hristian Utler tippt sich mit dem stumpfen Ende seines Bleistifts gegen den rechten Nasenflügel, dann gegen die Stirn, die kahl rasierten Schläfen, zurück zum Nasenflügel. Utler denkt nach. Über Fallzahlen, Operationszeiten, Sterberaten und darüber, was Patienten noch wissen wollen, bevor sie sich in ein Krankenhaus einweisen lassen.
Der Leiter des Qualitätsmanagements des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) ist ein großer hagerer Mann, dem egal was, nicht schnell genug, nicht weit genug geht. „Wenn wir Transparenz wollen, müssen wir sie selbst schaffen“, sagt er unruhig. Es ist paradox: In kaum einem Land können sich Patienten so frei für eine Klinik entscheiden wie in Deutschland. Gleichzeitig stehen in kaum einem Land weniger Informationen über die Qualität der Krankenhäuser zur Verfügung.
Zwar werden die Leistungen der Kliniken kontinuierlich überprüft, die Ergebnisse jedoch bleiben weitgehend geheim. Jetzt aber veröffentlichen 24 Hamburger Kliniken freiwillig ihre vollständigen Qualitätsdaten – auch die Todesraten. Mit ihrer Internetplattform Hamburger-Krankenhausspiegel.de sind die beteiligten Kliniken die ersten in Deutschland, die einen so ungefilterten Einblick in ihre Operationssäle gewähren.
"Offen mit unseren Qualitätsdaten umzugehen ist die Basis für einen sinnvollen Wettbewerb. Und es beflügelt die interne Diskussion", sagt Jörg Debatin, Vorstandschef des UKE. Gemeinsam mit den privaten Asklepios Kliniken hatte er das Projekt 2006 ins Leben gerufen.
Unterstützt wird die Initiative von der Hamburger Ärztekammer, der Landesgeschäftsstelle Qualitätssicherung, der Hamburger Verbraucherzentrale und der Techniker Krankenkasse. Inzwischen erfasst der Krankenhausspiegel mehr als 90 Prozent der Hamburger Krankenhausbetten - in keiner deutschen Region können die Patienten das Angebot so umfassend vergleichen.
Die Hamburger Klinikbetreiber wissen, dass Offenheit ein entscheidendes Kriterium ist, um sich in einer der umkämpftesten Krankenhausregionen Deutschlands zu positionieren. "Der Klinikmarkt in Hamburg ist ein Haifischbecken. Wer beim Thema Transparenz nicht mitmacht, über den wird mit den Füßen abgestimmt", sagt Tom Krause, Qualitätsmanager im Albertinen-Krankenhaus, einem 1000-Betten-Haus in freigemeinnütziger Trägerschaft.
Der direkte Vergleich mit der Konkurrenz, die manchmal nur wenige Hundert Meter weiter sitzt, soll intern Druck erzeugen und die Mitarbeiter zu besseren Leistungen motivieren. Nach außen hin wollen die Häuser zeigen, dass sie auch mit ihren Schwächen offen umgehen. "Selbst wenn die Ergebnisse nicht top sind, beruhigt es die Patienten, dass wir uns damit auseinandersetzen", sagt Debatin.
Experten sehen die Initiative auch als Marketinginstrument: "Die Kliniken wollen Patienten anziehen, indem sie zeigen, dass sie nichts zu verbergen haben", sagt Max Geraedts vom Lehrstuhl für Public Health an der Uniklinik Düsseldorf. Mittlerweile überlegen Krankenhausbetreiber aus ganz Deutschland, das Konzept zu übernehmen.
Münchner Kliniken haben angefragt, in Hannover soll das Projekt im Mai mit 20 beteiligten Häusern starten. Und in Hamburg diskutieren Christian Utler und die Qualitätsmanager der anderen Kliniken bereits die nächsten Schritte. Ob die Spitäler im Umland mitmachen dürfen, wie man bei Google ganz oben auftauchen kann und welche Daten künftig ins Internet sollen.