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Merken   Drucken   25.03.2008, 20:00 Schriftgröße: AAA

Agenda: Bei Bestechung bitte melden

Dossier Siemens, Ikea, Heros: Reihenweise erschüttern Korruptionsskandale das Vertrauen in die deutsche Wirtschaft. Um Missstände früh aufzudecken, suchen viele Unternehmen Informanten im eigenen Haus - ein umstrittenes Vorgehen. von Jarka Kubsova (Frankfurt)
Nicht immer kriegt Rainer Buchert etwas "Schönes, Fettes" zu hören, wenn sein Telefon klingelt, aber er hofft bei jedem Anruf darauf. "Schön" und "fett" - so nennt Buchert all diese Geschichten über konspirative Treffen, Umschläge voller Bargeld, gefälschte Unterschriften, erfundene Aufträge oder Geschäfte, die nur zustande kommen, weil geschmiert wurde. Beinahe täglich landen solche Berichte bei ihm. Denn Rainer Buchert ist Ombudsmann.
Was das ist, wusste der 60-Jährige vor sieben Jahren selbst noch nicht. Heute ist er einer der begehrtesten Vertrauensanwälte deutscher Unternehmen - und seine Kanzlei am Rande des Frankfurter Palmengartens eine Art Korruptionsmeldezentrale für die Mitarbeiter von VW , Rewe oder der GEZ. Bei Buchert werden sie zu Whistleblowern: Menschen, die auf Missstände oder Rechtsverstöße in ihrer Firma hinweisen. Die Alarm schlagen, um Unrecht aufzudecken. Ihre Hinweise leitet der Ombudsmann anonymisiert an das Unternehmen weiter - als Ansatzpunkt für interne Ermittlungen.
Buchert ist zurzeit gefragt wie nie. Seit vergangenen Dezember ist er auch Anlaufstelle für die Angestellten von Lufthansa, seit Februar für die Belegschaft des Generalsekretariats des Deutschen Roten Kreuzes. Und in wenigen Wochen wird ihn wohl der nächste große Konzern anheuern. "Die Nachfrage aus der Wirtschaft nach Ombudsleuten steigt sprunghaft", sagt Buchert.
Ombudsmann Rainer Buchert   Ombudsmann Rainer Buchert
Es sind Fälle wie Siemens , Ikea, Heros oder EADS , die den Boom ausgelöst haben. Skandale, die das Vertrauen in diese Firmen erschüttert, ihr Ansehen geschädigt, ihnen materielle Einbußen in Millionenhöhe verursacht haben. In all diesen Fällen flogen die Übeltäter durch Tipps aus der Belegschaft auf. Andere Firmen wollen jetzt schlauer sein: hinhören, ermitteln, bestrafen - ehe die Staatsanwaltschaft anklopft und die Affäre an die Öffentlichkeit gerät.
"Das Wissen der Mitarbeiter muss man nutzbar machen", sagt Steffen Salvenmoser, einstiger Staatsanwalt und Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). "Das wissen die Unternehmen heute, und jetzt öffnen sie die Kanäle dafür." Auch wenn solche anonymen Hinweisgebersysteme in vielen Firmen als Tummelplatz für Denunzianten verschrien sind.
Fast jedes zweite deutsche Unternehmen ist laut einer PwC-Studie von Wirtschaftskriminalität betroffen. Doch ohne konkrete Anhaltspunkte ist es fast unmöglich, in den geschlossenen Kreis von Korruption vorzudringen. Und so suchen jetzt auch Konzerne wie BASF , Vattenfall , Telekom , ABB , Hochtief , der Frankfurter Flughafen oder die Allianz  systematisch nach Informanten in den eigenen Reihen. "Sie kriegen Hinweise auf solche Machenschaften nur von Leuten, die in der Nähe der Täter sind - und das sind nun mal enge Mitarbeiter", sagt Buchert.
Ombudsmann ist die perfekte Rolle für den Polizeipräsidenten a. D. mit dem gepflegten weißen Vollbart, der seine braunen Augen zum durchdringenden Blick eines Kriminalbeamten verengt, wenn er über die krummen Touren in Betrieben spricht. Und dann plötzlich ganz sanft wirkt, verständnisvoll, sobald er von den Nöten erzählt, welche die Menschen zu ihm treiben. Good Cop, Bad Cop: Buchert ist beides in einer Person.

Teil 2: Hotline als billige Alternative

  • Aus der FTD vom 26.03.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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