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Merken   Drucken   18.05.2010, 10:18 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die Öl-Party geht weiter

Tiefseebohrungen stehen nach der Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko weltweit in der Kritik. Nur in Brasilien nicht. Dort pumpt der staatliche Petrobras-Konzern immer neue Rekordmengen aus dem Atlantik. Und ein ganzes Land will davon profitieren. von Andrzej Rybak  Rio de Janeiro
Schon in ihren Einzelteilen sieht die Bohrinsel P-56 gigantisch aus. Vier Stockwerke hoch ragen vier monströse Säulenbeine aus einem Stahlponton, der halb versenkt in einem Werftbecken schwimmt. Das Hauptdeck, das in einem anderen Teil der Werft zusammengebaut wird, ist fast so groß wie zwei Fußballfelder. Eng gedrängt türmen sich dort kleine Raffinerien und Umspannwerke mit gewaltigen Generatoren, Pumpen und Kompressoren, die pro Tag bis zu 180.000 Barrel (je 159 Liter) Öl aus den Tiefen des Atlantiks fördern sollen.
Offshore-Plattformen Wie Petrobras in der Tiefsee nach Öl bohrt
In der Werft von Angra dos Reis lässt der brasilianische Ölkonzern Petrobras, die Nummer fünf der Welt, seine neue Bohrinsel bauen. In einer malerischen Bucht, eingezwängt zwischen einer tropischgrünen Hügelkette und einer Handvoll kleiner Inseln, die vor der Küste aus der tiefblauen See ragen. Auf dem Gelände herrscht hektische Betriebsamkeit, 6000 Arbeiter, verteilt auf drei Schichten, schwirren wie Ameisen umher. Riesige Kräne, zu Land wie zu Wasser, bewegen tonnenschwere Lasten. Jedes Detail ist wichtig, am Ende muss alles millimetergenau passen - damit kein Unglück geschieht wie im Golf von Mexiko.
Im Herbst soll der Koloss, 50.000 Tonnen schwer, 125 Meter hoch und 1,2 Mrd. $ teuer, auf dem Feld Marlim Sul, weit draußen im Ozean, zum Einsatz kommen. "Diese Bohrinsel ist der letzte Stand der Tiefseetechnik, ein sogenannter Halbtaucher", schwärmt Roberto Moro, technischer Leiter des Projekts.
In seiner Bauart ähnelt P-56 der Plattform "Deepwater Horizon", die vor einem Monat vor der Südküste der USA explodierte und eine Umweltkatastrophe auslöste, deren Ausmaß noch immer nicht zu erfassen ist. Weltweit laufen Umweltschützer seither Sturm gegen Offshore-Bohrungen, die sie für unverantwortlich und viel zu riskant halten. Doch in Brasilien schwören sie weiter auf diese Technik. So viel hängt daran.
Weltweit führt kein Konzern so viele Tiefsee-Bohrungen durch wie Petrobras. Mit der Erschließung der Tiefsee will der staatlich kontrollierte Ölkonzern Brasilien bis 2030 zum viertgrößten Ölproduzenten der Welt machen - und so das größte Land Südamerikas in eine bessere und gerechtere Zukunft führen.
Seit Petrobras vor drei Jahren in einem 800 Kilometer langen Streifen etwa 200 bis 300 Kilometer vor der Atlantikküste gewaltige Vorkommen entdeckte, ist das Öl die Verheißung von Wohlstand - allen Umweltrisiken zum Trotz. Die Nachricht von den auf bis zu 60 Milliarden Barrel geschätzten Feldern löste Euphorie aus. Die Funde, frohlockte Präsident Luiz Inácio Lula da Silva, seien ein Beweis, "dass Gott doch ein Brasilianer ist".

Teil 2: "Tiefsee ist unsere Welt"

  • Aus der FTD vom 18.05.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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