FTD.de » Unternehmen » Industrie » Sex, Lügen und Video

Merken   Drucken   16.08.2008, 12:05 Schriftgröße: AAA

Agenda: Sex, Lügen und Video

Dossier Im Kampf gegen organisierte Kriminalität und Wirtschaftsspionage rüsten deutsche Konzerne massiv auf. Sie spannen Ex-Geheimdienstler und Profi-Ermittler ein - und scheren sich nicht immer um Recht und Gesetz. Angriff ist die beste Verteidigung, lautet die Devise. von Jens Brambusch und Matthias Lambrecht (Hamburg)
Das Taxi, das der Manager einer großen deutschen Finanzberatung heran ruft, hat schon auf ihn gewartet. Die Frau an seiner Seite weiß, es wird die letzte gemeinsame Taxifahrt sein. Die Mitarbeiterin der US-Bank ist am Ziel, ehe das Taxi anhalten wird. Der verheiratete Mann, mit dem sie eine monatelange Affäre führte, dagegen am Ende. Das Auto ist verwanzt. Jedes Wort wird aufgezeichnet, jede erlebte Intimität, über die das Paar auf der Fahrt spricht, wird später als Druckmittel eingesetzt, um an Dokumente zu kommen, an denen der Arbeitgeber der Frau interessiert ist. Sie hat sich freiwillig gemeldet zu dieser Operation. Unterstützt wird sie von einem Ex-Stasi-Offizier.
Was klingt wie die Passage aus einem John-Grisham-Krimi, ist längst Realität in der deutschen Wirtschaft. Das Bespitzeln von Managern, Einbrüche in Büros oder verwanzte Konferenzräume sind keine Einzelfälle mehr. Sicherheitsberatungen und Wirtschaftsdetekteien werden angeheuert, um Konkurrenten, Geschäftspartner und Mitarbeiter auszuforschen. Oder um Konzerne gegen solche Angriffe zu schützen.
Der Schaden durch Wirtschaftskriminalität ist immens. Allein 2007 betrug er nach Schätzungen der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers (PwC) 6 Mrd. Euro - bei den aufgedeckten Fällen. Die Dunkelziffer liegt weit höher: Jede dritte entdeckte Straftat wird von deutschen Unternehmen nicht angezeigt, aus Angst vor Imageschäden. Bei Korruption schalten Unternehmen sogar nur in jedem zweiten Fall die Staatsanwaltschaft ein, so das Ergebnis der PwC-Studie unter knapp 1200 Unternehmen. "In der Wirtschaft ist eine Art private Gerichtsbarkeit entstanden", sagt ein Kenner der Szene. Juristisch verwertbar müssten viele Informationen deshalb nicht sein. Die wenigsten Unternehmen hätten ein Interesse daran, dass ihr Name im Zusammenhang mit Wirtschaftskriminalität falle. Belastendes Material werde oft direkt gegen den Konkurrenten, Angestellte oder auch Aufsichtsräte verwendet.
René Obermann muss sich mit internen Spitzeleien auseinander setzen   René Obermann muss sich mit internen Spitzeleien auseinander setzen
Top-Personal aus Polizei und Geheimdiensten
Mit dem Schaden, der entsteht, wenn fragwürdige Spitzeleien öffentlich werden, muss sich seit diesem Frühjahr René Obermann , der Vorstandschef der Deutschen Telekom , auseinander setzen. Was lange verschwiegen wurde, das Zusammenspiel zwischen Konzernsicherheit und Sicherheitsberatungen, ist jetzt publik: Die Telekom gab Verbindungsdaten von Journalisten und Aufsichtsräten an externe Dienstleister weiter und ließ sie auswerten. Vertrauliche Daten, die dem Datenschutz unterliegen. Ein Journalist wurde observiert, angeblich ein Maulwurf in einer Redaktion installiert. Mitarbeiter der Konzernsicherheit wurden als V-Leute in die Computerhacker-Szene eingeschleust, Telefonate abgehört. Lauter Machenschaften, die das Image des ehemaligen Staatsmonopolisten arg beschädigen - und einen seltenen Einblick in einen Konzern gewähren, in dem Paranoia und begründete Sicherheitsbedenken kaum noch zu unterscheiden sind.
Die großen Konzerne haben aufgerüstet, um sich gegen undichte Stellen, Untreue, Erpressung und zwielichtige Geschäftspartner zu schützen. Im Abwehrkampf gegen die organisierte Kriminalität oder ausländische Unternehmen, die Spionage mit Hilfe der Nachrichtendienste ihrer Heimatländer betreiben, sind die Sicherheitsabteilungen der Unternehmen zu Hundertschaften angewachsen. Im Auftrag der Vorstände ermitteln sie, bei Bedarf werden Spezialisten aus Sicherheitsberatungen hinzugezogen. Das Top-Personal wird aus Polizei, Bundeskriminalamt, Verfassungsschutz und Geheimdiensten rekrutiert - angelockt mit einer Verdopplung bis Vervierfachung des Gehalts. Angriff, so die Devise vieler Konzerne, ist die beste Verteidigung.
Wie skrupellos deutsche Konzerne mit dem Einsatz von Detektiven umgehen, wurde schon vor zehn Jahren aktenkundig. Jahrelang ließ der Leverkusener Pharma-Konzern Bayer zwei britische Privatdetektive weltweit spionieren. Allein in Deutschland standen 24 Unternehmen im Verdacht, Bayer-Patente zu verletzen. In Hamburg steigen die Spitzel bei der Spedition Schaulandt ein, um Lieferscheine und Zollpapiere zu stehlen. Im Tessin wühlen sie auf dem Firmengelände des Finanzservice-Unternehmens Fidinam im Altpapier - die Ausbeute: seitenlange Listen anonymer Geschäftsbeziehungen und vertraulicher Beziehungen. In Spanien brechen sie in das Verwaltungsgebäude der Chemo Iberica ein, um den internen Lageplan der Chemieanlagen zu besorgen. Zuletzt knacken die beiden Briten den Sitz der Medochemie im zypriotischen Limassol und kommen mit dicken Aktenbündeln wieder heraus. Ein Mitarbeiter bemerkt den Einbruch, ruft die Polizei. Die beiden Spitzel werden verhaftet und zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Das Statement des Konzernsprechers von damals ist austauschbar mit Verlautbarungen aus jüngeren Tagen: "Wenn externe Dienstleister im Rahmen einer Tätigkeit für Bayer zu illegalen Mitteln gegriffen haben sollten, so wäre dies ohne Kenntnis und Billigung des Unternehmens geschehen."

