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  31.01.2008, 20:28    

Agenda: Die Luft ist raus

Dossier Was waren das für große Pläne: Strom aus Getreide, unbegrenzter Nachschub, Bauern als Energiewirte der Zukunft. Doch die hohen Rohstoffpreise haben den Biogasboom jäh beendet, die Branche ist in ihrer Existenz bedroht - zum Teil hat sie selbst dazu beigetragen. von Claus Hecking (Selb-Erkersreuth)
Wenn Martin Goldschald richtig Gas geben will, dopt er die Anlage mit ihrem Lieblingsfutter: Zwei Radladerschaufeln Mist, fünf Schaufeln Mais-Gras-Silage, etwas Wasser sowie - ganz wichtig - zweieinhalb Schaufeln Getreideschrot. Das alles in den Gärtank, auf 40 Grad warm kochen, umrühren - und schon verdauen Myriaden Methanbakterien den braunen Brei zu bestem Biogas, dem Brennstoff für das Blockheizkraftwerk nebenan. "Wie im Pansen einer Hochleistungskuh" gehe es dann im Tank zu, sagt Bauer Goldschald. An guten Tagen erzeugt die Biogasanlage 4300 Kilowattstunden Strom - mehr, als eine Durchschnittsfamilie im Jahr braucht.
Doch mit dem Turbofutter verköstigt Goldschald die Maschine schon lange nicht mehr. Nur noch eine Schaufel Schrot gewährt ihr der Bauer aus Erkersreuth bei Hof pro Mahlzeit. Goldschald muss Getreide rationieren. Denn das ist teuer geworden. So teuer, dass die Anlage, die der 30-jährige Oberfranke und sein Vater Siegfried vor 25 Monaten in Betrieb genommen haben, mehr Geld kostet, als der Stromverkauf an die Stadtwerke einbringt. "Wir rechnen lieber nicht so genau nach", sagt Siegfried Goldschald, "sonst wird man verrückt."
Die Goldschalds leiden, und mit ihnen die junge Zunft der Biogasbauern. "Das ist die größte Krise in unserer Geschichte", sagt Josef Pellmeyer, Präsident des Fachverbands Biogas. Jeder dritte Anlagenbetreiber stecke in großen finanziellen Schwierigkeiten wegen der "dramatischen Preissteigerungen bei den Energiepflanzen".
Enttäuschte Energiewirte: Martin Goldschald (r.) hat mit seinem ...   Enttäuschte Energiewirte: Martin Goldschald (r.) hat mit seinem Vater Siegfried 600.000 Euro in eine Biogasanlage investiert - das Minikraftwerk bringt jedoch nur Verluste
Verflogene Euphorie
Die Euphorie ist dahin. Binnen wenigen Monaten ist der Biogasboom in sich zusammengefallen, denn die Agrarmärkte sind gekippt. Plötzlich kennen die Preise der wichtigsten Rohstoffe der Biogasherstellung nur noch eine Richtung: nach oben. Mais kostet fast doppelt so viel wie im Januar vor einem Jahr, Weizen ist nahezu dreimal so teuer wie 2004.
Was waren das für Zeiten. 2004. Biogas ist der letzte Schrei auf Deutschlands Höfen. Es sind die Jahre der Butterberge, der Milchseen, der zum Bersten gefüllten Getreidespeicher. Die Fleischpreise sind nach BSE am Boden, und für ihren Doppelzentner Weizen bekommen Bauern wie Goldschalds nur noch 7 Euro - in den 50ern waren es 22 DM. Doch die Bauern schöpfen Hoffnung: Die rot-grüne Bundesregierung novelliert das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), führt den "NaWaRo-Bonus" ein: Betreiber von Biogasanlagen, die Elektrizität aus Lebensmitteln, Pflanzen oder anderen nachwachsenden Rohstoffen statt aus Abfall gewinnen, können den Strom unbegrenzt ins öffentliche Netz einspeisen - und erhalten neben der Grundvergütung - bis zu 11,5 Cent - weitere 6 Cent je Kilowattstunde. An der Leipziger Strombörse kostet die Kilowattstunde zu jener Zeit keine 4 Cent; die Mehrkosten muss der Stromverbraucher zahlen.
Das neue Gesetz löst einen Hype auf den Höfen aus. Die Vertreter der Anlagenhersteller tingeln über die Dörfer, rechnen den Landwirten die schöne neue Biogaswelt vor - mit Weizenpreisen von 6 oder 7 Euro je Doppelzentner. Auch die lokalen Landwirtschaftsämter sind euphorisch, veranstalten Biomasse-Seminare, drängen die Bauern zur Umrüstung. Und so träumen viele Hofbesitzer bald von einem sorgenfreien Leben. Biogas, so scheint es, ist die Lizenz zum Gelddrucken. Die Erlöse sind staatlich garantiert, die Rohstoffpreise fast auf dem tiefsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg.

Teil 2: Die Ölscheichs von morgen

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    © 2008 Financial Times Deutschland
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