Die Millionenlasten der Altersversorgung sind tickende Zeitbomben
Der fatale Satz versteckt sich im Anhang der Bilanz. In den Geschäftsberichten der privaten Krankenhauskonzerne Rhön-Klinikum und Helios genauso wie in den Bilanzen Hunderter kommunaler Häuser.
Auf den ersten Blick scheint der Hinweis, "für eine bestimmte Anzahl von Mitarbeitern Umlagebeiträge an das Versorgungswerk des Bundes und der Länder" zu leisten, unspektakulär zu sein. Doch die Worte bergen Sprengstoff. Sie weisen auf künftige Millionenbelastungen hin, die jahrelang von Banken und Managern kaum beachtet wurden.
An der Organisation der betrieblichen Altersversorgung hängt das Schicksal vieler Kliniken. Sie entscheidet über Gewinner und Verlierer im Wettbewerb. "Ohne Gegensteuern wird uns das System irgendwann erdrücken, schon jetzt stecken wir jedes Jahr Millionen in den Wind", sagt Rüdiger Strehl, kaufmännischer Direktor der Uniklinik Tübingen und Generalsekretär des Verbands der Uniklinika Deutschlands.
Wechsel in anderes System notwendig
Rund 13 Prozent der Personalkosten wenden Kliniken für die betriebliche Altersversorgung durch die Versorgungsanstalt des Bundes und der Länder (VBL) auf, rechnet die Volksfürsorge vor - um vier Prozent des Gehalts abzusichern.
Für diese Leistung reichten rund fünf Prozent der Lohnsumme. Doch dafür ist ein Wechsel in ein anderes System notwendig. Und der ist für die meisten Häuser unmöglich, weil sie sich die hohen Ablösesummen nicht leisten können. Sie sitzen in der Falle.
Öffentlich-rechtliche Zusatzversorgungskassen zahlen den Mitarbeitern der beteiligten Arbeitgeber ihre betrieblichen Renten, finanziert durch monatliche Umlagen der Unternehmen. Mehr als 30 solcher Kassen gibt es, mit vier Millionen Versicherten und einer Million Rentnern ist die VBL die größte. Monatlich zahlt sie rund 345 Mio. Euro aus.
System vor dem Kollaps
Dabei müssen immer weniger Beitragszahler immer mehr Rentner versorgen. Finanzierten in der VBL in Westdeutschland 1999 noch durchschnittlich 1,72 Versicherte einen Rentner, waren es 2004 nur noch 1,48. Den meisten Kassen geht es zwar noch besser. Aber die steigende Lebenserwartung, der Personalabbau im öffentlichen Dienst und das Ausscheiden einiger Unternehmen aus dem Versichertenpool verschlechtern die Quoten weiter.
Langfristig werde sich das Verhältnis bei 1:1 einpendeln, prognostiziert die Unternehmensberatung Dr. Dr. Heissmann. "Die Krankenhäuser sitzen auf Zeitbomben, die sie oft nicht einmal kennen", sagt Hans Melchiors, Vorstand Betriebliche Altersversorgung bei der Volksfürsorge. Die Umlage für die Unternehmen wird weiter steigen. Das System steht vor dem Kollaps.
Die Lage ist schon jetzt dramatisch. Im Westen zahlt ein Krankenhaus 6,45 Prozent der Lohnsumme als Umlage an die VBL, die Mitarbeiter 1,41 Prozent. Seit 2002 kommt ein Sanierungsbeitrag von durchschnittlich zwei Prozent dazu, um die Finanzlöcher zu stopfen.
"Mittelfristig rechnen wir mit einem Absinken der Finanzierungslast", heißt es bei der VBL. Die meisten Experten sind anderer Meinung. "Am liebsten würden wir mit Mann und Maus aus dem System aussteigen", sagt Klinikmanager Strehl.
Deutlich günstigere Konditionen möglich
Theoretisch ist das Umsatteln auf ein kapitalgedecktes System mit deutlich günstigeren Konditionen möglich. Beim Ausstieg müssen die Kliniken aber einen Gegenwert zahlen, mit dem sie die Ansprüche, die beim Versorgungswerk bestehen bleiben, vorfinanzieren. Künftig beteiligen sie sich ja nicht mehr an der Umlage.
Die Uniklinik Tübingen rechnet etwa mit 200 Mio. Euro, die fällig würden. Bei der Uniklinik Ulm sollen es 150 Mio. Euro sein. Experten rechnen näherungsweise mit 50.000 Euro pro Kopf, obwohl der Gegenwert extrem unterschiedlich ausfalle. "Aus eigener Kraft wird das keiner schaffen", so Rudolf Mintrop, Geschäftsführer am Klinikum Oldenburg. Dort soll der Gegenwert bei 50 Mio. Euro liegen.
Während die Kliniken in Ostdeutschland wegen der kurzen Mitgliedschaft in den Versorgungswerken und den daher niedrigen Anwartschaften relativ leicht aussteigen konnten, gelang das im Westen nur selten. Wie bei den Städtischen Kliniken Bielefeld.