Alten- und Behindertenpflege ist das Kerngeschäft der Marseille-Kliniken
Mehr als ein Jahr ist es her, dass die Marseille-Kliniken in Berlin-Kreuzberg ein altes Arbeiterwohnheim kauften. Rund 5 Mio. Euro hat der Konzern nach eigenen Angaben seitdem investiert, Mitte Dezember soll das 171-Betten-Haus eröffnet werden. Betreiber der Einrichtung, die ausschließlich türkische Senioren aufnehmen will, ist eine gemeinsame Gesellschaft, an der neben Marseille das neu gegründete Versorgungswerk der Türkischen Gemeinde Berlin (TGB) zu 20 Prozent beteiligt ist. "Wir reagieren auf ein echtes Bedürfnis", sagt TGB-Generalsekretär Celal Altun.
Marseille ist der bekannteste Betreiber, der auf einen wachsenden Bedarf reagiert. Hauptzielgruppe sind die rund 2,6 Millionen Menschen türkischer Abstammung in Deutschland; mehr als 190.000 von ihnen - viermal so viele wie vor zehn Jahren - sind älter als 60. Was für Deutsche gilt, trifft immer häufiger auch auf die hier lebenden Türken zu: Traditionelle Familienstrukturen brechen auf, Kinder ziehen in andere Städte, um dort zu arbeiten. "Die erste Gastarbeitergeneration kommt ins Rentenalter", sagt Christa Schrader vom Berufsverband für Pflegeberufe. Viele bräuchten künftig professionelle Heimbetreuung.
Aus Expertensicht ist das Umdenken im Pflegebereich lange überfällig, sagt Ilhan Ilkilic vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Universität Mainz. Falsche Diagnosen oder die stillschweigende Verweigerung der Therapie aus religiösen Gründen verzögerten die Heilung und machten die Behandlung teuer, sagt Ilkilic.
"Männer verharmlosen Probleme nicht selten"
Einige Anbieter haben bereits damit begonnen, ihre Angebote stärker auf die Bedürfnisse von Migranten auszurichten, zum Beispiel die Fachklinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie "Am schönen Moos" in Bad Saulgau. "Der Sprachschatz der türkischen Frauen reicht zumeist für einen Einkauf im Supermarkt, aber nicht, um körperliche oder gar seelische Leiden zu beschreiben", sagt Verwaltungschefin Beate Hoffmann. Doch wenn Söhne oder Ehemänner das Wort für die Patientin führten und übersetzten, entstehe oft ein völlig falsches Bild: "Die männlichen Angehörigen lügen oder verharmlosen nicht selten, zumal sie in vielen Fällen Teil des Problems sind", sagt Hoffmann.
Vorreiter im Altenpflegebereich war das erste deutsche "Multikulturelle Pflegeheim Haus am Sand" in Duisburg. Vor zehn Jahren eröffnet, leben dort derzeit 96 Bewohner, darunter 18 Migranten. "Für uns ist das Leben mit verschiedenen Kulturen schon ganz normal", sagt Geschäftsführer Ralf Krause. Allerdings blieben die verschiedenen Nationalitäten meist unter sich.