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Merken   Drucken   03.12.2009, 08:30 Schriftgröße: AAA

Agenda: Auf ins Billiglohnland USA

Der Dollar ist schwach wie nie, eine Wende nicht in Sicht. Viele deutsche Unternehmen verlagern deshalb ihre Produktion in die USA. Während hiesige Arbeitnehmer wie gerade bei Daimler "No, no, America" rufen, ist in den Staaten von einem "Phänomen" die Rede. von Matthias Lambrecht, Hamburg und Matthias Ruch  New York
In dem schicken Backsteinloft an Atlantas Means Street ist von Krise nichts mehr zu spüren. Seit einigen Wochen herrscht in der Niederlassung der Deutschen Auslandshandelskammer für den Südosten der USA Hochbetrieb. Unternehmer aus dem Heimatland halten die Mitarbeiter von Kristian Wolf auf Trab, wollen Hilfe bei der Suche nach Gewerbegrundstücken oder Anwälten mit M&A-Expertise. "Es ist ein Phänomen", staunt der Geschäftsführer des deutschen Außenpostens in den Südstaaten. "Vor allem bei den mittelständischen Unternehmen ist das Interesse, in den USA zu investieren, sprunghaft gewachsen."
Sie treibt der schwache Dollar . Rund 20 Prozent seines Wertes hat der Greenback in den vergangenen zwölf Monaten zum Euro verloren. Seit Anfang November springt der Kurs immer wieder über 1,50 $ und nähert sich den historischen Höchstständen des vergangenen Frühjahrs an. Die Folge: Die durchschnittlichen Arbeitskosten pro Stunde liegen jenseits des Atlantiks inzwischen etwa um ein Drittel unter dem deutschen Niveau. Die USA werden zum Billiglohnland.
"No, no, America" steht auf den Plakaten in Sindelfingen. Im strömenden Regen protestierten am Dienstag Tausende Mercedes-Mitarbeiter vor dem Werkstor gegen die drohende Verlagerung der Produktion in die USA. "Wir werden unsere Arbeitsplätze nicht kampflos ins Nirvana verschwinden lassen", schimpft Gesamtbetriebsrat Dieter Klemm. Währenddessen tagt oben der Vorstand und beschließt, ab 2014 einen Großteil der C-Klasse im Daimler-Werk in Tuscaloosa, Alabama, zu produzieren. Der Währungskurs sei "offensichtlich eine signifikante Belastung für das Ergebnis", hatte Konzernchef Dieter Zetsche  zuvor die Gedankenspiele des Daimler-Vorstands begründet, und es gebe eine "nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass es so bleibt - oder gar noch schlimmer wird".
Angst vor Wechselkurs   Angst vor Wechselkurs
Auch führende Währungsanalysten erwarten laut einer aktuellen Umfrage des Wirtschaftsdiensts Bloomberg für das kommende Jahr im Schnitt ein weiteres Absinken des Kurses um 7,1 Prozent. Die horrende Neuverschuldung, steigende Arbeitslosigkeit und die milliardenschweren Staatsausgaben ließen keine andere Prognose zu, argumentieren die Experten.
"Es wird seine Zeit brauchen, bis der massive Dollar-Überhang an den Devisenmärkten abgebaut ist", sagt Callum Henderson von Standard Chartered in Singapur. "Der Dollar bleibt schwach, solange die Notenbank Fed ihre Zinsen nicht über jene anderer Notenbanken anhebt." Und Volker Treier, der Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, prophezeit: "Die Ungleichgewichte sind so stark, dass niemand eine schnelle Erholung des Dollar erwartet."
Diese Einschätzung wird in den meisten Chefetagen geteilt. So rechnen 45 Prozent der bereits in Amerika angesiedelten deutschen Unternehmen laut einer Umfrage der Deutsch-Amerikanischen Handelskammern mit einem anhaltenden Verfall des Dollar-Kurses, während nur 18 Prozent der Firmen eine Erholung des Greenback erwarten. Und für 73 Prozent ist der Wechselkurs das größte Risiko im Geschäft zwischen Deutschland und den USA.

Teil 2: Was ein bisschen Kursänderung kostet

  • Aus der FTD vom 03.12.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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