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Merken   Drucken   23.04.2009, 20:42 Schriftgröße: AAA

Agenda: Die ungeliebte Schaeffler

Dossier Es sollte eine Krönung werden: Maria-Elisabeth Schaeffler wollte die Hauptversammlung von Continental als Triumph des Übernahmekampfes feiern. Doch der Tag wird zur Demütigung. Der erste Auftritt könnte ihr letzter sein. von Lorenz Wagner und Matthias Lambrecht (Hannover)
Stille. Ein, zwei, fünf Sekunden. Maria-Elisabeth Schaeffler  schaut nach rechts, zum Rednerpult hin, dann nach vorn in die Menge hinein, ins allgemeine Schweigen. Sie lächelt und nickt, wie man es eben tut, wenn man "ganz herzlich begrüßt" wird und der Redner eine Pause macht, damit die Leute klatschen können, doch die Leute klatschen nicht.
Und so schaut Schaeffler eben hin und her und wartet und nickt, und ihr Lächeln verrutscht in unerträglicher Langsamkeit zu einer Maske, bis sie auf einmal fast lachen muss, und auf einmal lacht der ganze Kuppelsaal ein peinlich berührtes Hohnlachen. Dann ist der Schrecken vorbei.
Der Redner spricht weiter, lobt die früheren Chefs, die Schaeffler vertrieben oder vergrault hat - Manfred Wennemer und Hubertus von Grünberg. Wären die beiden hier, sie würden sich freuen über den Applaus der 920 Aktionäre im Kongresscenter Hannover. Die Geschassten mochten sie.
Die Neue da vorn, diese Dame mit dem goldenen Haar und dem roten Lippenstift, die mögen die Aktionäre nicht. Soll sie doch huldvoll lächeln und nicken wie eine Königin - hier, bei der Hauptversammlung von Continental , ist sie keine.
Es ist die erste Demütigung an diesem schrecklichen Tag für Maria-Elisabeth Schaeffler. Ihr öffentlicher Eintritt ins Unternehmen. Im Laufe des Tages wird sie zur Aufsichtsrätin gewählt werden, mit vier Vertrauten, die ihre Macht bei Conti sichern sollen. Es sollte das Ende eines langen Kampfes sein, ein Siegestag, die endgültige Krönung. Doch das alles ist es nicht mehr.
Ungeliebte Königin: Schaeffler erträgt die Angriffe der ...   Ungeliebte Königin: Schaeffler erträgt die Angriffe der Aktionäre fast regungslos
Schaefflers Kampf geht weiter. Es geht nicht mehr um die Übernahme eines Unternehmens, das dreimal größer ist als das eigene - längst geht es um das Lebenswerk, um das Erbe ihres Mannes, um ihr Privatvermögen und das ihres Sohnes Georg. Vieles deutet darauf hin, dass sie diesen Kampf verlieren wird. Diese Hauptversammlung könnte ihr erster und letzter großer Auftritt in diesem Konzern sein.
Was hat sie für Monate hinter sich. Es beginnt mit einem Paukenschlag, im Juli 2008. Da machen sie und Vorstandschef Jürgen Geißinger einen großen Fehler, sie gehen gegen den Rat vieler Experten ein Wagnis ein: Der Kugellagerhersteller Schaeffler aus Herzogenaurach will den dreimal größeren Continental-Konzern übernehmen, einen Player schmieden mit 200.000 Mitarbeitern, 35 Mrd. Euro Umsatz - und ihr an der Spitze.
Kursinformationen und Charts
  Continental 68,41 EUR  [-1.21 -1,74%
Die Finanzkrise macht aus solchen Träumen Albträume. Denn Deals dieser Größe sind kaum zu finanzieren. 75 Euro je Aktie bietet Schaeffler den Conti-Aktionären, der Börsenkurs stürzt ab, bis auf 28 Euro Ende Oktober. Die Aktionäre geraten in Panik, verkaufen mehr Anteile, als Schaeffler sich leisten kann. Bald wird Schaeffler erdrückt von Schulden. Gleichzeitig stürzen bei Conti und Schaeffler die Umsätze ab.
Mit allen Mitteln stemmt sich Schaeffler gegen das Desaster, versucht, den Deal schönzureden. Im Januar muss sie kapitulieren: Sie bittet den Staat um Milliardenbürgschaften. Und dann tauchen noch diese Fotos auf: die Schaeffler im Pelzmantel auf einer Winterparty in Kitzbühel. Sieht so eine Hilfsbedürftige aus? Maria-Elisabeth Schaeffler wird zum Sinnbild für das moralische Versagen der Wirtschaftselite: reich, risikobereit, realitätsfern und sich nicht zu schade, um Steuergeld zu bitten, wenn das große Spiel schiefgeht.
Verzweifelt stemmt sich Schaeffler gegen dieses Bild, tritt in Alltagskleidung vor ihren Angestellten auf. Sie sucht den Schulterschluss mit der IG Metall, gibt Interviews: "Warum informiert man sich nicht, was ich unternehmerisch, aber auch kulturell und sozial geleistet habe?", sagt sie dem "Spiegel". "Stattdessen beschäftigt man sich mit meinem Lidstrich und meiner Kleidung. Das empört mich." Doch sie bleibt für die Menschen weiter die Abgehobene.
Bilderserie Bilderserie: Massendemo für Schaeffler
Auch hier in Hannover, wo sie in einem schlichten, dunkelblauen Kostüm sitzt, aber doch wirkt wie ein Wesen aus einer anderen Welt mit ihrem braunen Teint, den leuchtenden Haaren und der glitzernden Halskette. Vor ihr sitzen vor allem Rentner und ehemalige Conti-Angestellte, Menschen in ihrem Alter, jenseits der 60, aber in beigen Jacken und braunen Cordhosen, Aktionäre, die im Vorjahr noch glänzende Zahlen feiern konnten und nicht begreifen, was geschehen ist. Sie sind das Publikum dieses Tages, der eine Demütigung nach der anderen für Schaeffler bringen wird.

Teil 2: Zweite Demütigung durch Neumann

  • Aus der FTD vom 24.04.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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