Teil 2: Wie die Sicherheitschefs der Konzerne ihre Netzwerke pflegen

  • Aus der FTD vom 16.08.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
FTD-Versicherungsmonitor
FTD-Versicherungsmonitor

Der FTD-Versicherungsmonitor hat alle wichtigen Namen und Nachrichten auf dem Radar und bündelt die wichtigsten Informationen aus verschiedenen Quellen. So erhalten Sie einen exzellenten Überblick über die Assekuranz, analytisch kommentiert von FTD-Versicherungskorrespondent Herbert Fromme.

Jetzt kostenlos abonnieren
Tweets von FTD.de Unternehmens-News

Weitere Tweets von FTD.de

Tools für Unternehmer
 
Gründung Finanzierung Steuern Firmenwert Vorlagen
Verträge und Vorlagen Sie benötigen Dokumente und nützliche Arbeitshilfen für Ihren Geschäftsalltag? Wählen Sie aus fast 5.000 rechtssicheren und aktuellen Verträgen, Vorlagen, Checklisten, Rechentabellen oder Ratgebern. mehr

Newsletter:   Eilmeldungen Unternehmen

Autobauer unterschreibt milliardenschwere Übernahme? Mit uns wissen Sie es, bevor die Tinte trocken ist.

Beispiel   |   Datenschutz
  • Hohe Margenziele: Daimler wagt den großen Wurf

    Der Autobauer will die Spitzenstellung im Premiumsegment zurückerobern. Daimler-Chef Zetsche hat schon einen Plan - doch in der Vergangenheit sind die Stuttgarter mit ihren hochgesteckten Zielen schon oft gescheitert. mehr

  •  
  • blättern
  Bilderserie Branche im Umbruch Der FTD-Versicherungstag 2012

Bilderserie

  07:25 Wirtschaft Juncker: "Griechenlands Worten müssen Taten folgen"
Wirtschaft: Juncker: "Griechenlands Worten müssen Taten ...

Griechenland muss seine neuen Sparversprechen noch schwarz auf weiß abgeben, ehe die Euro-Länder ein zweites Rettungspaket freigeben. mehr

FTD-Blogs
Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

 



markets
  DAX 6731,82  [-56.98 -0,84%
  Dow Jones 12890,46  [6.51 +0,05%
  Nasdaq Composite 2927,23  [11.37 +0,39%
  Euro Stoxx 50 2502,19  [-20.15 -0,80%
VERSICHERUNGEN

mehr Versicherungen

INDUSTRIE

mehr Industrie

FINANZDIENSTLEISTER

mehr Finanzdienstleister

HANDEL+DIENSTLEISTER

mehr Handel+Dienstleister

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote