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Merken   Drucken   20.04.2008, 08:00 Schriftgröße: AAA

Internetkonzerne entdecken die Kranken

Google oder Microsoft wollen Geld mit Gesundheitsakten verdienen: Patienten sollen ihre Daten ins Netz stellen, um Ärzten auf Augenhöhe zu begegnen.
von Michael Carlin und Helene Laube

Bescheidenheit wird man Steve Case kaum nachsagen können, jenem Marketinggenie, der als AOL-Chef einst die größte Übernahme aller Zeiten einfädelte und 165 Mrd. $ für Time Warner auf den Tisch legte. Die Euphorie hat sich längst gelegt, die New-Economy-Blase ist geplatzt, doch Internetlegende Case greift erneut an. "Revolution Health" hat er sein Unternehmen getauft, das eine neue Epoche einläuten soll.

Er sei fest entschlossen, "ein chaotisches Gesundheitssystem mit dem Aufbau einer Firma anzupacken, die die Welt verändern kann", verkündet Case selbstbewusst - und kann auf mächtige Mitstreiter zählen.

Google und Microsoft haben ebenfalls den Gesundheitsmarkt entdeckt. "Ich bin zu Microsoft gegangen, weil sie mir gesagt haben, wir könnten die Welt verändern", sagt Meera Kanhouwa, Medizinische Direktorin der Health-Solutions-Sparte. Und auch Google-Chef Eric Schmidt stapelt nicht tief, wenn er das neue Geschäftsfeld beschreibt: "Sechs Milliarden Menschen könnten profitieren."

Die Geburt des mündigen Patienten

Die Euphorie der IT-Giganten gründet auf einem starken Verbündeten: dem Patienten. War er in der Vergangenheit ein andächtiger Heilsempfänger, der seinem Arzt blind folgte, soll er künftig eine stärkere Rolle annehmen. Er soll auf Augenhöhe mit den Ärzten reden können. "Patient Empowerment", wie dies US-Wissenschaftler nennen, soll Kranken zu mehr Mitbestimmung verhelfen und ihnen eine stärkere Verantwortung geben.

Die Geburt des mündigen Patienten, so die Überzeugung der Konzerne, wird in der Zukunft vor allem auf Informationstechnologie basieren. Längst ist das Internet zu einer wichtigen Quelle geworden. Die Marktforscher von Harris Poll haben in den USA ermittelt, dass vor acht Jahren 27 Prozent der Erwachsenen manchmal oder regelmäßig im Netz nach medizinischen Informationen suchen. Im vergangenen Jahr waren es bereits mehr als die Hälfte.

Und von diesen geben 58 Prozent an, ihre Rechercheergebnisse anschließend auch mit dem Arzt zu besprechen. Diese "Cyberchonder", wie sie in der Harris-Studie genannt werden, hätten "großes Potenzial, das Arzt-Patienten-Verhältnis und den medizinischen Alltag zu verändern".

Gesundheitsdaten ins Netz stellen

"Ein Patient, der sehr gut informiert ist, tritt in der Regel seinem Arzt gegenüber anders auf", sagt auch Peter Leiberich, Arzt für Innere Medizin, Psychotherapeut und Chefarzt der Inntalklinik im bayerischen Simbach. Solch ein Patient könne sehr viel besser über seine Therapie mitreden, etwa ob medizinische Möglichkeiten in speziellen Fällen überhaupt genutzt werden sollten.

"Wenn der Arzt einem Krebspatienten eine Chemotherapie vorschlägt, der Patient aber erwidern kann, dass diese Chemo nur in 30 Prozent der Fälle wirklich anschlägt, dann ist ein partnerschaftliches Verhältnis gegeben", sagt Leiberich, der mit Gesundheitsinformationen im Internet Erfahrung hat: Er ist medizinischer Leiter des Internetportals "Hungrig Online", das Magersüchtigen Hilfe bietet. Seit acht Jahren tauschen sich hier Patienten aus, teilweise moderiert von Psychologen.

Doch die IT-Konzerne wollen die Menschen nicht nur dazu bringen, sich im Internet schlau zu machen. Patienten sollen auch ihre persönlichen Gesundheitsdaten ins Netz stellen - um so die Versorgung zu verbessern. In einem durch Benutzername und Passwort geschützten Bereich, dem Onlinebanking ähnlich, soll die komplette Krankenakte bereit liegen. Zugang gewährt werden kann Ärzten, Kliniken, Therapeuten oder, für Notfälle, auch Familienangehörigen und Freunden.

Teil 2: Den Gesundheitsmarkt verändern

  • FTD.de, 20.04.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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