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Agenda: Mobbing, Siemens und 1 Million
Sie fühlt sich drangsaliert und geht in die Offensive: Eine siebenstellige Summe will die ehemalige Siemens-Mitarbeiterin Sedika Weingärtner vor Gericht erstreiten - für sich und gegen das öffentliche Verdrängen.Sedika Weingärtner sitzt aufrecht in Saal 222 des Nürnberger Arbeitsgerichts, sie trägt ein anthrazitfarbenes Kostüm, das perfekt geschminkte Gesicht wirkt angespannt. Es ist ein wichtiger Tag für sie. Ihre Anwälte beharken sich unermüdlich mit der Gegenseite. Plötzlich hält es die 45-Jährige nicht mehr aus. Sie kämpft mit den Tränen, bittet um Gehör und hält ein Plädoyer in eigener Sache: "Warum interessiert heute niemanden, warum mein Ton so scharf war?", fragt sie und liefert ihre Gründe gleich mit. "Es war unfair, es war unter der Gürtellinie, was diese feinen Herren der Gesellschaft mir angetan haben."
Verhandelt wird das Aktenzeichen 2 Ca 3484/09, eigentlich geht es nur um eine Kündigung. In Wahrheit geht es aber um viel mehr. Es geht um den Vorwurf von Mobbing und Diskriminierung. Und es geht - in einem zweiten Verfahren - um mehr als 1 Mio. Euro. Diese Summe verlangt Weingärtner von ihrem früheren Arbeitgeber Siemens , weil sie als Einkaufsstrategin von ihren Vorgesetzten sieben Jahre lang systematisch schikaniert worden sein soll. Der Fall ist in Deutschland bisher einmalig, so viel Geld wurde noch nie bezahlt. Und er könnte Justizgeschichte schreiben. Am Mittwoch wurde die Verhandlung vertagt. Im März will das Gericht entscheiden, ob Siemens Weingärtner verhaltensbedingt kündigen durfte und ob sie wirklich gemobbt wurde.
Der Vorstoß ist in jedem Fall mutig. Zwar sind sich Experten einig, dass Mobbing am Arbeitsplatz weitverbreitet ist, Existenzen zerstört und enorme betriebs- und volkswirtschaftliche Schäden verursacht. Gerichtlich dagegen vorzugehen ist in Deutschland äußerst schwierig. Früher waren Fälle wie der von Sedika Weingärtner Arbeitsrechtsprozesse. Seit 2006 gibt es das Allgemeine Gleichstellungsgesetz (AGG), das Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund des Geschlechts, Alters oder der Herkunft verbietet und nun gern für solche Fälle herangezogen wird.
"Die meisten Menschen werden nach jahrelangen Arbeitskonflikten ängstlicher, depressiver. Das ist so ein Ohnmachtsgefühl", sagt Harald Ege, Arbeits- und Gerichtspsychologe. Der einzige bisher öffentlich gewordene Fall liegt fünf Jahre zurück: Eine Angestellte der R+V Versicherung verklagte das Unternehmen wegen Diskriminierung und erstritt 11.000 Euro. Doch die meisten Fälle enden in einem Vergleich und kommen selten an die Öffentlichkeit.
Auch Sedika Weingärtner hat sich im vergangenen Sommer auf einen außergerichtlichen Vergleich eingelassen, den sie aber wenig später widerrufen hat. Seitdem kämpft sie wieder. In aller Öffentlichkeit. "Zufrieden gebe ich mich erst", sagt sie, "wenn ich die Gesellschaft sensibilisiert habe, dass hier ein Problem ist."
Sedika Weingärtner flieht 1991 ohne Mann mit ihren drei Kleinkindern aus Afghanistan nach Deutschland. In ihrer Heimat arbeitete die damals 26-Jährige als Fernsehjournalistin, hier muss sie wieder von vorn anfangen. Das gelingt ihr gut. Sie heiratet einen Kunsthistoriker, lernt schnell Deutsch und einen neuen Beruf.
Teil 2: Sie sitzt allein an einem Dreiertisch - keiner redet mit ihr
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21.01.2010
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