FTD.de » Unternehmen » Industrie » Agenda: Duell am Delaware um DaimlerChrysler-Fusion

Merken   Drucken   30.11.2003, 20:19 Schriftgröße: AAA

Agenda: Duell am Delaware um DaimlerChrysler-Fusion

Ab heute wird über die DaimlerChrysler-Fusion vor Gericht verhandelt. Weder der beklagte Konzernchef Jürgen Schrempp noch der klagende Investor Kirk Kerkorian können auf einen strahlenden Sieg hoffen. von Thomas Clark, New York, und Guido Reinking, Hamburg
Ungleiches Doppel   Ungleiches Doppel
Wilmington ist eine Kleinstadt am Fluss Delaware, eine Autostunde südlich von Philadelphia. 73.000 Menschen leben hier. Vor dem Niedergang der Schiffswerften waren es einmal mehr als 100.000. Es gibt eine Universität, ein Finanzzentrum mit einer Ansammlung von Hochhäusern. Hier haben, aus steuerlichen Gründen, 250 der größten US-Firmen einen Briefkasten. Dennoch kein Ort auf der Landkarte einer Welt AG wie DaimlerChrysler. Schon gar kein Landeplatz für mächtige Konzernchefs mit globalen Visionen, Menschen vom Kaliber eines Jürgen Schrempp oder des milliardenschweren Investors Kirk Kerkorian.
Doch in den nächsten Wochen wird der Vorstandsvorsitzende von DaimlerChrysler ein paar unangenehme Stunden in Wilmington verbringen - im Verhandlungssaal 4b des lokalen Gerichtsgebäudes an der North King Street. Dort ist heute um 9.30 Uhr Ortszeit Prozessauftakt in der Sache "Tracinda gegen Daimler et. al.". Schrempp persönlich, sein Konzern, Vorstandskollege Manfred Gentz und andere werden auf Schadensersatz in Milliardenhöhe verklagt.
Auch wenn Schrempp den Prozess gewinnt, wovon sein Anwalt Mike Schell fest ausgeht, kann er diese Affäre nicht als Sieger beenden. Sein Image wird Schaden nehmen: Der DaimlerChrysler-Chef im Zeugenstand, von Kerkorians Anwälten in die Zange genommen - solche Bilder bleiben.
Zehn Verhandlungstage
Zwar steht offiziell noch nicht fest, welche Zeugen Richter Joseph James Farnan vernehmen wird. "Es gibt dazu keine öffentliche Agenda", heißt es beim US District Court in Wilmington, "aber der ehrenwerte Richter Farnan hat schon jetzt zehn Verhandlungstage anberaumt. Das ist sehr lang."
Auch Schrempp muss seine Koffer packen, um persönlich nach Wilmington zu kommen, vom Gericht vorgeladen, um Zeugnis abzulegen, wie das denn nun wirklich zuging, vor fünf Jahren, beim Zusammenschluss zwischen Daimler-Benz und Chrysler, dem Autobauer aus Detroit.
Bis zuletzt hatten Schrempps Anwälte versucht, den juristischen Showdown in der amerikanischen Provinz abzuwenden. In telefonbuchdicken Schriftsätzen führten sie aus, warum dieser Prozess gar nicht stattfinden dürfte. Vergebens. Nach 900 Akteneintragungen, gespickt mit Verträgen, Briefen und Schriftsätzen, will Richter Farnan nun bei der Beweisaufnahme die beteiligten Personen hören.
Auch Kopper muss in den Zeugenstand
Deshalb ist Schrempp auch nicht der Einzige aus den Vorstandsetagen DaimlerChryslers, der im Zeugenstuhl erwartet wird. Gentz und Aufsichtsratschef Hilmar Kopper müssen ebenfalls mit Vorladungen rechnen.
Auch Bob Eaton dürfte erscheinen, der letzte unabhängige Chrysler-Chef. Und dann ist da noch ein 85-jähriger Mann aus Las Vegas. Er hat allen anderen die Dienstreisen in die amerikanische Provinz überhaupt erst eingebrockt: Kirk Kerkorian.
