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Merken   Drucken   15.03.2008, 11:00 Schriftgröße: AAA

Gesundheitswirtschaft: Gefangen in der Fortschrittsfalle  

Paradoxe Medizin: Weil weniger Krankheiten tödlich verlaufen, steigen die Kosten für das Gesundheitssystem. Deshalb müssten die vorhandenen Mittel zielgerichteter eingesetzt werden. von Hanna Grabbe (Berlin)
Als Alexander Fleming 1928 das Penicillin entdeckte, löste er in der Medizin eine Revolution aus. Weitere folgten: 1967 verpflanzte der Chirurg Christiaan Barnard das erste menschliche Herz. In den 80er-Jahren wurde erstmals Knochenmark transplantiert.
Heute sprechen Forscher bereits von der Möglichkeit, Hirnzellen zu ersetzen. Der medizinische Fortschritt hat keine Grenzen. Einzig die Frage, wer die flächendeckende Anwendung der modernsten Verfahren und Medikamente bezahlen soll, bleibt unbeantwortet. "Medizinisch ist längst wesentlich mehr möglich und sinnvoll, als finanziert werden kann", sagte Walter Krämer Lehrstuhlinhaber am Institut für Wirtschafts- und Sozialstatistik der Universität Dortmund. Er spricht aus, was in Deutschland bislang kaum jemand akzeptieren möchte: "Spitzenmedizin kann es nicht für jeden geben. Eine Rationierung ist unausweichlich."
So paradox es klingt: Rein statistisch gesehen wären die Menschen ohne medizinischen Fortschritt gesünder. Die heutige Medizin kann zwar nicht alle Krankheiten heilen, aber sie verlaufen oft nicht mehr tödlich. Der Anteil kranker Menschen an der Bevölkerung - und die Kosten - steigen. "Wir müssen den Abfluss der Ressourcen ins Gesundheitswesen bremsen", forderte Krämer. Im Unterschied zum Fortschritt in der Informationstechnologie, wo neue Verfahren entwickelt werden, die die Versorgung günstiger machen, würden in der Medizin neue Diagnoseverfahren und Therapien geschaffen, die das Angebot ausweiten und verteuern.
"Es ist doch genug Geld da", beteuerte Hans Jürgen Ahrens, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbands. "Das Gesundheitswesen ist ein blühender Industriezweig." Das Geld müsse jedoch zielgerichteter eingesetzt werden. "Die Rabattverträge für Medikamente waren ein richtiger Schritt. Aber wir müssen noch viel weiter gehen", sagte Ahrens. "Wir brauchen kassenspezifische Positivlisten." Patienten würden dann nur noch eine Auswahl an Medikamenten auf Rezept erhalten. "Jeder wird auch in Zukunft die Leistungen bekommen, die er braucht. Aber man wird sich daran gewöhnen müssen, nicht immer genau das Medikament zu bekommen, das man gerade will."
Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité, wies darauf hin, dass nicht jede mögliche Behandlung medizinisch notwendig sei. Die aktuelle Diskussion über kostspielige Protonentherapie gegen Krebs beispielsweise sei "ein wilder, von Interessengruppen geleiteter Hype."
Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, verwahrte sich gegen den Begriff Rationierung - auch wenn das Thema etwa in Schweden oder Großbritannien seit Jahren diskutiert wird. "Wir müssen vielmehr sehen, wie wir die vorhandenen Ressourcen effizienter einsetzen." Auch mangele es an finanziellen Anreizsystemen. Frei räumte ein, Kliniken hätten in der Vergangenheit in Sachen Effizienz zu wenig getan. "Doch irgendwann ist auch hier die Grenze erreicht."
  • Aus der FTD vom 15.03.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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