Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Uni klaut", skandierten am Dienstag etwa 700 Mitarbeiter des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck. Hinter den Mauern, in Haus 73, tagte derweil der Aufsichtsrat - über ein Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Der Inhalt dieses 300-seitigen Papiers sorgt seit Tagen für Unruhe im Norden: "Die Alarmglocken schrillen so laut wie nie", sagt etwa Monika Heinold, Fraktionsgeschäftsführerin der Grünen, der Opposition im Landtag. Das UKSH sei "zum Ausschlachten freigegeben".
In der Tat sind die Vorschläge erstaunlich konkret: In dem Gutachten präsentiert KPMG fast 40 Unternehmen, die sich am UKSH beteiligen wollen, teils mit weit entwickelten Modellen. "Wir haben prüfen lassen, welche Wege es gibt, das Klinikum neu zu organisieren", heißt es aus dem CDU-geführten Wirtschaftsministerium, das den Bericht in Auftrag gab. Im April soll der Aufsichtsrat endgültig entscheiden.
Deutschlands Unikliniken haben massive Probleme. Mit rund 13 Mrd. Euro Jahresumsatz halten die 34 Häuser zwar rund 20 Prozent am Krankenhausmarkt. Doch zwei Drittel schreiben rote Zahlen. Komplexe Entscheidungswege zwischen Fakultät, Politik und Klinik, die Tarifmodelle des öffentlichen Dienstes, das schwerfällige Vergaberecht sowie politisch dominierte Aufsichtsräte behindern sie.
Einer der größten Problemfälle
Das UKSH, die drittgrößte Klinik Deutschlands, gehört zu den größten Sorgenfällen: Der Investitionsstau beträgt rund 400 Mio. Euro, das jährliche Defizit 17 Mio. Euro. "Wir stehen im Brennpunkt der Krise", sagt Carl Hermann Schleifer, Kaufmännischer Vorstand der Klinik.
Die Liste der Rettungsversuche ist lang. 2003 wurden die Kliniken in Kiel und Lübeck fusioniert. 2006 empfahl das Beratungsunternehmen Deloitte, das UKSH in eine Holding zu verwandeln - und die Krankenversorgung zu privatisieren. Nun hat KPMG in einem Markterkundungsverfahren mögliche private Partner gesucht.
Insgesamt 27 Unternehmen - darunter Siemens, Dräger Medical, der Dienstleister Götz und die Servicetochter der privaten Klinikgruppe Damp - haben danach Interesse, Teile der "tertiären Dienste" zu übernehmen. Dazu zählen Gebäudemanagement, IT-Dienste, Sterilgutversorgung oder Logistik. In gemeinsamen Tochtergesellschaften, an denen die Uniklinik die Mehrheit hält, wollen sie diese Dienste effizienter organisieren. Bis zu 15 Mio. Euro jährlich könnten gespart werden, heißt es.
In einem zweiten Schritt könnten dann Verwaltung und Krankenversorgung ausgegliedert werden, so die Empfehlung. Die DRK-Schwesternschaften, die schon heute 800 Pflegekräfte im UKSH stellen, könnten demnach etwa das Pflegemanagement übernehmen. "Im Rahmen des Sanierungsprozesses wollen wir die bisherige Partnerschaft intensivieren", bestätigt Irma Totzki, die Vorsitzende der DRK-Schwesternschaft Lübeck.
Ein weit ausgearbeitetes Modell hat auch der private Krankenhausbetreiber Rhön-Klinikum eingereicht. Der Konzern will sich an Investitionen beteiligen, die ausgegliederten Dienste kontrollieren und maßgeblich die Krankenversorgung steuern. Erfahrung ist da: Seit 2006 betreibt Rhön die lange defizitäre Uniklinik Gießen-Marburg, 2007 mit einem Gewinn von 1,1 Mio. Euro. Das UKSH-Modell wollte der Konzern nicht kommentieren.
Markterkundungsverfahren sind nicht öffentlich und eine Vorstufe zur förmlichen Ausschreibung. Die Berater testen damit die Chance bestimmter Modelle im Markt. "Noch ist es nicht üblich, auch direkt die möglichen Bieter anzusprechen. Aber es ist sinnvoll", sagt Thomas Köhler von der Kanzlei Luther. Zwar dürften die Interessenten bei einer künftigen Ausschreibung keine Vorteile haben, aber sie könnten die Bedingungen beeinflussen.
Für den UKSH-Vorstand ist die Richtung klar: "Wir werden die Mehrheit an allen Gesellschaften behalten, und die medizinischen Dienste werden nicht angetastet, auch wenn es diese Empfehlungen gibt", sagt Schleifer.
Vorbild sind zahlreiche andere Unikliniken. Die Berliner Charité holte sich etwa ein privates Konsortium an Bord, um gemeinsam alle Dienste zu managen. Die Uniklinik Hamburg-Eppendorf gründete gleich mehrere Tochtergesellschaften. In Aachen prüft die Uniklinik derzeit das komplette Outsourcing der Dienste. Und für die Uniklinik Mainz beschloss der Ministerrat diese Woche ein Modell, wonach zunächst zwar alles in Besitz des Landes bleibt, künftig aber strategische Partner hinzukommen können. "Der Schritt am UKSH ist somit richtig", sagt Harald Schmitz von Deloitte. "Aber das Kerngeschäft bleibt unangetastet - so wird die Kehrtwende schwer."