Henning von Kottwitz ist Jura-Absolvent und keiner von denen, die schon im Studium zielstrebig auf eine Beraterkarriere hingearbeitet haben. "Nach dem Examen stand ich schon mit anderthalb Beinen in einer Anwaltskanzlei", sagt er. Heute arbeitet von Kottwitz bei der Boston Consulting Group (BCG). Hier will der 30-Jährige "verschiedene Optionen für die spätere Karriere entdecken".
Von Kottwitz steht für eine neue Generation von Absolventen. Die Unternehmensberatungen, ehemals Traumarbeitgeber Nummer eins, gelten vielen Spitzentalenten, den so genannten High Potentials, heute nicht mehr als erste Wahl. "Der Negativtrend der vergangenen Jahre setzt sich fort", sagt Axel Keulertz, Bereichsleiter Research-Services der Kölner Karriereberatung Access.
Zwar stehen Access-Studien zufolge Consultingfirmen noch immer oben auf dem Wunschzettel der Wirtschaftsabsolventen, doch die Skepsis unter ihnen nimmt gewaltig zu. Während 1997/98 noch 43 Prozent der Wirtschaftsabsolventen mit einer Beraterkarriere positive Zukunftserwartungen verbanden, waren es 2002/03 nur noch 19 Prozent.
Noch kritischer äußern sich in einer Parallelstudie Young Professionals, also Einsteiger, die bereits ein paar Jahre Berufserfahrung mitbringen. Als abschreckend gelten ihnen in der Consultingbranche die große Unsicherheit des Arbeitsplatzes, das unausgewogene Verhältnis von Arbeit zu Freizeit und die Schwierigkeit, sich mit dem Arbeitgeber zu identifizieren.
Kritik einstecken - das ist eine völlig neue Disziplin für Consultingfirmen. Die Verfehlungen von Beratern und Wirtschaftsprüfern etwa beim amerikanischen Stromkonzern Enron haben Schlagzeilen gemacht und kräftig am Image der Branche gekratzt. "Das Berater-Bashing läuft seit eineinhalb Jahren ununterbrochen", sagt Just Schürmann, Recruiting-Director bei BCG. "Daher stoßen wir auf eine sehr verunsicherte Öffentlichkeit." Ein Recruiting-Director ist zuständig für den Nachschub an Personal.
Wirtschaftsflaute, Umsatzeinbrüche, Entlassungen im großen Stil: Die erfolgsverwöhnte Branche muss zurückstecken. Der Bedarf an neuen Kollegen ist rapide gesunken, wie der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) ermittelte. Nachdem die Branche im Boomjahr 2000 noch 16.000 Beraterstellen ausgeschrieben hatte, stürzte die Zahl im Jahr 2002 auf rund 5000 ab. Auch die Einstiegsgehälter werden immer geringer. Innerhalb der vergangenen beiden Jahre sind sie nach Angaben des BDU durchschnittlich um rund 15 Prozent gesunken.
Optimisten sehen die Talsohle bereits durchschritten. "Die große Entlassungswelle bei Managementberatungen ist vorüber", analysiert Professor Dietmar Fink vom Lehrstuhl für Unternehmensberatung und -entwicklung an der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg. Und BDU-Präsident Rémi Redley wagt sich noch weiter vor. "Viele Beratungen sehen bei den Aufträgen bereits Licht am Ende des Tunnels", so der Branchen-Insider, "aber das schlägt sich frühestens im kommenden Jahr auf die Arbeitsplätze nieder."
Ausnahmen bestätigen die Regel. Für die größten Managementberatungen ist Einstellungsstopp ein Fremdwort. So würden die Münchner Roland Berger Strategy Consultants allein im laufenden Jahr knapp 100 neue Kollegen einstellen, BCG hat 120 Stellen zu besetzen.
Und Marktführer McKinsey sucht händeringend 200 Berater. "80 könnten wir sofort einstellen", sagt Klaus Behrenbeck, für die Rekrutierung verantwortlicher Partner. "Wir finden allerdings nicht genug Nachwuchs."
Das Problem ist bei den großen Namen der Branche recht weit verbreitet. "Bei den Kandidaten hat sich die Spreu noch deutlicher vom Weizen getrennt", sagt beispielsweise der Chef von Roland Berger, Burkhard Schwenker. "Gestiegen ist zwar die Menge an Bewerbern, nicht aber die absolute Zahl guter Leute." Seine Firma muss daher dasselbe große Rad drehen wie vor Jahren, um die richtigen Leute für sich zu gewinnen.
Händeringen auch bei BCG. "Wir tun uns schwer damit, die Nadeln im Heuhaufen zu finden", gibt Rekrutierer Schürmann zu. Daher hat er das Recruiting-Budget im vergangenen Jahr sogar verdoppelt.
Der Kampf um die Talente geht weiter - nicht zuletzt deshalb, weil die Ansprüche der Personalverantwortlichen steigen. "Vor zehn Jahren war jemand, der ein Praktikum bei einer Großbank in New York absolviert hat, schon ein Held. Heute ist das Standard", räumt Behrenbeck von McKinsey ein. Trotz der hochkarätigen Auswahl: Seine Firma rechnet damit, dass 20 bis 40 Stellen unbesetzt bleiben wegen mangelnder Qualifikation der Bewerber.
Dabei rücken neue Typen in den Suchfokus der Beratungen, wie Roland-Berger-Chef Schwenker berichtet: "Seit ein, zwei Jahren suchen wir verstärkt Frauen sowie Naturwissenschaftler mit betriebswirtschaftlichen Grundkenntnissen."
Eine Zielgruppe, auf die es auch Mitbewerber McKinsey abgesehen hat. Allerdings steht nicht die Studienrichtung im Vordergrund, sondern das Engagement der Bewerber. "Wichtig ist, dass sie das, was sie tun, mit Leidenschaft tun", erklärt Behrenbeck. Dafür hat er die Recruiting-Kampagne "Passion wanted" gestartet, zu deutsch etwa: Wir suchen Leidenschaft. Die Bewerber können mit Reinhold Messner bergsteigen, mit Jutta Kleinschmidt, der Siegerin der Autorallye Paris-Dakar, Auto fahren oder mit Theaterregisseur Robert Wilson einen Opernprolog einstudieren.
Der Recruiting-Tourismus lebt - nicht ohne Grund. Denn bei diesen Veranstaltungen zur Nachwuchssuche müssen potenzielle Einsteiger auch ihre Teamfähigkeit unter Beweis stellen, also eine der so genannten Soft Skills, was frei übersetzt etwa so viel bedeutet wie sanfte Fähigkeiten. Die Personalfachleute bezeichnen damit die soziale Kompetenz eines Bewerbers.
Der Grund für das gesteigerte Interesse an der Teamfähigkeit: "Berater sind zunehmend auch für die Umsetzung ihrer Strategien verantwortlich", erklärt BDU-Präsident Redley. "Dafür müssen sie in gemischten Teams mit Mitarbeitern des Kunden zusammenarbeiten."
Teamerfahrung hat auch der frischgebackene BCG-Berater von Kottwitz. Der Newie, wie Kollegen ihn nennen, hat bereits bei Projekten mit Historikern, Physikern, BWLern und Maschinenbauern zusammengearbeitet. Trotz der Bereicherung: Ob das ein Job fürs Leben ist, wagt der Hamburger nicht zu sagen. Erst mal will er "auf jeden Fall einige Jahre" bei BCG bleiben. "Dann entscheide ich, ob ich nicht doch wieder in die Juristerei zurückgehe."