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  04.10.2009, 08:00    

Gesundheitswirtschaft: Miese Altenpfleger-Löhne stoppen Branchenboom

Qualifizierte Pfleger sind heiß begehrt - nur bezahlen will sie keiner. Niedriglöhne und fehlende Karrierechancen könnten den Branchenboom bald stoppen. von Julia Kimmerle
Die junge Frau mit blondem Pferdeschwanz und grauem Pullover sieht sehr zufrieden aus. "Zuerst wollte sie Managerin werden. Dann Seelsorgerin, dann Ärztin, dann Therapeutin. Jetzt ist sie alles auf einmal", steht in großen Buchstaben neben ihr auf dem Plakat. Es wirbt im Auftrag des Familienministeriums für die "Moderne Altenpflege". Für Maria Schmitz* klingen solche Sprüche wie purer Hohn.
Seit 15 Jahren arbeitet sie in der Branche und weiß, dass Altenpflege alles andere als ein Traumberuf ist: "Das ist harte, körperliche Arbeit, mit Schichtdienst und Wochenendarbeit. Und die Gehälter sind überall unter Druck - mich wundert es nicht, dass das für wenige Jugendliche attraktiv ist." Fast 90 Prozent der Altenpfleger in Deutschland schätzen das öffentliche Bild ihres Berufs als schlecht bis sehr schlecht ein, fand eine aktuelle Umfrage des Bundesverbands der Pflegeberufe heraus.
Schlechtes Image, harte Arbeit und vor allem die niedrigen Löhne machen der bislang krisenfesten Branche zu schaffen - denn ohne Personal kein Wachstum: "Der Mangel an qualifizierten Pflegefachkräften könnte für das Wachstum des Pflegemarkts in manchen Regionen zu einem Problem werden", sagt Sebastian Krolop, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Admed und Mitautor des "Pflegeheim Rating Reports 2009".
Noch boomt das Geschäft
Der Markt für Pflegedienstleistungen wächst am stärksten innerhalb des Gesundheitswesens und erreichte 2007 einen Umsatz von 27 Mrd. Euro. Nach Krankenhäusern, Arztpraxen und Apotheken belegen die Angebote von ambulanten Pflegediensten und Pflegeheimen damit Platz vier. Bis 2030 wächst das Marktvolumen auf 42 Mrd. Euro an, erwarten die Experten vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI).
Die Mitarbeiter allerdings profitieren von der starken Nachfrage kaum. Im Gegenteil: In dem hart umkämpften Markt, ist das Personal einer der größten Kostenfaktoren - und die Schraube an der fast alle Pflegebetreiber zu drehen versuchen. "Bei einem Personalkostenanteil von 70 bis 80 Prozent in der Pflege ist dieser Posten der erste, an dem die Träger zu sparen versuchen", sagt Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaft und Sozialpolitik der FH Koblenz.
Als Folge des Immobilienbooms der vergangenen Jahre haben viele Betreiber jetzt mit leeren Betten zu kämpfen. "Gerade die großen Konzerne sind wie die Irren in den Markt reingelaufen und haben Heime gebaut, die jetzt nicht belegt werden", sagt ein Analyst. In einigen Regionen liegt die Auslastung der Pflegeheime unter 70 Prozent, stellt der Pflegeheim-Report des RWI fest. Er sieht für 13 Prozent der Einrichtungen erhöhte Insolvenzgefahr. Private Heime schneiden noch schlechter ab. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen sie die Löhne senken.
Stimmung am Boden
Examinierte Pflegefachkräfte, die nach Tarif bezahlt werden, können nach zehn Jahren eigentlich mit etwa 2500 Euro Brutto rechnen. Dem Deutschen Gewerkschaftsbund zufolge bekommen jedoch fast Dreiviertel aller Pflegebeschäftigten weniger als 2000 Euro. "Besonders bei den Pflegehilfskräften wird gespart.
Private Anbieter zahlen zum Teil nur Stundenlöhne von 6 Euro und weniger", sagt Ute Gottschaar, Pflegeexpertin beim Verdi Landesbezirk Niedersachsen-Bremen. Bislang gibt es keinen gesetzlichen Mindestlohn in der Pflege. Das nutzten vor allem private Anbieter, um die Löhne für Hilfskräfte oder Mitarbeiter in der Küche zu drücken, glaubt man bei Verdi. Dagegen gelten die Freigemeinnützigen bei den Angestellten bisher als attraktive Arbeitgeber, denn sie zahlen nach Tarif. Noch.
In Niedersachsen hat jetzt erstmals ein freigemeinnütziger Träger Tarifvereinbarungen gekippt. Um sechs bedrohte Pflegeeinrichtungen der Caritas Hannover vor der Insolvenz zu retten, übernahm das diakonische Johannesstift aus Berlin die Heime. Pikantes Detail des Kaufvertrags: Die 580 Beschäftigten mussten dem neuen Tarif des Johannesstiftes zustimmen - und bekommen künftig 13 Prozent weniger Gehalt.
Die Stimmung zwischen Diakonie und Caritas liegt am Boden, schließlich wollten sie sich in Niedersachsen einst gemeinsam für eine bessere Bezahlung der Pfleger starkmachen. Die werfen ihnen jetzt Lohndumping vor.

Teil 2: Unterschiede zwischen den Bundesländern

  • FTD.de, 04.10.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland
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