Die Mammographie zeigt einen hellen Fleck, der einem Mammatumor entspricht
Mit etwa 52.000 Neuerkrankungen im Jahr ist Brustkrebs nach wie vor die häufigste Krebserkrankung bei Frauen und steht an erster Stelle der Krebstodesursachen. Zwar geht das Risiko, an der Krankheit zu sterben, seit Mitte der 90er Jahre zurück, doch bei der Behandlung und Nachsorge von Brustkrebs liegt noch vieles im Argen. So fühlen sich viele betroffene Frauen überfordert bei der Auswahl von Ärzten und Therapien und oft völlig allein gelassen mit der immensen psychischen Belastung.
Immer wieder wird kritisiert, dass es keine flächendeckend umgesetzten Qualitätsstandards bei der Behandlung gibt, dass Ärzte und nicht-ärztliche Leistungserbringer nicht zusammenarbeiten, dass Beratung nicht stattfindet.
"Die Diagnose Brustkrebs trifft jede Frau unvorbereitet", sagt Christa Hentschel, die vor 14 Jahren nach ihrer Krebserkrankung eine Selbsthilfegruppe gründete. "Das Informationsbedürfnis ist deshalb groß. Für die meisten ist jedoch das vorhandene Angebot nicht überschaubar."
Einbindung aller wesentlichen Institutionen
Aber es tut sich etwas: Ende 2005 wurde in Hamburg das Netzwerk "Offensive Qualität" eingerichtet, das mittlerweile bundesweit Modellcharakter hat. "Dem Verein ist es erstmals gelungen, alle wesentlichen Player des Gesundheitswesens in Hamburg einzubinden", sagt Projektleiterin Ursula Dirksen-Kauerz.
Dazu gehören die Gesundheitsbehörde, die Ärztekammer, die Hamburgische Krankenhausgesellschaft, die Kassenärztliche Vereinigung, die Techniker Krankenkasse, Unternehmen und eine Selbsthilfegruppe. "Auf dieser Ebene gibt es in Deutschland keine vergleichbare Zusammenarbeit", sagt Angelika Schwabe, Leiterin der Landesvertretung Hamburg der Techniker Krankenkasse (TK).
Vorläufer und Initiator des Projekts ist der 2001 gegründete Verein Hamburger Gesundheit, der sich die Verbesserung der Versorgung von Brustkrebspatientinnen, die stärkere Verzahnung ambulanter und stationärer Versorgung sowie die Stärkung der Patientinnen auf die Fahnen geschrieben hat.
"Mit der ,Offensive Qualität‘ wollen wir einen für Laien verständlichen Überblick über die wichtigsten Qualitätskriterien bei der Behandlung von Brustkrebs in Hamburg geben und damit das Gespräch über Therapiemöglichkeiten und Nachsorge auf Augenhöhe bringen", sagt Dirksen-Kauerz. Eine Ausweitung auf andere Krankheitsbilder wie zum Beispiel Darmkrebs ist vorgesehen.
Zertifizierung ist teuer
Ein wichtige Rolle spielen bei der "Offensive Qualität" die Zertifizierungen. "Wir standen vor der Aufgabe, die vorhandene Qualität in der Brustkrebsversorgung auch belegen zu können, weil es dafür noch keine standardisierten Parameter gab", sagt Michael Späth, stellvertretender Vorsitzender des Vereins Hamburger Gesundheit. Im Unterschied zu anderen Netzwerken entwickelt das Projekt keine neuen Qualitätsstandards, sondern sammelt die vorhandenen Systeme und macht sie transparent.
Davon profitieren vor allem Brustzentren, die von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert worden sind. Kriterien dieser Qualitätsprüfung sind unter anderem: regelmäßige interdisziplinäre Tumorkonferenzen, mehr als 3000 Mammografien pro Jahr, mindestens 50 Brustoperationen, von denen die Hälfe oder mehr brusterhaltend sind, und mindestens 400 Chemotherapien pro Jahr.
Mit weniger gibt sich die Deutsche Krebsgesellschaft nicht zufrieden: Denn immer wieder werden Fälle von Fehldiagnosen nach Mammografien bekannt; Experten schätzen, dass jährlich Tausende von Frauen wegen Brustkrebs operiert werden, obwohl sie gesund sind. Zertifizierte Brustzentren verpflichten sich, nach Diagnosestellung gemeinsam mit der Patientin einen Therapieplan aufzustellen und den Zugang zu psychologischer Betreuung und zu Selbsthilfegruppen sicherzustellen.
Hoher Aufwand für Zertifizierung
Der Aufwand einer Zertifizierung und einer jährlichen Rezertifizierung ist hoch und schlägt mit vierstelligen Euro-Beträgen zu Buche. Bislang ist der Begriff Brustzentrum nicht geschützt; sowohl klinische Abteilungen als auch niedergelassene Praxen können diese Bezeichnung verwenden, ohne sich externen Qualitätskontrollen unterwerfen zu müssen.
Auf der Homepage
www.offensive-qualitaet.de können sich Patientinnen über Hamburger Einrichtungen mit und ohne Zertifizierung informieren. Erste Erfahrungen des Netzwerks zeigen, dass sich die Kommunikation erheblich verbessert hat.
"Die ausdrückliche Verpflichtung zu gemeinsamen Qualitätsstandards hat in den vergangenen Monaten zu einem fruchtbaren Austausch unter den Kollegen geführt", sagt Fritz Jänicke, Leiter des Brustzentrums am Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE), das in die Initiative eingebunden ist.