anleger bei einer bis dahin vernachlässigten Aktie wie Rhön-Klinikum mit Call-Optionsscheinen und Turbozertifikaten, einer anderen Version von Hebelprodukten, eindecken. Und das wenige Tage bevor das Übernahmeangebot des DAX-Konzerns Fresenius publik wird.
Zur Erinnerung: Am 26. April gab der Gesundheitskonzern Fresenius bekannt, den Klinikbetreiber Rhön-Klinikum übernehmen zu wollen. Das Angebot betrug 22,50 Euro je Aktie. Die Folge: Die Calls stiegen massiv im Wert, einige legten gar um weit mehr als 1000 Prozent zu. Zufall? Eher nicht. Denn wenn es unter Aktien der großen deutschen Indizes eine gibt, deren Kursverlauf als wirklich langweilig beschrieben werden kann, und die de facto im Markt für Optionsscheine und Turbos bis April keine Rolle gespielt hat, dann ist es die von Rhön-Klinikum. Jahrelang pendelte der Kurs in einer engen Spanne zwischen 14 und 19 Euro.
Das änderte sich am 26. April, als die Aktie nach dem Übernahmeangebot durch Fresenius um 50 Prozent nach oben schnellte. Doch nicht dieser Kurssprung ist es, der verwundert, sondern die enormen Käufe von Call-Optionsscheinen auf Rhön-Klinikum in den Wochen zuvor. Die Umsatzstatistik der Börsen in Frankfurt und Stuttgart zeigt rasant steigende Umsatzzahlen für die vier Wochen vor Abgabe des Übernahmeangebots. Zu beachten ist dabei: Damit Anleger mit den Rhön-Klinikum-Calls die angestrebten hohen Gewinne erzielen konnten, musste das Übernahmeangebot nicht irgendwann, sondern möglichst rasch erfolgen. Denn viele Optionsscheine wiesen nur noch eine kurze Restlaufzeit aus. Wie aus Emittentenkreisen zu hören ist und auch Erfahrungswerte zur Rhön-Aktie zeigen, sind Käufe von Call-Optionsscheinen auf diesen Wert in der Vergangenheit äußerst selten gewesen.
Beginnend am 12. April nahmen die Umsätze in Derivaten auf Rhön jedoch richtig Fahrt auf. So weist allein die Börse Stuttgart für den 12. April einen Umsatz von 26.000 Euro aus, für den 16. April sind es bereits exorbitant hohe 303.000 Euro. Dabei handelt es sich primär um Eindeckungen mit Call-Optionsscheinen. Auch in den Tagen bis zum Übernahmeangebot war ein reger Handel mit Calls zu beobachten.
Wie spekulativ und ausgesprochen wagemutig einige Investoren unterwegs waren, zeigt ein detaillierter Blick auf einzelne Papiere und Orders, die beispielsweise an der Börse in Frankfurt gehandelt wurden: Der Call von HSBC mit der Kennnummer DE000TB91Q81, einer Laufzeit bis September und einem Basispreis von 16 Euro wurde am 16. April ebenso wie das Papier mit der ISIN DE000 TB95G14 in Stückzahlen von 100.000 beziehungsweise 350.000 gekauft. Das entsprach einem Preis von 11.200 respektive 7100 Euro.
Nach Abgabe des Übernahmeangebots am 26. April lag allein der Wert dieser beiden Positionen - insgesamt wurden an der Frankfurter Derivatebörse Scoach 98 Rhön-Papiere gehandelt - bei knapp 250.000 Euro. Auch Papiere der Deutschen Bank oder von BNP Paribas hatten solche Zuwächse zu verzeichnen. So wurden allein in Frankfurt am 13. und 16. April insgesamt 30.000 Calls mit der ISIN DE000BN8EQ12 und 70.000 Scheine mit der Kennnummer DE000DE1HMP6 gehandelt. Eingesetztes Kapital in die zum Teil nur noch wenige Wochen laufenden Papiere: 9200 Euro. Der Wert am 26. April: über 160.000 Euro.
Die Reihe ließe sich fortsetzen. Am 16. April, knapp zwei Wochen vor Abgabe des Übernahmeangebots, lag das gehandelte Volumen an Optionsscheinen und Knock-outs auf Rhön-Klinikum an der Börse Stuttgart bei etwa 310.000 Euro - an einem Handelstag. Am gleichen Tag gingen an der Börse Scoach in Frankfurt Papiere im Wert von knapp 90.000 Euro über die Theke. Hinzu kommen noch etliche Transaktionen, die nicht über die Börsen, sondern im Geschäft direkt mit dem Emittenten abgewickelt wurden. An einem "normalen" Handelstag liegt der Umsatz in Derivaten auf Rhön im Bereich deutlich unter 10.000 Euro, während an den "heißen" Tagen im April allein mit wenigen Papieren die Marke von 500.000 Euro geknackt wurde.
Das Pikante dabei: Selbst gut informierte Händler und Brancheninsider hatten offenbar keinerlei Gerüchte vernommen, wonach ein Übernahmeangebot für Rhön Ende April anstehen könnte. Einige Orders könnten im April vermutlich von Kunden einer Schweizer Großbank gekommen sein. Verschont wurde bei dem Spiel offenbar der CFD-Markt. Hier konnte etwa die Wertpapierhandelsbank Cefdex, die die Anbieter Flatex und S Broker unterstützt, keine Anomalitäten bei Rhön-Klinikum beobachten.
Die Finanzaufsicht BaFin gab auf Anfrage an, "Hinweise bekommen zu haben und mögliche Insidergeschäfte nicht nur in Aktien, sondern auch in anderen Finanzinstrumenten zu überprüfen". Bei Fresenius hieß es: "Kein Kommentar." Bei Rhön-Klinikum weiß man von nichts. Allerdings gab es auch bisher weder seitens der BaFin noch von anderen Stellen weitere Nachfragen an die Unternehmen.
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