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Merken   Drucken   09.08.2005, 20:51 Schriftgröße: AAA

Agenda: Gib Gas!

Die deutschen Energiekonzerne würden gerne von den gigantischen Vorkommen in Russland profitieren. Doch der Rohstoff-Riese Gasprom spielt Eon Ruhrgas, RWE und Wintershall geschickt gegeneinander aus. von Nils Kreimeier und Nicolai Kwasniewski, Nowyj Urengoj
Ein Arbeiter unter Gasleitungen in der Gaspumpstation ...   Ein Arbeiter unter Gasleitungen in der Gaspumpstation "Polarfuchs"
Das sumpfige Brachland reicht bis zum Horizont. Aus dem Morast zwischen Tausenden kleinen Tümpeln ragen Baumstümpfe hervor. Milliarden von Mücken schwirren in riesigen Schwärmen umher, schlüpfen in Nase und Ohren, Augen und Mund. Im Winter verschwinden die lästigen Insekten, dann toben eisige Schneestürme, das Thermometer fällt regelmäßig auf minus 50 Grad. Nein, Urengoj in Westsibirien ist definitiv kein Land, das sich zum Leben eignet.
Der unwirtliche Landstrich am Polarkreis wird aber dennoch von Menschen bewohnt. Es ist die reichste Schatztruhe Russlands, die Region, die das höchste Steueraufkommen pro Kopf im Lande erwirtschaftet. Denn Urengoj ist auf Gas gebettet. Unter dem ewigen Eis Westsibiriens liegt das größte Gasfeld der Erde. Von hier aus fließt der unsichtbare Rohstoff nach Westen, nach Italien und Frankreich und vor allem nach Deutschland.
Die Gasmetropole Nowyj Urengoj   Die Gasmetropole Nowyj Urengoj
In Nowyj Urengoj, der Gasmetropole, werden Milliarden Euro verschoben, und es wird über die künftige Energiesicherheit ganzer Staaten entschieden. Dabei prallen die Interessen der internationalen Konzerne aufeinander, darunter auch die der drei großen deutschen Energieunternehmen Wintershall, Eon Ruhrgas und RWE. Je schneller die Gasreserven der Nordsee zu Ende gehen, desto heftiger wird der Zwist.
Genau von diesem Ringen profitiert der russische Monopolförderer Gasprom. Das Unternehmen ist ein Global Player: Es fördert ein Viertel der jährlichen Weltproduktion, über 540 Milliarden Kubikmeter waren es im Jahr 2004. Etwa 330.000 Menschen arbeiten landesweit für den Konzern. Kaum ein europäisches Land ist von den russischen Gaslieferungen so abhängig wie Deutschland. Ein Drittel des Verbrauchs stammt schon jetzt aus Russland. Mittelfristig dürfte dieser Anteil sogar auf 40 Prozent ansteigen.
Die Eon-Ruhrgas-Repräsentanz in Moskau   Die Eon-Ruhrgas-Repräsentanz in Moskau
An langfristigen Förderrechten interessiert
Für diese Zeit will sich Eon Ruhrgas wappnen, am liebsten in die Erschließung der Felder einsteigen und sich langfristige Förderrechte sichern. "Wir versuchen, eigene Beteiligungen an Gasfeldern zu bekommen", bestätigt Andreas Reichel, Sprecher von Eon Ruhrgas. Nur so, glaubt man bei dem deutschen Konzern, lässt sich verhindern, vollständig von den Launen des russischen Marktmonopolisten abhängig zu sein.
Die russische Seite verfolgt die Pläne der Deutschen durchaus mit Interesse. Denn im fernen Sibirien wissen sie, dass selbst die riesigen Reserven von Urengoj irgendwann erschöpft sein werden. Um neue Vorkommen anzuzapfen, müssen sie in tieferen Gesteinsschichten bohren. Außerdem müssen sie neue Förderstätten suchen, weiter im Norden, auf der Jamal-Halbinsel, wo es noch unwirtlicher ist. Aber dafür braucht Moskau viel Geld und technisches Know-how.
Idylle im Kontrollraum der Pumpstation Polarfuchs   Idylle im Kontrollraum der Pumpstation Polarfuchs
Kein Wunder, dass sich der deutsche Marktführer Eon Ruhrgas bei so viel gemeinsamen Interessen gute Chancen auf einen Einstieg in die russische Förderung ausgerechnet hatte. Immerhin hält das Unternehmen bereits einen Anteil von 6,5 Prozent an Gasprom - und dessen Führung sprach sich schon voriges Jahr "grundsätzlich" für eine Beteiligung der Deutschen am Gasfeld Juschno-Russkoje aus - ein Juwel mit 500 Milliarden Kubikmetern Reserven.

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  • Aus der FTD vom 10.08.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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