Nach dem Rücktritt Heinrich von Pierers könnte Klaus Kleinfeld erstmals uneingeschränkt herrschen. Doch schon lauern auf den Siemens-Chef neue Gefahren. Und weder im Konzern noch in der Politik hat er viele Freunde. von Thomas Fromm (München)
Siemens-Chef Klaus Kleinfeld
Er brauchte einen Vormittag, um die richtigen Worte zu finden. Am Freitag gegen 14 Uhr verabschiedete sich Siemens-Chef Klaus Kleinfeld von seinem Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer. Die knapp gehaltene Rundmail an die Mitarbeiter war in dem Ton verfasst, den man nach dem Rücktritt seines Amtsvorgängers erwarten durfte. Er sei von Pierer "persönlich zu tiefstem Dank verpflichtet", schrieb Kleinfeld. Und dass er "Herrn von Pierer als Mensch, als Manager, als Ratgeber und als einen von uns" schätze.
Jetzt ist Klaus Kleinfeld endlich allein an der Konzernspitze. Zwei Jahre und vier Monate nachdem er auf dem Vorstandschefsessel von Siemens Platz genommen hat und sein Vorgänger an die Spitze des Aufsichtsrats weitergerückt ist, könnte Kleinfeld erstmals uneingeschränkt über das Siemens-Reich herrschen. Könnte.
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Denn das wahre Ausmaß der vermeintlich neuen Freiheit wird sich erst noch zeigen. Zwar setzt von Pierer mit seinem Abgang den lästigen öffentlichen Debatten über seine Interessenkonflikte ein Ende; schließlich fielen die Affären um schwarze Kassen und gekaufte Betriebsräte in seine Amtszeit. Zudem dürfte das lästige Hineinregieren des Oberaufsehers aufhören. Er soll sich mit seinen alten Konzernseilschaften immer wieder ins operative Geschäft des Nachfolgers eingemischt haben, zuletzt bei Kleinfelds Verkaufsplänen für die Autozulieferertochter VDO, die von Pierer in den Konzern geholt hatte.
Mit all dem ist nun Schluss. Doch ausgestanden ist noch lange nichts. "Von Pierers Rücktritt ist nicht der von vielen geglaubte Schlussstrich unter die Schmiergeldaffäre", glaubt ein Siemens-Insider. "Deren Aufklärung steht dem Konzern erst noch bevor. Die neue Freiheit könnte sich als Pyrrhussieg erweisen."
Kleinfeld ohne Machtbasis
Hinzu kommt, dass im Aufsichtsrat neue Gefahren lauern. Kleinfeld, der lange Zeit für Siemens in den USA arbeitete, hat weder im Konzern noch in dessen Kontrollgremium eine Machtbasis, die ihn absichert. Die Zahl seine Freunde bei Siemens ist gering. Im persönlichen Netzwerk der nach wie vor äußerst lebendigen Deutschland AG ist Kleinfeld kaum verankert.
Solange von Pierer ihn kontrollierte, war das Risiko für den 49-jährigen Bremer einigermaßen kalkulierbar. "An die Stelle dieses Kräftegleichgewichts tritt nun eine neue Phase in der Siemens-Geschichte - und die könnte unüberschaubar und chaotisch werden", so ein Manager.
Ganz entscheidend wird in Zukunft sein, wie Gerhard Cromme seine Rolle an der Spitze des Siemens-Aufsichtsrats definiert - und wie er mit Kleinfeld zurechtkommt. Cromme ist groß geworden in der alten Deutschland AG, Kleinfeld hat einen Großteil seiner Karriere in Amerika verbracht. Entsprechend ist sein Führungsstil. Zwei Egos, zwei Welten.
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