Dossier
Präsident Obama lädt zum G20-Gipfel nach Pittsburgh - in eine wiederbelebte Stadt: Das einst Not leidende Zentrum der US-Stahlindustrie trotzt als boomender Standort für Hochtechnologie und Forschung der Rezession.
von Sabine MuscatPittsburgh
Das neue Leben des Kevin Richardson beginnt auf einer Baustelle. Seit neun Wochen streift er mit weißem Schutzhelm durch die halb fertige Fabrikhalle nördlich von Pittsburgh, in der das deutsche Unternehmen Flabeg Ende Oktober die Produktion von Solarspiegeln starten will. Zwei Fließbänder stehen bereits. Auf ihnen werden die Spiegel gewaschen, bevor sie ins Silber- dann ins Kupferbad kommen. Dafür wird Richardson als Instandhaltungsleiter zuständig sein. Seine neuen Arbeitgeber überlassen ihm schon jetzt viel Verantwortung: Zehn Techniker durfte er einstellen und die Geräte für den Fitnessraum aussuchen. "Die meinen es wirklich gut mit ihren Angestellten", staunt er.
So etwas hat Richardson noch nie erlebt. In seinen bisherigen 14 Berufsjahren war er immer nur Zeuge, wenn etwas abgebaut wurde. Fünf Generationen seiner Familie waren in der Stahlindustrie tätig, doch seit den 80er-Jahren geht es mit dieser Branche nur noch abwärts. Richardson hat lange durchgehalten, bei drei verschiedenen Unternehmen. Doch dann ging auch sein dritter Arbeitgeber in die Knie, und Richardson verließ die Firma, weil er das Ende nicht mehr miterleben wollte. "Ich habe mir nicht so viele Sorgen gemacht, ich war ja gut ausgebildet", sagt er. Die meisten Regeln für die Installation von Maschinen gelten auch für die Glasindustrie. "Wer im Weltmarkt überleben will, muss sich eben anpassen."
Pittsburgh sthet besser da als die meisten Nachbarn
Wie Pittsburgh. Das ehemalige Zentrum der US-Stahlindustrie, in dem am Donnerstag das G20-Treffen beginnt, hat schlimme Zeiten hinter sich. In den 50er-Jahren setzte der schleichende Niedergang ein, in den 80ern kam der große Knall. "Es war uns damals nicht mal mehr eine Geschichte wert, wenn ein paar Hundert Arbeiter entlassen wurden", erinnert sich Jim O'Toole, Reporter bei der "Pittsburgh Post-Gazette". 80.000 Jobs gingen verloren. "Die Realität hatte Pittsburgh ins Gesicht geschlagen."
Vom Stahlwerk in die Solarspiegelproduktion: Kevin Richardson arbeitet jetzt für einen deutschen Mittelständler, der in Pittsburgh sein Werk für den US-Markt aufbaut
Auch heute gibt es hier Armut und Kriminalität, die typischen Probleme einer Industriestadt im Mittleren Westen der USA. Doch in der Rezession steht Pittsburgh besser da als die meisten Nachbarn: Mit 7,7 Prozent liegt die Arbeitslosenquote unter dem nationalen Schnitt. Auch die Immobilienkrise hat Pittsburgh verschont. Der Ort ist Sitz internationaler Energie-, Chemie- und Hightech-Unternehmen, und der "Economist" hat sie zur lebenswertesten Stadt in Amerika erklärt.
Kurzum: Pittsburgh ist genau das, was US-Präsident Barack Obama meint, wenn er ein neues Wirtschaftsmodell für Amerika fordert. Also hat er die Führer der 20 größten Industrienationen dorthin eingeladen - in das weltweit einzige grün zertifizierte Kongresszentrum. Und Richardson hat wieder Grund zum Staunen: "Nicht in einer Million Jahren hätte ich geglaubt, dass die Führer der ganzen Welt sich eines Tages hier versammeln könnten."
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