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15.01.2010, 08:30
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Der Mann mit der Chemiekeule
Zeitenwende bei Bayer: Mit Marijn Dekkers übernimmt erstmals ein externer Manager den Chefsessel. Er wird Strategie und Strukturen infrage stellen - und den Traditionskonzern amerikanischer machen.
von Anette Ruess, Stuttgart,
Kerstin Friemel, Berlin
und Thomas Jahn, New York
East Greenbush ist ein 16.000-Seelen-Dorf im US-Bundesstaat New York. Hier kennt man Marijn Dekkers nur zu gut. Im Sommer 2005 kam er in die kleine Gemeinde, um den 80 Mitarbeitern von Rupprecht & Patashnick ihre Ängste zu nehmen. Gerade erst hatte der damalige Chef des US-Laborausrüsters Thermo Electron die ortsansässige Spezialfirma gekauft, die Belegschaft fürchtete nun einen Stellenabbau. Doch Dekkers beruhigte. "Wir wollen hier bleiben", rief er ihnen zu. Zwei Jahre später wurde die Produktion geschlossen, nur eine Handvoll Mitarbeiter bekam neue Jobs.
Leverkusen ist eine Stadt mit 161.000 Einwohnern in Nordrhein-Westfalen. Hier kennt kaum einer Marijn Dekkers, den künftigen
Bayer -Chef. Anfang des Jahres hat der 52-Jährige sein Büro in der dritten Etage der gläsernen Hauptverwaltung des Mischkonzerns bezogen und seine Vorstellungsrunde im Bayer-Reich gestartet. Doch Geschichten wie die aus East Greenbush, die Geschichten eines knallharten Managers, kursieren inzwischen auch hier. Und sie verunsichern die an einen partnerschaftlichen Umgang gewöhnten Bayer-Mitarbeiter. "Es ist schon eine gewisse Unruhe in der Belegschaft zu spüren", sagt ein Betriebsrat bei Bayer Schering.
Hire and Fire: Als neuer Chef bringt Marijn Dekkers auch einen neuen Managementstil mit zu Bayer
Dekkers' Dienstantritt markiert eine Zeitenwende für den Traditionskonzern, der zuletzt knapp 33 Mrd. Euro umsetzte. Mit dem Niederländer wird erstmals ein externer Manager mit ausländischem Pass das Unternehmen führen. Seit Januar leitet er bereits die größte Sparte Bayer Healthcare, im Oktober wird er ganz an die Spitze rücken. Und in der Branche ist man sich einig, dass sich unter Dekkers' Führung einiges ändern wird. Fast sein gesamtes Berufsleben hat der promovierte Chemiker in den USA verbracht. Bei Bayer dürfte er nun die alte Drei-Säulen-Strategie mit den Sparten Gesundheit, Pflanzenschutz und Kunststoffen infrage stellen, die komplexen Strukturen aufbrechen - und die urdeutsche Industrieikone amerikanischer machen.
Bei einem Abendessen im schmucken Vorstandskasino Ende vergangenen Jahres machte der amtierende Bayer-Chef
Werner Wenning vor Journalisten deutlich, warum sich der Aufsichtsrat für Dekkers entschieden hat: Neben der Internationalität und der Kapitalmarkterfahrung "suchten wir eine Person mit einem Track Record im Portfoliomanagement", sagte der 63-Jährige. Und, nicht ganz unwichtig: "Er muss zu Bayer passen", ergänzte Wenning - und ließ sich das Hirschmedaillon an Gewürzjus und Preiselbeeren schmecken.
Das alles trifft aus Sicht der Bayer-Vorderen auf Dekkers zu. Vor allem seine Bilanz im Portfoliomanagement hat sie beeindruckt: Als er 2002 an die Spitze von Thermo Electron trat, startete er einen radikalen Umbau. Er verkaufte 45 Geschäftseinheiten, schloss die Hälfte der 130 Fabriken, feuerte 5000 der insgesamt 13.000 Beschäftigten. Vier Jahre später zog er ein Reverse-Merger-Manöver durch, eine umgedrehte Fusion. Er kaufte für 10,6 Mrd. $ den doppelt so großen Wettbewerber Fisher Scientific und formte aus beiden Unternehmen den weltgrößten Hersteller von Laborgeräten mit 35.000 Mitarbeitern und 10,5 Mrd. $ Jahresumsatz.
Umbau, Fusion, Integration - das alles erledigt Dekkers in einem Tempo, das so in den USA, nicht aber in Deutschland möglich ist. Die Mentalität des Hire-and-Fire hat seinen Managementstil geprägt. Vor allem bei Führungskräften agiert er kompromisslos. In seiner Zeit bei Thermo hat er die Hälfte der 150 Topmanager ausgewechselt. In Leverkusen stellen sich einige Spitzenkräfte daher schon auf härtere Zeiten ein.
Teil 2: Wo die größten Baustellen liegen
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Aus der FTD vom 15.01.2010
© 2010 Financial Times Deutschland,
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