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21.11.2007, 20:47
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Das Schweigen deutscher Firmen zur NS-Vergangenheit
Dossier
Eine Dokumentation über die Quandt-Dynastie und ihre Verstrickung in die NS-Zeit hat für Aufregung gesorgt. Immer noch fällt vielen Unternehmen der Umgang mit dieser Vergangenheit schwer - wie neue Recherchen über Oetker, Siemens, die Sparkassen und Lufthansa zeigen.
von Heinz-Roger Dohms (Hamburg)
Von der NS-Geschichte der Lufthansa ist öffentlich kaum etwas bekannt - dabei liest sie sich höchst spannend. Wie sich der Konzern Ende der 30er-Jahre vom Luftfahrt- zum Industrieunternehmen wandelte. Wie er dabei zur Reparaturwerkstatt der Luftwaffe aufstieg. Wie er Berliner Juden zur Zwangsarbeit verpflichtete, um die Produktion des kriegswichtigen Radargeräts "Würzburg" zu gewährleisten. Der Einsatz verlief nicht ganz so reibungslos wie erhofft. Der Konzern hatte für die Juden nämlich separate Toiletten bereitzustellen. Dummerweise mangelte es der Lufthansa an Klos.
Jüdische NS-Zwangsarbeiter arbeiten während des Zweiten Weltkriegs in einer Munitionsfabrik in Dachau
All das und weit mehr ließe sich nachlesen in einem Buch mit dem Titel "Die Lufthansa und ihre ausländischen Arbeiter im Zweiten Weltkrieg". Wenn das Werk denn je erschienen wäre. Die Lufthansa hatte die Arbeit 1999 beim Bochumer Historiker Lutz Budraß in Auftrag gegeben. Nachdem Budraß verabredungsgemäß geliefert hatte, weigerte sich das Unternehmen jedoch, die Studie zu veröffentlichen. "Warum, das wurde mir nie erklärt", sagt Budraß.
Die Lufthansa verweist darauf, dass sie Interessenten die Untersuchung auf Anfrage zuschickt. Dem Vorwurf, die Studie unter Verschluss zu halten, entgeht sie damit. Einen Hinweis auf die Existenz der Budraß-Arbeit sucht man auf der Konzern-Homepage allerdings vergeblich.
Die Lufthansa ist nur eines von mehreren großen deutschen Unternehmen, die noch immer einen eigentümlichen, höchst defensiven Umgang mit der eigenen Geschichte pflegen. Erst jüngst sorgte die Unternehmerdynastie Quandt für Aufsehen, die sich erst nach der TV-Dokumentation "Das Schweigen der Quandts" dazu durchrang, einen Historiker mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte zu befassen. Der NDR zeigt am Donnerstagabend nun eine verlängerte Version des Films (siehe Kasten).
| Familiengeschichte |
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| Späte Erkenntnis Die Quandts zählen zu den mächtigsten Wirtschaftsdynastien Deutschlands. Ihnen gehören unter anderem erhebliche Aktienpakete des Chemiekonzerns Altana und des Autobauers BMW. Die Familie ist höchst verschwiegen - auch was ihre Rolle während des Nationalsozialismus angeht. Eine Dokumentation, die im September ohne Vorankündigung in der ARD gezeigt wurde, weist nach, dass der 1952 verstorbene Unternehmer Günther Quandt in der Batteriefabrik Afa (später Varta) Zwangsarbeiter eingesetzt hat, von denen viele umgekommen sind. Das Konzentrationslager Hannover-Stöcken grenzte unmittelbar ans Werksgelände. Kurz nach der Sendung kündigte die Familie an, ihre Geschichte während der NS-Zeit wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck solle das Projekt leiten und Zugang zu den Familienarchiven erhalten, die Ergebnisse würden veröffentlicht. Am Donnerstag zeigt der NDR eine 90-minütige Langfassung des Beitrags, in der auf die Erklärung der Quandts eingegangen wird. |
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| Das Schweigen der Quandts, NDR, 21 Uhr |
Während die große Zahl der Konzerne ihre NS-Historie in den vergangenen Jahren aufgearbeitet hat, hält man sich anderswo vornehm zurück. Da ist der Spitzenverband der Sparkassen, der bislang kein Interesse an einer Erforschung der NS-Jahre zeigte. Da ist Siemens, an dessen restriktiver Archivpolitik Historiker regelmäßig verzweifeln. Vor allem aber ist da der Oetker-Konzern, dessen dunkle Kapitel nie ernsthaft beleuchtet wurden.
Dabei pflegte der damalige Oetker-Chef Richard Kaselowsky, der 1944 bei einem Luftangriff ums Leben kam, besonders enge Kontakte zur Hitler-Partei. Nachzulesen ist dies im Buch "Die Oetkers" des Publizisten Rüdiger Jungbluth, auf dessen Biografie über die Quandts auch die ARD-Dokumentation beruht.
Kaselowsky hatte die Leitung des Backwarenbetriebs nach dem Tod des Firmengründers August Oetker 1918 übernommen - der eigentlich für die Nachfolge vorgesehene Oetker-Sohn Rudolf war bei Verdun gefallen. 1919 heiratete Kaselowsky Rudolfs Witwe Ida und stieg kurz darauf zum Teilhaber auf. Nach Hitlers Machtergreifung 1933 diente sich der Oetker-Chef rasch den Nationalsozialisten an. Am 1. Mai trat Kaselowsky der NSDAP bei, alsbald wurde er Mitglied im exklusiven Keppler-Kreis - dem Vorläufer des Freundeskreises Reichsführer SS, einem Zirkel von Wirtschaftsbossen, die sich regelmäßig um Heinrich Himmler scharrten.
Teil 2: Anfänge des Oetkerschen Brauimperiums liegen in der Nazizeit
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Aus der FTD vom 22.11.2007
© 2007 Financial Times Deutschland,
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