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Merken   Drucken   21.08.2005, 20:29 Schriftgröße: AAA

Agenda: Letzte Ölung

Die steigenden Benzinpreise haben weniger mit knappen Ressourcen zu tun, als mit Engpässen bei amerikanischen Öl-Raffinerien. Die veralteten Anlagen sind an den Grenzen ihrer Kapazitäten. Trotzdem scheuen die Ölkonzerne Neuinvestitionen. von Tim Höfinghoff, New York
Raffinerie in Chalmette, Louisiana   Raffinerie in Chalmette, Louisiana
Ken Fords Vertrauen zu seinem Nachbarn zerbrach mit einem Anruf. Der Rentner aus Chalmette im US-Bundesstaat Louisiana wohnt 400 Meter von einer Erdölraffinerie entfernt, die Exxon Mobil  und das Staatsunternehmen PDVSA aus Venezuela gemeinsam betreiben. Dort sei alles in bester Ordnung versicherte ihm die Stimme an der Info-Hotline, die Produktion laufe störungsfrei. Dabei kam der 68-Jährige gerade vom Zaun der Anlage zurück, wo er Fotos gemacht hatte. Weil ein Teil des Betriebs schon seit Stunden in Flammen stand. "Seitdem glaube ich den Leuten von der Raffinerie kein Wort mehr", sagt Ford, "sie zeigen überhaupt keine Verantwortung."
Ford engagiert sich in einer Bürgerinitiative gegen die Raffinerie in Chalmette. Überall im Land sorgen sich Bürger wegen der Fabriken. Sie sind veraltet, schmutzig und an den Grenzen ihrer Leistung. In den vergangenen Wochen häuften sich die Zwischenfälle. Bisweilen explodierten sogar die Anlagen, wie die BP-Raffinerie in Texas City im März. Dabei starben 15 Menschen, 170 wurden verletzt.
Doch die veralteten Raffinerien sind nicht nur verantwortlich für Katastrophenmeldungen, sie sind auch eine Hauptursache für die ständig steigenden Spritpreise. Seit 1976 wurde in den USA keine neue Raffinerie gebaut. Ein Versäumnis, dass sich jetzt rächt.
Großfeuer in BP-Raffinerie in Texas   Großfeuer in BP-Raffinerie in Texas
Weniger US-Ölveredelungsanlagen
Heute gibt es in den USA gerade noch halb so viele Ölveredlungsanlagen wie in den 80er Jahren. Allerdings fauchen die verbleibenden Erdöl-Saurier unter Volllast. "Die Auslastung beträgt bis zu 96 Prozent", sagt Bob Slaughter, Präsident des Branchenverbandes National Petrochemical and Refiners Association (NPRA). Aber das reicht lange nicht, um den Öldurst der US-Ökonomie zu stillen. Der Gesamtausstoß der Raffinerien ist in etwa derselbe wie vor 20 Jahren. Seitdem legte die Nachfrage nach Benzin aber um fast 50 Prozent zu. Das US-Energieministerium rechnete aus, dass die USA in diesem Jahr jeden Tag 1,46 Milliarden Liter Benzin verbrauchen.
Ihre beschränkte Verarbeitungskapazität treibt die Ölkonzerne in ein Dilemma. Ihre Raffinerien können nicht genügend Heizöl und Benzin gleichzeitig produzieren. Als vor ein paar Wochen die Angst vor Heizölknappheit in den USA die Rohölnotierungen in Schwindel erregende Höhen trieb, schaltete man die Produktion von Benzin auf Heizöl um. Die Folge: Jetzt fürchtet der Markt Engpässe beim Benzin - und der Ölpreis klettert weiter nach oben. "Die US-Raffinerien können zurzeit nicht beides gleichzeitig in solchen Mengen produzieren, dass sich der Markt spürbar beruhigt", sagt Tobias Merath, Rohstoffanalyst bei Credit Suisse.

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  • Aus der FTD vom 22.08.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
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