Es war der betagte Großaktionär, der am 27. November 2000 Klage einreichte - ausgerechnet in Wilmington, wo Chrysler aus steuerlichen Gründen seinen Sitz als Aktiengesellschaft hat. Hauptbeweisstück: ein Interview, das Schrempp vier Wochen zuvor der FTD und ihrem englischen Schwesterblatt, der Financial Times, gegeben hat. Ein unvorsichtiges Statement, eigentlich ohne Neuigkeitsgehalt, brachte den Stein ins Rollen: "Als Schachspieler rede ich üblicherweise nicht über den zweiten und dritten Zug.
Die Struktur, die wir jetzt haben, mit Chrysler als einer Geschäftseinheit des Konzerns wie Mercedes-Benz Pkw und Mercedes-Benz Nutzfahrzeuge, wollte ich immer haben. Wir mussten aus psychologischen Gründen einen kleinen Umweg machen (...) Wenn ich damals gesagt hätte, möglicherweise wird Chrysler eine Geschäftseinheit des DaimlerChrysler-Konzerns, hätte auf deren Seite jeder gesagt: So kommen wir auf keinen Fall ins Geschäft." Kerkorians Vorwurf: Wäre ihm das schon 1998 bekannt gewesen, als noch von der "Fusion unter Gleichen" die Rede war, hätte er für seine Chrysler-Aktien mehr Geld verlangt.
Umdeutung möglich
Die Tonbandaufzeichnung des Interviews ist mittlerweile Teil der Gerichtsakte. Kerkorians Anwälte haben die Herausgabe vor einem Londoner Gericht erstritten. Schrempps Anwalt Schell versucht, die Aussagen umzudeuten: "In dem Interview geht es um die Struktur des Unternehmens im Oktober 2000, nicht um den Zusammenschluss", wiegelt er ab. Das dürfte vor Gericht schwer zu belegen sein.
Anwalt Schell will beweisen, dass Kerkorian von Anfang an über den Charakter der Fusion informiert war. Schließlich hatte er einen Vertrauten im Aufsichtsrat. Kerkorian habe das Chrysler-Management unter Druck gesetzt, keinen zu hohen Preis von Daimler-Benz zu verlangen und so den Deal zu gefährden. Damit die Fusion nicht im letzten Augenblick platzt, habe er Informationen über die Verhandlungen an das "Wall Street Journal" lanciert - es sollte kein Zurück mehr geben.
Und warum das alles? "Kerkorian wusste, dass dies der optimale Zeitpunkt war, Chrysler zu verkaufen", sagt Anwalt Schell. Denn die Krise bei Chrysler war absehbar.
Doch wenn Kerkorian wusste, dass er Schrempp und Daimler-Benz einen Krisenfall zum Höchstpreis unterjubelte, warum wusste Schrempp das nicht auch und drückte entsprechend den Preis? Warum ließ er sich auf die Fusion mit einem Unternehmen ein, das fünf Jahre danach noch immer ein Sanierungsfall mit ungewisser Zukunft ist? "Kerkorian hatte eine sehr kurzfristige Perspektive, Schrempp denkt langfristiger", erklärt Schell diesen Widerspruch.
Schrempp weiß, dass er mit seinen Aussagen in dem umstrittenen Interview in eine Falle getappt ist, die ihm seine eigenen PR-Berater gestellt haben: Zwei Jahre nach der Fusion wollten sie ihren Chef als Siegertyp darstellen, der ein US-Unternehmen in die Tasche steckte. Ein von der Presse-Abteilung des Konzern unterstütztes Buch (David Waller: "Die Stunde des Strategen") zielte in die gleiche Richtung: Schrempp als Sieger, der sie alle einwickelt.
Doch auf solchen Hochmut folgt meist der Fall. Vom ehemaligen Preisboxer Kerkorian hätte Schrempp lernen können: Wer die Arme zu früh hochreißt, riskiert schwere Treffer. Der DaimlerChrysler-Chef hat das mittlerweile begriffen, er tritt inzwischen zurückhaltender auf.
Schrempp bleibt im Amt
Um sein Amt muss Schrempp trotz seines Patzers nicht fürchten: Aufsichtsratschef Kopper selbst hat sich erst kürzlich für ihn stark gemacht. Schrempp soll noch einige Jahre an der Spitze des Konzerns bleiben, um zu beweisen, dass die von ihm eingefädelte DaimlerChrysler-Fusion richtig war.
Für seine Anwälte ist die desolate Lage bei Chrysler ein Glück: Ohne die Hilfe aus Deutschland wäre der drittgrößte US-Autobauer wohl längst pleite, das Aktienpaket Kerkorians mithin keinen Cent mehr wert.
Doch bei Kerkorian ist von Dankbarkeit wenig zu spüren. Er mag Schrempp nicht - und der schätzt auch ihn nicht besonders. Getroffen haben sie sich allerdings noch nie. Auf den Fluren des Gerichts in Wilmington könnten sich die beiden Männer das erste Mal persönlich begegnen.
Schrempp und Kerkorian haben durchaus Parallelen im Lebenslauf: Sie kommen aus einfachen Verhältnissen. Beide haben in der Kindheit Hunger kennen gelernt und sich ganz nach oben gearbeitet. Schrempp begann als Lehrling in einer Mercedes-Werkstatt. Kerkorian, dessen Familie aus Armenien stammt und der in Kalifornien mit Feldarbeit aufwuchs, suchte von Anfang an unkonventionelle, riskante Wege: Mit Boxen verdiente er sein erstes Geld, als Soldat ließ er sich zum Piloten ausbilden.
Später ging er riskante Immobiliendeals ein, baute früher als alle anderen in Las Vegas Hotels und Casinos und erwarb ein Hollywood-Studio. Geschäftliche Entscheidungen über die Anlagestrategie seines Investmentfonds Tracinda trifft er seit Jahren in einem Bungalow in Las Vegas, zu dem nur eine Hand voll Vertrauter Zugang haben.
Auch Jürgen Schrempp hat in der Daimler-Zentrale in Stuttgart einen Raum, zu dem nur wenige Auserkorene Zutritt haben - den so genannten War Room. Er versteht es ebenso geschickt wie Kerkorian, treue Untergebene aufzubauen. Und der Hang zum Risiko ist bei ihm fast genauso groß wie bei seinem amerikanischen Gegenüber.
Der deutsche Manager hat geschafft, was Kerkorian selbst versagt blieb: die Kontrolle über Chrysler zu gewinnen. Als Kerkorian 1995 eine feindliche Übernahme des Automobilkonzerns versuchte, bat er auch Daimler-Benz um Hilfe. "Solche Geschäfte machen wir nicht", soll ihm Schrempp brüsk ausgerichtet haben.
Vier-Augen-Gespräch geplatzt
Als Kerkorian im Gegenzug der Fusion mit Daimler-Benz zustimmte, wollte er Schrempp endlich persönlich kennen lernen. Bei einem Aufenthalt in London bat er ihn zu einem Vier-Augen-Gespräch. Schrempp lehnte ab: keine Zeit. Als Kerkorian später erfuhr, dass Schrempp stattdessen auf seine private Ranch in Südafrika geflogen sei, war der Keim einer Feindschaft gelegt.
Da Kerkorian während des Fusionsbeschlusses bei Chrysler über einen Vertrauensmann im Aufsichtsrat verfügte und so ausreichend Einblick in alle Unterlagen hatte, geben Experten ihm nur wenige Chancen, den Prozess zu gewinnen. Eine Irreführung scheint so kaum möglich. Nicht umsonst hat DaimlerChrysler mit den außenstehenden Aktionären bereits einen Vergleich geschlossen, eine entsprechende Regelung mit Tracinda aber abgelehnt.
Und das, obwohl Kerkorians Anwälte eine außergerichtliche Einigung wollten, wie es aus Unternehmenskreisen heißt: "Die wissen, dass sie nur wenig Chancen haben zu gewinnen." Auch Kerkorian hat einiges zu verlieren: DaimlerChrysler will beweisen, dass der US-Investor seine Chrysler-Aktien kurz nach der Fusion mit Insider-Informationen verkauft hat. Kein Kavaliersdelikt in den USA. Auch deshalb wollte Jürgen Schrempp keinen schnellen Deal. Er sucht die Entscheidung am Delaware.
06:20:19 Kursinformationen und Charts
Name aktuell  absolut  
Daimler 37,945 EUR   -2,54%  -0.99
  • FTD, 30.11.2003
    © 2003 Financial Times Deutschland,
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
FTD-Versicherungsmonitor
FTD-Versicherungsmonitor

