Sie kämpfen mit Verzögerungen, Abstürzen oder Anlaufverlusten. Flugzeughersteller aus Russland, China, Japan, Brasilien und Kanada, die versuchen, mit Neuentwicklungen an der Vormachtstellung von Airbus und Boeing im Markt der kleinen Passagierflugzeuge zu rütteln.
Bislang noch ohne großen Erfolg. Jetzt wirft ausgerechnet ein Absturz des Modells Superjet 100 den russischen Hersteller Suchoi zurück. Dabei waren die Russen die Ersten, die 2011 mit einem komplett neuen kleinen Flieger für bis zu 98 Passagiere auf den Markt kamen und somit die Gruppe der Herausforderer der Branchenschwergewichte anführen.
Die Klasse der kleinen Flieger für etwa 100 bis 200 Passagiere gilt als riesiger Zukunftmarkt. Über 19.000 neue Modelle werden in den nächsten zwei Jahrzehnten gebraucht, schätzt Airbus. Das sind grob 70 Prozent aller Auslieferungen für Passagierjets. Bislang teilen sich Airbus und Boeing den Markt. Dieser Erfolg macht neidisch. Hersteller und Regierungen außerhalb Europas und den USA wollen unabhängiger werden und selbst große Flieger bauen. In Russland und China gibt es von den Präsidenten klar formulierte Absichten, künftig mit staatlicher Unterstützung Flieger aus eigener Produktion zu bauen. Dass sie dabei überwiegend auf die Zulieferer von Airbus und Boeing zurückgreifen, wird meist verschwiegen.
Airbus und Boeing versuchen wiederum, durch technische Modernisierung ihrer A320- und Boeing-737-Familien, durch Qualität, weltweiten Service und hohe Sicherheitsstandards die Kunden zu halten. Vor diesem Hintergrund wird bei jedem Absturz analysiert, ob es am Piloten oder an der Technik lag.
Daher hat der Absturz des Superjet 100 von Suchoi in Indonesien eine lebhafte Debatte über die Zuverlässigkeit des Modells ausgelöst. Unabhängig davon, ob das Unglück mit 47 Toten möglicherweise ein Pilotenfehler war, verweisen Experten auf technische Anlaufschwierigkeiten des Superjet-100-Modells. Nur ein Viertel der bisher acht ausgelieferten Modelle an die russische Gesellschaft Aeroflot war zuletzt wie geplant im Einsatz. Die Produktion hinkte hinter dem Zeitplan her.
Mit dem sonst von Airbus und Boeing wohlvertrauten Phänomen der Programmverzögerungen kämpfen auch die Japaner. So gab Mitsubishi Aircraft jüngst bekannt, dass der Erstflug des Modells MRJ nicht mehr vor der Jahresmitte, sondern erst Ende nächsten Jahres erfolgt. Grund sei eine Überarbeitung der Produktionsprozesse.
Zu den Herausforderern gehört auch der kanadische Bombardier -Konzern mit seiner C-Series-Familie, die noch in diesem Jahr erstmals abheben soll. Die Kanadier setzen wie die Japaner auf ein spezielles Spartriebwerk von Pratt & Whitney, an dem auch der deutsche MTU -Konzern beteiligt ist. Erstflug soll noch in diesem Jahr sein, doch ob Bombardier mit dem Modell jemals Geld verdient, ist offen.
Um Kunden von Bestellungen bei Bombardier abzuhalten, hat Airbus extra die Auslieferung seines Sparmodells A320 Neo vorgezogen. Zudem bringt Boeing sein Erfolgsmodell 737 ebenfalls in einer Sparversion heraus. Der Branchendienst Flightglobal verweist darauf, dass seit Anfang 2011 Airbus und Boeing zusammen Aufträge für etwa 2300 neue kleine Modelle einsammelten. Die neuen Herausforderer kamen insgesamt gerade einmal auf knapp 200, meist von Fluggesellschaften, die aus nationalem Interesse bestellen müssen. Daher wird in der Branche die Entscheidung des brasilianischen Herstellers Embraer als weise eingestuft: Der Konzern hat jüngst Pläne für einen neuen Flieger in der 100-Sitze-Klasse auf Eis gelegt.