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Merken   Drucken   23.04.2009, 13:55 Schriftgröße: AAA

Kommunale Finanznot: Krankenhäusern droht Pleitewelle  

Den Kliniken geht das Geld aus. 17 Prozent dürften 2010 vor der Insolvenz stehen und übernommen oder geschlossen werden. Bis zum Jahr 2020 werden es sogar knapp ein Drittel sein, errechneten Wissenschaftler. von Elke Spanner (Hamburg)
Das geht aus einer Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), dessen Tochter HBC und der Unternehmensberatung Admed hervor, die am Mittwoch veröffentlicht wurde.
Der deutsche Krankenhausmarkt mit einem Jahresumsatz von 65 Mrd. Euro ist seit Jahren im Wandel. Den Forschungsinstituten zufolge wird sich der Umbruch aber ab 2010 drastisch beschleunigen. "Die jetzige Krankenhausstruktur entspricht in keiner Weise den heutigen und zukünftigen Bedürfnissen", sagt Admed-Geschäftsführer Sebastian Krolop. Während zunächst Spezialisierung und Privatisierung dominieren werden, drohten später Krankenhausschließungen. Im Jahr 2020 dürften dem aktuellen "Krankenhaus Rating Report 2009" zufolge 30 Prozent aller Häuser in Schwierigkeiten stecken - der Hälfte davon droht das Aus.
Die Wissenschaftler stützen ihre Erkenntnisse auf eine Stichprobe von 546 Jahresabschlüssen aus den Jahren 2006 und 2007, die 832 Krankenhäuser umfassen. Sie haben diese Ergebnisse auf 2008 und 2009 hochgerechnet. Für die aktuelle, fünfte Auflage des Reports haben sie auch erstmals untersucht, was aus den Kliniken geworden ist, die aus der Statistik verschwunden sind - von 2006 bis 2007 nahm die Zahl um 17 auf 2087 ab. In mehr als 90 Prozent der Fälle wurden die Krankenhäuser privatisiert. Der Marktanteil privater Betreiber wie Rhön, Asklepios, Helios und Sana betrug 2007 15,6 Prozent und ist seitdem weiter gestiegen.
Diese Entwicklung wird sich weiter verstärken. "Spätestens ab Ende 2010 bekommt die Privatisierungswelle neuen Schwung", sagt Boris Augurzky, Projektleiter des RWI. Dabei dürften nicht nur private Klinikketten weiter wachsen. Auch die freigemeinnützigen Häuser könnten profitieren, die von Kirchen, Stiftungen und Genossenschaften betrieben werden.
Im laufenden Jahr stehen die Kliniken wirtschaftlich noch gut da, weil sie Mehreinnahmen von 4,3 Mrd. Euro zur Verfügung haben. Das gesetzlich festgelegte Budget wurde gegenüber dem Vorjahr um 1,65 Mrd. Euro angehoben, zusätzlich wurde mit der Bundesregierung eine Finanzspritze von 1,65 Mrd. Euro ausgehandelt. Zudem dürfte das Konjunkturpaket II zu 1 Mrd. Euro Mehreinnahmen führen.
Das RWI rät den Krankenhäusern, sich damit einen Puffer anzulegen. Denn die Krankenkassen werden infolge steigender Arbeitslosigkeit mit weniger Beiträgen auskommen müssen. Rückläufige Steuereinnahmen und eine hohe Schuldenlast der öffentlichen Hand sorgen dafür, dass die Kommunen weniger Geld haben und dann die Rettung ihrer Häuser nicht mehr finanzieren können.
Zurzeit schneiden im Rating kleine Krankenhäuser schlechter ab als große oder mittelgroße; westdeutsche Häuser schlechter als ostdeutsche. Von den kommunalen Kliniken sind 24 Prozent insolvenzgefährdet, von den privaten 14 Prozent, bei freigemeinnützigen sind es zehn Prozent. Ab 2010 werden Augurzky zufolge nicht nur die kleinen Häuser zu den Verlierern gehören. "Nicht nur die 300 Bettenhäuser, sondern auch Maximalversorger mit 1000 Betten und einzelne Unikliniken sind von Insolvenz bedroht." Doch darin sieht er eine Chance: "Wenn bis 2020 15 Prozent der Kliniken wegfallen, wird es die Lage der übrigen stabilisieren."
Vor allem in sogenannten Organzentren sieht der Report die Zukunft. In den kommenden Jahren, prognostiziert Admed-Geschäftsführer Krolop, werden an deutschen Kliniken immer mehr Fachabteilungen aufgelöst und durch Zentren ersetzt, in denen sich Spezialisten unterschiedlicher Fachrichtungen auf die Behandlung einzelner Organe konzentrieren. Schon jetzt geht die Entwicklung in vielen Häusern dahin. Vor allem die Unikliniken versuchen, sich durch Spezialisierung zu profilieren. Künftig aber könnte ein weiterer Treiber in diese Richtung dazukommen: die Krankenkassen. Sie dringen darauf, mit Kliniken Selektivverträge über planbare Operationen abschließen zu dürfen. Sollte ihnen das nach der Bundestagswahl ermöglicht werden, könnten sie das Leistungsspektrum einzelner Kliniken stark mitbestimmen. Die Veränderung, die der Report für die kommenden Jahre vorhersagt, würde dann maßgeblich von den Kassen mitgestaltet.
  • Aus der FTD vom 23.04.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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