Der FTD-Versicherungsmonitor hat alle wichtigen Namen und Nachrichten auf dem Radar und bündelt die wichtigsten Informationen aus verschiedenen Quellen. So erhalten Sie einen exzellenten Überblick über die Assekuranz, analytisch kommentiert von FTD-Versicherungskorrespondent Herbert Fromme.

Jetzt kostenlos abonnieren
Tweets von FTD.de Unternehmens-News

Weitere Tweets von FTD.de

  16.05. Wissenstest Sind Sie Flughafenkenner?

Die verschobene Eröffnung des Berliner Großflughafens BER schlägt Wellen. Die internationalen Flughäfen sind nicht nur dynamische Orte, sondern auch Großunternehmen. Kennen Sie sich gut mit Airports aus?

Zunächst eine Frage zum weltgrößten Flughafen. Derjenige mit dem größten Passagieraufkommen ist …

Wissenstest: Sind Sie Flughafenkenner?

Alle Tests

Tools für Unternehmer
 
Gründung Finanzierung Steuern Firmenwert Vorlagen
Verträge und Vorlagen Sie benötigen Dokumente und nützliche Arbeitshilfen für Ihren Geschäftsalltag? Wählen Sie aus fast 5.000 rechtssicheren und aktuellen Verträgen, Vorlagen, Checklisten, Rechentabellen oder Ratgebern. mehr

Newsletter:   Eilmeldungen Unternehmen

Autobauer unterschreibt milliardenschwere Übernahme? Mit uns wissen Sie es, bevor die Tinte trocken ist.

Beispiel   |   Datenschutz
  • Verkauf von Makro: Neuanfang für Metro

    "Zum Handeln geschaffen" lautet Metros Motto. Der neue Konzernchef Olaf Koch scheint den Slogan wörtlich zu nehmen. Mit dem ersten großen Verkauf einer Tochter bricht er den Stillstand bei Metro auf. mehr

  •  
  • blättern
  Bilderserie Deutsche Bank Stationen eines Topbankers

Bilderserie

  30.05. Wirtschaft Facebook-Aktie bis zu zehn Prozent im Minus
Wirtschaft: Facebook-Aktie bis zu zehn Prozent im Minus (00:00:35)

Damit lag die Aktie deutlich unter dem Ausgangskurs von 38 Dollar am 18. Mai. mehr

FTD-Blogs
Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

 



markets
  DAX 6280,8  [-116.04 -1,81%
  Dow Jones 12419,86  [-160.83 -1,28%
  Nasdaq Composite 2837,36  [-33.63 -1,17%
  Euro Stoxx 50 2116,18  [-44.13 -2,04%
VERSICHERUNGEN

mehr Versicherungen

INDUSTRIE

mehr Industrie

FINANZDIENSTLEISTER

mehr Finanzdienstleister

HANDEL+DIENSTLEISTER

mehr Handel+Dienstleister

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote