Merken   Drucken   02.10.2008, 08:09 Schriftgröße: AAA

Gesundheitswirtschaft: Auf dem Trockenen  

Die Kreditkrise hat den deutschen Klinikmarkt erreicht. Das Geld der Kommunen wird knapp, viele Städte und Landkreise werden ihre Kliniken verkaufen müssen. von Stefanie Kreiss, Lukas Heiny und Elke Spanner (Hamburg)
Die Kreditkrise beschleunigt den Umbruch auf dem deutschen Klinikmarkt. "Die Finanzkrise dürfte als Katalysator für weitere Privatisierungen und Eigentümerwechsel wirken", sagte Jens-Michael Otte, der bei der Deutschen Bank das Geschäft mit Kommunen leitet - wozu auch die Krankenhäuser gehören. Aufgrund sprudelnder Steuereinnahmen waren in den vergangenen Monaten nur wenige Krankenhäuser von privaten Klinikketten übernommen worden. Dies könnte sich jetzt schneller als erwartet ändern - wenn die Banken sich bei Finanzierungen stärker zurückhalten.
Erste Anzeichen sind schon sichtbar. "Viele Banken passen zur Zeit die Konditionen für Kredite an", sagt Otte. In Finanzkreisen heißt es, einige Banken hätten sogar aufgehört, Kommunen bei Kreditausschreibungen für Klinikfinanzierungen überhaupt ein Angebot zu machen.
Eine Zuspitzung der Situation erwarten auch der Deutschen Städte- und Gemeindebund und die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG). "Aufgrund der ohnehin schlechten Finanzlage sind Krankenhäuser zunehmend auf Kredite angewiesen - das dürfte teurer und schwieriger werden", sagte ein DKG-Sprecher.
Der finanzielle Spielraum der Kommunen wird eingeschränkt. Krankenhäuser im Besitz von Landkreisen oder Bundesländern nehmen in der Regel ihre Kredite bei regionalen Geldinstituten auf, etwa bei Landesbanken oder örtlichen Sparkassen. Die Kreditquote der kommunalen Häuser ist allerdings relativ gering, sagt Klinikexperte Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Sie liege im Schnitt bei rund zehn Prozent der Bilanzsumme. Die Finanzkrise wirke daher auf diese Häuser nicht lebensbedrohlich. "Doch neue Finanzierungswege, um den Investitionsstau zu umgehen, dürften nun erst einmal versperrt sein."
Schon jetzt müssen viele Häuser aus Geldnot auf Investitionen in Gebäude oder Medizintechnik verzichten. Die DKG beziffert den Investitionsstau auf rund 50 Mrd. Euro. Jedes dritte Haus sei von der Schließung bedroht, prognostiziert das RWI. Und mehr als die Hälfte der Häuser werde am Ende des Jahres einen Verlust einfahren, sagt Ökonom Augurzky. Die jüngste Finanzspritze für die Kliniken in Höhe von 3,2 Mrd. Euro bringe zwar etwas Entspannung. "Trotzdem ist es für viele Häuser zu wenig. Sie finanzieren lieber selbst, um zu überleben."
Akut sind nach Einschätzung von Experten auf dem Klinikmarkt keine Millionenprojekte gefährdet. Selbst am Uniklinikum Essen scheint es keine Schwierigkeiten zu geben - dort wird ein 300 Mio. Euro teures Protonentherapiezentrum gebaut, das von der angeschlagenen Fortis Bank und der Deutschen Bank finanziert wird. "Das Projekt ist abgesichert, die Finanzierung steht", sagte ein Sprecher.
Die privaten Klinikketten, sagt Augurzky, finanzierten einen Teil ihrer Investitionen oft selbst - ohne staatliche Fördermittel. Ihre Kreditquote sei doppelt so hoch wie die kommunaler oder frei-gemeinnütziger Häuser. "Es dürfte nun schwieriger werden, solche Strategien weiterzuverfolgen." Bei der größten deutschen Kette, Rhön Klinikum, sieht Finanzvorstand Dietmar Pawlik jedoch derzeit keinen Grund zur Sorge: "Unsere Finanzierungslinien sind bis 2012 abgesichert. Und wir haben ein breit aufgestelltes Bankenkonsortium."
Schwieriger könnte es für die Nummer zwei der Klinikketten werden, die Fresenius-Tochter Helios, sagt Ludger Mues, Healthcare-Experte bei Sal. Oppenheim. Fresenius sei durch die Akquisition des Generikaherstellers APP Pharmaceuticals in den USA höher verschuldet und habe kein Investmentgrade-Rating. Eine Helios-Sprecherin sagte jedoch, das Unternehmen sei von der Finanzkrise nicht betroffen und erwarte auch für die Zukunft keinerlei Auswirkungen.
Für Rhön-Finanzvorstand Pawlik ist klar, dass 2009 mehr Kliniken zum Verkauf stehen werden als in diesem Jahr. Die Krise sei gerade für kapitalschwache kommunale Häuser eine weitere Belastung in einer Situation, in der ihnen gestiegene Ärztegehälter und Energiekosten ohnehin zu schaffen machten.
Sollten demnächst wieder größere Häuser oder ein Uniklinikum auf den Markt kommen, stehe Rhön bereit, sagte Pawlik: "Wenn so etwas ansteht, wären wir finanzierungsfähig." Derzeit stehen nach Einschätzung von Sal. Oppenheim etwa zehn Kliniken zum Verkauf, durchweg kleine und mittlere Häuser mit bis zu 400 Betten.
Wer sich als börsennotierte Klinikkette in den Turbulenzen der nächsten Wochen gut behaupte, habe beste Chancen, langfristig für Aktionäre interessant zu sein, sagt Healthcare-Analystin Christa Bähr von der DZ Bank. "Gesundheitsaktien werden gerade in unruhigen Zeiten als relativer sicherer Hafen gesehen. Sie werden trotz vergleichsweise hoher Bewertung gefragt bleiben."

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