Umdeutung möglichDie Tonbandaufzeichnung des Interviews ist mittlerweile Teil der Gerichtsakte. Kerkorians Anwälte haben die Herausgabe vor einem Londoner Gericht erstritten. Schrempps Anwalt Schell versucht, die Aussagen umzudeuten: "In dem Interview geht es um die Struktur des Unternehmens im Oktober 2000, nicht um den Zusammenschluss", wiegelt er ab. Das dürfte vor Gericht schwer zu belegen sein.
Anwalt Schell will beweisen, dass Kerkorian von Anfang an über den Charakter der Fusion informiert war. Schließlich hatte er einen Vertrauten im Aufsichtsrat. Kerkorian habe das Chrysler-Management unter Druck gesetzt, keinen zu hohen Preis von Daimler-Benz zu verlangen und so den Deal zu gefährden. Damit die Fusion nicht im letzten Augenblick platzt, habe er Informationen über die Verhandlungen an das "Wall Street Journal" lanciert - es sollte kein Zurück mehr geben.
Und warum das alles? "Kerkorian wusste, dass dies der optimale Zeitpunkt war, Chrysler zu verkaufen", sagt Anwalt Schell. Denn die Krise bei Chrysler war absehbar.
Doch wenn Kerkorian wusste, dass er Schrempp und Daimler-Benz einen Krisenfall zum Höchstpreis unterjubelte, warum wusste Schrempp das nicht auch und drückte entsprechend den Preis? Warum ließ er sich auf die Fusion mit einem Unternehmen ein, das fünf Jahre danach noch immer ein Sanierungsfall mit ungewisser Zukunft ist? "Kerkorian hatte eine sehr kurzfristige Perspektive, Schrempp denkt langfristiger", erklärt Schell diesen Widerspruch.
Schrempp weiß, dass er mit seinen Aussagen in dem umstrittenen Interview in eine Falle getappt ist, die ihm seine eigenen PR-Berater gestellt haben: Zwei Jahre nach der Fusion wollten sie ihren Chef als Siegertyp darstellen, der ein US-Unternehmen in die Tasche steckte. Ein von der Presse-Abteilung des Konzern unterstütztes Buch (David Waller: "Die Stunde des Strategen") zielte in die gleiche Richtung: Schrempp als Sieger, der sie alle einwickelt.
Doch auf solchen Hochmut folgt meist der Fall. Vom ehemaligen Preisboxer Kerkorian hätte Schrempp lernen können: Wer die Arme zu früh hochreißt, riskiert schwere Treffer. Der DaimlerChrysler-Chef hat das mittlerweile begriffen, er tritt inzwischen zurückhaltender auf.