FTD.de » Unternehmen » Industrie » Agenda: Siemens' Notruf aus München

Merken   Drucken   17.05.2005, 19:51 Schriftgröße: AAA

Agenda: Siemens' Notruf aus München

Mit seiner neu gegründeten Com-Sparte wollte Siemens die Konkurrenz abhängen. Doch der Konzern hat Trends verschlafen, Entscheidungen verschleppt. Nun wird der schwächelnde Kommunikationszweig zur Bedrohung für den Gesamtkonzern. von Alexandra Borchardt, München, und Oliver Wihofszki, Hamburg
Das Siemens-Logo vor dem Verwaltungsgebäude in München   Das Siemens-Logo vor dem Verwaltungsgebäude in München
Die Party sollte keinen Zweifel an der Dimension der Ereignisse lassen. Im vergangenen Oktober versammelte Siemens  seine Mitarbeiter in der großzügigen Münchner Olympiahalle, um die Zusammenlegung der beiden Sparten Mobilfunk und Festnetz zu feiern. Riesig, selbstbewusst, Erfolg versprechend. Auf dem Podium erläuterte der schottische Formel-1-Rennfahrer David Coulthard die Faszination von Dynamik und Geschwindigkeit. Das neue Herzstück des Unternehmens, so der Traum der Verantwortlichen, sollte die Konkurrenz künftig das Fürchten lehren: mit einem Umsatz von 17 Mrd. Euro und 60.000 Mitarbeitern.
Ein halbes Jahr später ist bei den Beschäftigten von der Party nur noch ein ordentlicher Kater geblieben. Die Mitarbeiter sorgen sich um ihre Arbeitsplätze. Denn aus den "fünf guten Gründen für Siemens Com"- so der Titel der Selbstdarstellung im Internet - sind in kürzester Zeit fünf Gründe gegen Siemens Com geworden: Fünf von acht Geschäftsgebieten der Telekommunikationssparte, zu der neben den Handys auch Festnetzinfrastruktur, Mobilfunkausrüstung und das Geschäft mit Telefonanlagen für Firmen gehören, laufen schlecht bis miserabel.
Schwächelnder Riese: Siemens-Umsatz nach Sparten   Schwächelnder Riese: Siemens-Umsatz nach Sparten
Schlechte Nachrichten per Brief
Die schlechten Nachrichten hat Bereichschef Lothar Pauly seinen Mitarbeitern in einem Brief mitgeteilt. So etwas kommt nicht gut an. Analysten rechnen bereits aus, wie viel der Münchner Konzern ohne die Com-Sparte noch wert wäre. Beim hochdefizitären Mobiltelefongeschäft hat Siemens mit der geplanten Abspaltung bereits die Konsequenz gezogen. Damit ist klar: Der Ausverkauf der wichtigsten Siemenssparte hat begonnen.
Die Ursachenforschung ist nicht schwer. "Schwere Managementfehler", sagen Analysten und Betriebsräte in ungewohnter Einmütigkeit, seien für die prekäre Lage verantwortlich. Jahrelang seien Trends verschlafen und Entscheidungen verschleppt worden - im Dickicht der Hierarchieebenen zwischen Geschäftsgebietsleitern und Zentralvorstand.
Endlose Zahl der Versäumnisse
Tödlich war dies vor allem für das schnelllebige Handygeschäft. Zwar hatte Siemens Mitte der 90er Jahre mit dem für damalige Verhältnisse wegweisenden Modell S4 einen viel versprechenden Start hingelegt. Doch wenig später rächte sich die Philosophie des ehemaligen Siemens-Mobile-Chefs Rudi Lamprecht: "Design vor Technologie." Die Zahl der Versäumnisse ist endlos: "Die haben das Thema Farbdisplay verpennt, das Thema Kamera im Handy kam viel zu spät, bei UMTS haben sie komplett auf den falschen Partner gesetzt", sagt ein Analyst. Rudi Lamprecht hat das nicht geschadet. Er sitzt, weit entfernt vom operativen Geschäft, dafür aber hoch bezahlt, im Zentralvorstand.
Lothar Pauly, Chef der zusammengelegten Festnetz- und ...   Lothar Pauly, Chef der zusammengelegten Festnetz- und Mobilfunksparten von Siemens
So kann Bereichsleiter Lothar Pauly derzeit nur den Notstand verwalten: "Wesentliche Probleme sind unser zu geringes Volumen bei den High-End-Produkten und unsere zu geringen durchschnittlichen Verkaufspreise bei den Low-End-Produkten" , analysierte er kürzlich. "Darüber hinaus verfügen wir derzeit nicht über ein lückenloses innovatives Portfolio und kommen nicht schnell genug mit neuen Produkten auf den Markt."
Die Skepsis der Kunden hat ihre Gründe. Siemens-Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger leistete sich beispielsweise im vergangenen November einen schweren Fehler. "Mobiltelefone richten sich an den Endverbraucher und passen nicht gut zum sonstigen Geschäft", hatte er sich aus einem Gespräch mit Analysten zitieren lassen. Dies verunsicherte die Verbraucher derart, dass Siemens mit seinen Handys binnen weniger Monate in der Rangliste der weltweiten Hersteller vom vierten auf den sechsten Platz abrutschte. Der Abwärtstrend geht weiter.
Keine Besserung in Sicht
Gewerkschafter unterstellen Neubürger nun, er würde die gesamte Kommunikationssparte am liebsten loswerden. Für einen Finanzmann ist das nicht ungewöhnlich. Denn der jetzige Bereichschef Pauly weiß kaum, wo er mit dem Aufräumen anfangen soll. Im Geschäft mit Firmenkunden sieht er "hohen Handlungsbedarf", im Festnetzgeschäft diagnostiziert er "erhebliche Überkapazitäten".
Besserung ist nicht in Sicht. Der Wettbewerbsdruck wächst weiter. Siemens kämpft in fast allen Segmenten mit einem stagnierenden oder nur langsam wachsenden Weltmarkt. Außerdem bieten asiatische Anbieter technologisch gleichwertige Bauteile für Telefonnetze oder Mobilfunkanlagen inzwischen wesentlich preisgünstiger an als westliche Rivalen wie Siemens.
Ein Blick in die Produktion von Siemens-Handys vom Typ M65   Ein Blick in die Produktion von Siemens-Handys vom Typ M65
Trend zum Speziellen
Viele Anbieter haben sich deshalb längst wieder auf ihre Kernmärkte zurückgezogen. "In der Branche gibt es den Trend, sich zu spezialisieren", sagt Arno Wilfert von der Beraterfirma Arthur D. Little. "Das hat Nokia vor einigen Wochen vorgemacht, als das Polizeifunkgeschäft an EADS verkauft wurde." Die Finnen konzentrieren sich auf Handys und die Ausrüstung von Mobilfunknetzen. Ericsson lagerte die Handyproduktion in eine Gemeinschaftsfirma mit Sony aus und kümmert sich seither fast ausschließlich um das Geschäft mit Bauteilen, Komponenten und Antennen für Mobilfunknetze. Auch Alcatel trennte sich von der Handyfertigung und setzt auf den Markt für Netzwerkinfrastruktur.
Die beschlossene Abspaltung der Handysparte ist auch bei Siemens der erste Schritt zur Spezialisierung. Einige Analysten glauben aber, dass das nicht reicht. Sie sehen in Siemens Com nur noch eine Belastung für den Gesamtkonzern. So schrieben Experten der Investmentbank Credit Suisse First Boston (CSFB) kürzlich in einer Studie: "Das Abwärtsrisiko für den Konzern durch die Com-Sparte besteht."
Angeblicher Wettbewerbsvorteil
Siemens Com preist derweil weiter verzweifelt den angeblichen Wettbewerbsvorteil. Die Sparte sei "der einzige Anbieter, dessen Kerngeschäft Mobil- und Festnetze, Unternehmenskommunikation, Mobilfunkgeräte und Festnetzendgeräte umfasst und der End-to-End-Lösungen für alle Netze bereitstellt". Experten bezweifeln, dass die Vielfalt ein Vorteil ist. "Ein Portfolio vom Endkundenprodukt Handy bis zum Firmenkundengeschäft mit Telefonanlagen oder Netzwerkbauteilen bringt im Vertrieb kaum Synergien. Das sind verschiedene Welten mit unterschiedlichen Zielgruppen", sagt Berater Wilfert.
Eine Siemens-Mitarbeiterin kontrolliert die Produktion von Handys   Eine Siemens-Mitarbeiterin kontrolliert die Produktion von Handys
Es ist keine leichte Aufgabe, die der neue Vorstandschef Klaus Kleinfeld da zu lösen hat. Einerseits traut er der Telekommunikationssparte in spätestens zwei Jahren eine Gewinnmarge von acht Prozent zu, im vergangenen Quartal verbuchte der Bereich allerdings einen operativen Verlust von 19 Mio. Euro. Da sich der Börsenkurs seines Unternehmens seit seinem Amtsantritt zu Beginn des Jahres allerdings stetig verschlechtert hat, kann Kleinfeld sich nicht allzu viel Nachsicht leisten. Entweder er saniert hart, oder er trennt sich vom gesamten Telekomgeschäft.
Cross Selling
Andererseits ist er der größte Fürsprecher von "Siemens One", einer Strategie, die er in den USA und die ihn bei Siemens groß gemacht hat. Im Verkäuferjargon Cross Selling genannt, beinhaltet dies, dass Siemens Großprojekte wie Krankenhäuser oder Sportstadien vom Fundament bis zum Dach mit Produkten und Dienstleistungen aus dem Konzernportfolio ausstattet, von der Sicherheits- und Gebäudetechnik über die Datennetze bis hin zur Osram-Glühbirne. Zentraler Bestandteil dieser Projekte ist das Kommunikationsgeschäft.
Es ist deshalb wahrscheinlich, dass zumindest das Netz-Geschäft bei Siemens bleibt. Sicher ist es nicht. "Es gibt keine klare Meinungsbildung im Zentralvorstand", kritisiert ein Konzernkenner. Kein Wunder, denn dort sitzen Manager, die die Konzeptionslosigkeit der vergangenen Jahre zu verantworten haben. Hinzu kommt, dass Ex-Konzernchef Heinrich von Pierer als Aufsichtsratsvorsitzender den Daumen auf Entscheidungen hat.
Die Partnersuche ist schwer
Kursinformationen und Charts
  Siemens 67,31 EUR  [-1.25 -1,82%
Selbst wenn es klare Beschlüsse gibt wie bei der Handysparte, ist das Problem noch lange nicht gelöst. Mit einem Bereich, der allein im abgelaufenen Quartal 137 Mio. Euro Verlust gemacht hat, ist die Partnersuche schwer. Bisher gab es von potenziellen Käufern aus Asien und Amerika jedenfalls nur Absagen. Dass Siemens die Sanierung nach einer Abtrennung des Geschäfts noch aus eigener Kraft schaffen könnte, halten Experten für aussichtslos. "Es wurden bisher ja noch nicht einmal personelle Konsequenzen gezogen", sagt ein Analyst.
Bei den Mitarbeitern, denen Gerüchte um die Handysparte seit Monaten zu schaffen machen, schürt dies Ängste. Manager erwägen, der Com-Sparte komplett den Rücken zu kehren, um auf der sicheren Seite zu sein. "Da aktualisiert so mancher seinen Lebenslauf", weiß ein Gewerkschafter.
Besonders sauer sind die Beschäftigten der Telefonwerke in Bocholt und Kamp-Lintfort. Erst im vergangenen Jahr hatte ihnen das Management in zähen Verhandlungen Zugeständnisse bei der Arbeitszeit und dem Gehalt abgerungen. Im Gegenzug gab es für die Beschäftigten eine Arbeitsplatzgarantie. "Ein rein politisches Manöver", klagt ein Betriebsrat. Denn ein neuer Besitzer wird sich wohl kaum an die Abmachung halten.
Klaus Kleinfeld, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG   Klaus Kleinfeld, Vorstandsvorsitzender der Siemens AG

Prüfling An der Lösung des Problems Handysparte wird Konzernchef Klaus Kleinfeld von Analysten und Mitarbeitern gemessen werden. Der Manager übernahm Ende Januar den Siemens-Chefsessel von Heinrich von Pierer.
Flüchtling Im Oktober 2004 rückte Rudi Lamprecht in das höchste Managergremium von Siemens auf: den Zentralvorstand. Dort betreut er Randgeschäfte. Zuvor stellte er unter anderem die Weichen für das Handygeschäft.
Zündler Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger gilt als Befürworter für den Verkaufs des Handygeschäfts. Vor einigen Monaten sagte er: "Mobiltelefone richten sich an den Endverbraucher und passen nicht gut zum sonstigen Geschäft."
Macher Der groß gewachsene Sportfan Lothar Pauly hat als Chef von Siemens-Com die operative Verantwortung für das Handygeschäft. Er muss zudem die Verschmelzung des Festnetzgeschäfts mit der Mobilfunksparte steuern.
06:23:22 Kursinformationen und Charts
Name aktuell  absolut  
Siemens 67,31 EUR   -1,82%  -1.25
  • Aus der FTD vom 18.05.2005
    © 2005 Financial Times Deutschland,
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  
FTD-Versicherungsmonitor
FTD-Versicherungsmonitor

Der FTD-Versicherungsmonitor hat alle wichtigen Namen und Nachrichten auf dem Radar und bündelt die wichtigsten Informationen aus verschiedenen Quellen. So erhalten Sie einen exzellenten Überblick über die Assekuranz, analytisch kommentiert von FTD-Versicherungskorrespondent Herbert Fromme.

Jetzt kostenlos abonnieren
Tweets von FTD.de Unternehmens-News

Weitere Tweets von FTD.de

  16.05. Wissenstest Sind Sie Flughafenkenner?

Die verschobene Eröffnung des Berliner Großflughafens BER schlägt Wellen. Die internationalen Flughäfen sind nicht nur dynamische Orte, sondern auch Großunternehmen. Kennen Sie sich gut mit Airports aus?

Zunächst eine Frage zum weltgrößten Flughafen. Derjenige mit dem größten Passagieraufkommen ist …

Wissenstest: Sind Sie Flughafenkenner?

Alle Tests

Tools für Unternehmer
 
Gründung Finanzierung Steuern Firmenwert Vorlagen
Verträge und Vorlagen Sie benötigen Dokumente und nützliche Arbeitshilfen für Ihren Geschäftsalltag? Wählen Sie aus fast 5.000 rechtssicheren und aktuellen Verträgen, Vorlagen, Checklisten, Rechentabellen oder Ratgebern. mehr

Newsletter:   Eilmeldungen Unternehmen

Autobauer unterschreibt milliardenschwere Übernahme? Mit uns wissen Sie es, bevor die Tinte trocken ist.

Beispiel   |   Datenschutz
  • Verkauf von Makro: Neuanfang für Metro

    "Zum Handeln geschaffen" lautet Metros Motto. Der neue Konzernchef Olaf Koch scheint den Slogan wörtlich zu nehmen. Mit dem ersten großen Verkauf einer Tochter bricht er den Stillstand bei Metro auf. mehr

  •  
  • blättern
  Bilderserie Deutsche Bank Ackermanns Meilensteine

Bilderserie

  30.05. Wirtschaft Facebook-Aktie bis zu zehn Prozent im Minus
Wirtschaft: Facebook-Aktie bis zu zehn Prozent im Minus (00:00:35)

Damit lag die Aktie deutlich unter dem Ausgangskurs von 38 Dollar am 18. Mai. mehr

FTD-Blogs
Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

 



markets
  DAX 6280,8  [-116.04 -1,81%
  Dow Jones 12419,86  [-160.83 -1,28%
  Nasdaq Composite 2837,36  [-33.63 -1,17%
  Euro Stoxx 50 2116,18  [-44.13 -2,04%
VERSICHERUNGEN

mehr Versicherungen

INDUSTRIE

mehr Industrie

FINANZDIENSTLEISTER

mehr Finanzdienstleister

HANDEL+DIENSTLEISTER

mehr Handel+Dienstleister

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote