Merken   Drucken   13.11.2009, 08:00 Schriftgröße: AAA

Gesundheitswirtschaft: Labor Ost

20 Jahre nach dem Mauerfall wird Ostdeutschland zum medizinischen Notstandsgebiet. Dadurch aber entstehen neue Versorgungsmodelle - die für den Westen zum Vorbild werden können.

An diesem Vormittag waren es 60 Patienten. Tobias Flöter lacht kurz auf, als ihm bewusst wird, welches Pensum er wieder einmal bewältigt hat. Dabei hat er es noch ganz gut. Er schafft sogar noch eine Mittagspause, ehe es weitergeht. Kurz zwar, aber immerhin. Eine Mittagspause ist für Ärzte in den neuen Bundesländern keine Selbstverständlichkeit. Sie ist eher etwas für Mediziner im Westen und für die Ost-Kollegen, die in den wenigen Metropolen arbeiten. Flöter ist Chirurg in Cottbus. Dort gibt es sogar drei Chirurgie-Praxen. "Ich habe eine recht komfortable Situation", sagt er.

Seine Kollegen auf dem Land sind zu dieser Zeit schon längst mit dem Auto unterwegs, um Patienten zu besuchen, die es nur schwer in eine Praxis schaffen würden. Die werden immer mehr. Gerade auf dem Land altert die Gesellschaft rapide. Rund um Greifswald etwa wird 2020 fast ein Drittel der Bevölkerung älter als 65 Jahre sein - 2002 waren es noch 16,9 Prozent. Und mit der Alterung der Gesellschaft wandeln sich auch deren Bedürfnisse: Alte Menschen erkranken oft chronisch, zumeist an mehreren Krankheiten parallel.

Sie brauchen vor allem eine kontinuierliche Betreuung durch Ärzte in der unmittelbaren Umgebung ihrer Wohnung. Gerade in den neuen Bundesländern aber nimmt die Zahl niedergelassener Hausärzte und Fachärzte von Jahr zu Jahr ab. 2007 etwa hatte ein Arzt im Westen im Schnitt 3353 Krankheitsfälle. Im Osten waren es 4274. "In zwei bis drei Jahren", sagt Wolfgang Hoffmann, geschäftsführender Direktor am Institut für Community Medicine der Uni Greifswald, "wird die Versorgung auf dem Land prekär."

Junge Ärzte für Ostdeutschland gesucht

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit. 20 Jahre nach dem Mauerfall droht der Osten Deutschlands zum medizinischen Notstandsgebiet zu werden. Schon heute gelten ganze Regionen als unterversorgt. Verzweifelt versuchen Politik und kassenärztliche Vereinigungen, junge Ärzte dorthin zu locken. In Sachsen etwa bekommen Medizinstudenten Stipendien, wenn sie sich verpflichten, später auf dem Land zu arbeiten. Hausärzte werden bei Eröffnung einer Praxis mit 30.000 Euro unterstützt, Brandenburg zahlt 50.000 Euro für die Übernahme eines alten Arztsitzes. In dünn besiedelten Regionen gibt es fallzahlabhängige Boni. Doch all das ist nur ein Rumdoktern am Symptom. Ist die Wunde an einer Stelle verheilt, klafft an einer anderen eine neue auf.

"Der Hausarzt alten Stils, der 24 Stunden am Tag für seine Gemeinde da ist, ist einfach nicht mehr zeitgemäß", resümiert Matthias Schrappe, stellvertretender Vorsitzender des Sachverständigenrates Gesundheit der Bundesregierung - und fordert ganz neue Versorgungsmodelle ein: regional differenziert und auf genau die Bevölkerung zugeschnitten, die in einem Landstrich lebt. Bei denen sich Allgemeinmediziner, Fachärzte und Kliniken nicht länger Konkurrenz machen, sondern an einem Strang ziehen. "Das ist das Zukunftskonzept", sagt Schrappe.

In der Lausitz hat die Zukunft schon ein kleines bisschen angefangen. Zumindest für die rund 24.000 Patienten, die bei der Knappschaft und der DAK versichert sind. Der Landstrich in Brandenburg gilt als unterversorgtes Gebiet, der nächste Facharzt ist oft 30 Kilometer weit entfernt. "Durch den Ärztemangel hat ein Hausarzt bei uns vielfältigere Aufgaben als in einer Metropole", sagt Inge Aron-Schön, Projektleiterin der Knappschaft. Das versucht die Kasse über das Ärztenetz "Prosper Lausitz" aufzufangen.

Effizientes Arbeiten

Bei Prosper haben sich 265 niedergelassene Ärzte aller Fachrichtungen sowie das Carl-Thiem-Klinikum Cottbus und das Krankenhaus Spremberg zusammengeschlossen. Die Mediziner setzen sich regelmäßig an einen Tisch - ungewöhnlich genug. Dort legen sie den Ablauf der Behandlung häufiger Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes, Asthma, Mamakarzinom und Knieerkrankungen fest.

Alle Ärzte im Netz therapieren nach diesen Behandlungspfaden, stimmen sich bei den einzelnen Patienten intensiv untereinander ab. Das Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum hat Anfang September sogar eine Hotline geschaltet, bei der die niedergelassenen Ärzte aus der Region jederzeit anrufen und sich bei der Behandlung eines Patienten beraten können. "Wir können die begrenzten Ressourcen dadurch optimal einsetzen", sagt der Cottbusser Chirurg Flöter, Vorstand des Prosper-Ärztenetzes.

Im deutschen Gesundheitswesen sind die kassenärztlichen Vereinigungen dafür zuständig, die medizinische Versorgung einer Region sicherzustellen. Den Bedarf an Arztpraxen planen sie bisher allein anhand der statistischen Arztdichte - unabhängig davon, welche ärztlichen Leistungen in welchem Maße nachgefragt werden. In Brandenburg und Thüringen gibt es Pläne, Kriterien wie die Altersstruktur und Morbidität der Bevölkerung mit einzubeziehen.

Teil 2: Eine Liste der Erkrankungen

  • FTD.de, 13.11.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland
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