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Merken   Drucken   05.03.2006, 20:26 Schriftgröße: AAA

Agenda: Der Seat-Unfall

Audi ist damit gescheitert, die spanische Tochter Seat in eine sportlichen Kultmarke zu verwandeln. Die Spanier hoffen bang auf eine zweite Chance. Doch über das Aus für Seat wird schon spekuliert. von Karin Finkenzeller, Barcelona, Thomas Fromm, Ingolstadt, und Kristina Spiller, Genf
Für Audi ist Seat nicht mehr sexy: Hier ein Seat Leon   Für Audi ist Seat nicht mehr sexy: Hier ein Seat Leon
Emotional und stark und sportlich will Seat sein: "Vergiss die Angst! Lebe, um zu gewinnen!", bläut der spanische Autohersteller seinen Kunden ein. Auf dem Genfer Automobilsalon präsentiert die VW-Tochter mit großem Buhei eine martialische Sonderversion ihres Ibiza-Modells: extrabreite Felgen, riesige Lufteinlässe, eine Bestie von einem Auto. Doch die wirkt fast wie eine Karikatur ihres Herstellers: Das Sondermodell ist für eine Comicfigur gedacht, nicht für den Kunden, es ist alles nur Show, alles nicht so gemeint, alles ein bisschen dick aufgetragen. Von wegen: "Vergiss die Angst!"
Die geht bei Seat trotz aller Angebersprüche um. Seit Monaten halten sich hartnäckige Gerüchte, dass die in der Audi-Gruppe unter Audi-Chef Martin Winterkorn gemanagte Marke entweder verkauft oder ganz eingestellt werden könnte. 62,5 Mio. Euro Verlust haben die Spanier im vergangenen Jahr erwirtschaftet. Winterkorn macht auf dem Autosalon keinen Hehl aus seiner Geringschätzung des Sorgenkinds: "Die Kluft zu Audi ist viel zu groß", sagt er. Seat sei "viel zu wenig" Marke.
"Niemand will den Toten beerdigen"
Ferdinand Dudenhöffer: "Wenn ein Chinese kommt und Winterkorn ...   Ferdinand Dudenhöffer: "Wenn ein Chinese kommt und Winterkorn die Marke abkauft, wird er einschlagen."
Der Name hinke den eigenen Produkten hinterher. Deshalb steht dieses Jahr für Seat eine große Marketingoffensive an. Und wenn die nicht fruchtet? Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft an der Fachhochschule Gelsenkirchen, prophezeit: "Wenn ein Chinese kommt und Winterkorn die Marke abkauft, wird er einschlagen." Denn der verantwortliche Audi-Chef wisse in Wirklichkeit nicht, was er mit Seat anfangen solle.
Solche Sätze treffen die Spanier ins Mark. Andreas Schleef, der von Winterkorn aus dem Audi-Vorstand 2002 nach Barcelona geschickt wurde, um Seat auf Touren zu bringen, dementiert sie heftig: "Wir werden diese Unique Selling Position des einzigen spanischen Automobilunternehmens nicht herschenken. Das ist das Commitment." Gemeinsam mit VW-Vorstandschef Bernd Pischetsrieder versicherte er dies unlängst auch dem spanischen Industrieminister José Montilla, der dazu extra nach Wolfsburg gereist war.
Doch die Zweifel bleiben. "Niemand will den Toten beerdigen. Deshalb verfault er im offenen Sarg", sagt Gildo Seisdedos, Marketingprofessor an der Madrider Wirtschaftshochschule Instituto de Empresa (IE). "Vom betriebswirtschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, kann es so nicht weitergehen."
Zahlen sprechen deutlich gegen Seat
Martin Winterkorn: "Die Kluft zu Audi ist viel zu groß"   Martin Winterkorn: "Die Kluft zu Audi ist viel zu groß"
Die Geschäftszahlen sprechen zu deutlich gegen Seat, der Trend zeigt zu steil nach unten. Der Autohersteller erreicht in Europa nicht einmal einen Marktanteil von drei Prozent. 422.000 Autos verkaufte Seat im vergangenen Jahr. Das waren 4,5 Prozent weniger als 2004. Der Umsatz sank um knapp 600 Mio. Euro auf 5,27 Mrd. Euro. In Fabrikhallen vor den Toren Barcelonas, die auf eine Jahresproduktion von 500.000 Fahrzeugen ausgelegt sind, rollten nur knapp 385.000 Autos vom Band. Und von den 14.400 Beschäftigten zu Beginn des Jahrtausends sind weniger als 12.000 übrig geblieben.
Selbst das seien noch zu viel, warnte Schleef im Dezember, nachdem die Seat-Führung in einem zähen Kampf mit den Gewerkschaften die ersten betriebsbedingten Kündigungen in der Geschichte des Unternehmens durchgesetzt hatte. Ursprünglich wollte Seat 1349 Mitarbeiter entlassen. Doch Schleef konnte sich nicht durchsetzen. In einer eiskalten Dezembernacht einigte man sich schließlich auf 660 Entlassungen. Knapp 300 weitere Angestellte unterschrieben freiwillig Auflösungsverträge.

Warum die Probleme von Seat mit dem Fall des Eisernen Vorhangs zusammen hängen

  • Aus der FTD vom 06.03.2006
    © 2006 Financial Times Deutschland,
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