Viele Menschen, sagt Karl-Friedrich Rausch, fahren deshalb keine Bahn, weil sie meinen: "Wir verstehen das ganze System nicht, das ist uns zu kompliziert." Diese Erkenntnis ist allein schon deshalb bemerkenswert, weil sie von Rausch stammt. Er verantwortet als Vorstand den gesamten Personenverkehr der Deutschen Bahn. Und in dieser Funktion müht er sich derzeit, für viele Kunden die Regeln des Zugfahrens noch undurchsichtiger zu machen: Günstiges Bahnfahren als geheime Wissenschaft.
Jüngstes Beispiel: Der umstrittene Bedienzuschlag von 2,50 Euro, der kürzlich im Doppelpack mit der Fahrpreiserhöhung von 3,9 Prozent verkündet wurde. Diesen Aufpreis sollen die Kunden vom 14. Dezember an immer dann zahlen, wenn sie ihr ICE- oder Intercity-Ticket am Schalter kaufen. Wer seine Fahrkarten aus dem Automaten oder dem Internet zieht, bleibt davon verschont. Doch bevor die umstrittene Extragebühr fällig wird, bastelt Rausch schon wieder an deren Abschaffung - jedenfalls teilweise.
"Wir werden unsere Senioren von den Zuschlägen ausnehmen", verkündet Rausch nun generös. Gemeint ist eine Altersfreigabe der anderen Art. Wer eine Senioren-Bahncard besitzt, der kann sich den Schalterzuschlag künftig ersparen. Ob der intern bei der Bahn genannte "Rentner-Rabatt" ab einem Alter von 60 oder erst ab 65 Jahren greifen wird, ist allerdings noch ungewiss. "Geben Sie uns noch einige Tage Zeit für die Entscheidung", bittet Rausch.
Dass der Bahnvorstand nun plötzlich die älteren Menschen von der Sondergebühr freistellen will, liegt an den öffentlichen Protesten. "Die Kritik hat sich schon stark auf ältere Menschen konzentriert", räumt Rauch ein: "Deshalb adjustieren wir an der Stelle." Dieser Punkt geht also an Bundesverbraucherminister Horst Seehofer - er hatte der Bahn eine "kritische Prüfung" der Extrazahlung angedroht. Und an mehrere SPD-Verkehrsexperten, die sich laut und vehement gegen den Aufschlag stemmen. Und wohl auch an den Deutschen Gewerkschaftsbund, der eine bundesweite Unterschriftenaktion gegen die Sondergebühr starten wollte. Ältere Menschen seien gezwungen, sich einen Computer zuzulegen oder an den Automaten zu gehen, kritisiert die Gewerkschaft.
Weshalb Zugreisende, die unter einem Behinderungsgrad von 50 Prozent leiden, nun auch von der Bediengebühr freigestellt sein werden. Bislang war dies erst von 70 Prozent an vorgesehen. Und damit es für die Bahnkunden keinesfalls zu einfach wird, gilt der Obolus am Schalter ohnehin nicht für den Kauf von Nahverkehrstickets, Monatskarten und Ticket-Abos. Das jedenfalls hatte Rausch bereits vor zwei Wochen versprochen.
Nur für fünf Prozent aller Tickets falle künftig die Servicegebühr an, versucht der Bahnmanager nun zu beruhigen. Da stellt sich dann allerdings die Frage, warum Rausch den unpopulären Aufschlag, der ja nichts weiter ist als eine verschleierte weitere Preiserhöhung, durchgedrückt hat. Doch wohl nicht, weil ihm das ganze Ticketsystem zuletzt zu simpel war?