Christopher Grünewald könnte ein zufriedener Mann sein. Der 42-Jährige führt im beschaulichen Kirchhundem-Hofolpe in vierter Generation die Firma seiner Familie. Grünewald Papier erwirtschaftet jährlich 25 Mio. Euro Umsatz, und so ziemlich jeder Bundesbürger dürfte schon einmal in Berührung mit den Produkten des Unternehmens gekommen sein: Der Betrieb stellt jährlich 45.000 Tonnen Papier her, aus dem Bäckertüten und Servietten entstehen.
Doch in jüngster Zeit bereitet die Arbeit dem Geschäftsmann eher Bauchschmerzen als Vergnügen. "Unsere Rechnung für Strom und Gas liegt dieses Jahr eine halbe Million Euro höher als 2004", klagt er. Innerhalb eines Jahres sind die Kosten um ein Viertel gestiegen. Eine Menge Geld für eine Firma mit 100 Angestellten. Die Konsequenzen sind drastisch. "Wir haben unser komplettes Investitionsbudget für 2005 gestrichen", sagt der Chef. Geplante Projekte wie die Modernisierung des Werks wurden auf Eis gelegt. Immerhin musste niemand entlassen werden. Noch nicht.
Das Familienunternehmen aus dem Sauerland ist mit diesen Sorgen nicht alleine. Die Energiepreise schrauben sich immer weiter in die Höhe. Der Ölpreis erreichte nach dem Hurrikan "Katrina" in dieser Woche ein neues Rekordhoch - ein Barrel (159 Liter) kostet nun um die 70 $, zu Jahresbeginn waren es noch 45 $. Der Strompreis hat seit Januar um 30 Prozent zugelegt. Das kostet alleine die Unternehmen, die im Verband Industrieller Energie- und Kraftwirtschaft (VIK) zusammengeschlossen sind, rund 500 Mio. Euro.
Das bleibt nicht ohne Folgen. Egal ob bei Glas, Metall, Stahl, Papier, Chemie oder Logistik. Die teure Energie bedroht Betriebe aus zahlreichen Branchen. "Insbesondere bei energieintensiven Unternehmen des Mittelstands leidet die Wettbewerbsfähigkeit", sagt Manfred Panitz, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Energie-Abnehmer (VEA). Bislang hat der Preisanstieg die Margen geschmälert, doch jetzt ist der Punkt erreicht, an dem die Unternehmen handeln müssen. Wer seine Mehrkosten nicht an den Kunden weiterleiten kann, muss aufgeben. Oder ins Ausland flüchten, wo die Stromkosten meist viel geringer sind.
Alle sind betroffen
Es trifft die Großen wie die Kleinen. Ernst-Ludwig Schüppstuhl kauft für den Wiesbadener Linde-Konzern bei den deutschen Stromkonzernen jährlich knapp drei Milliarden Kilowattstunden Strom ein - das halbe Produktionsvolumen eines Atomkraftwerks, weshalb das Unternehmen, das technische Gase herstellt, zu einem der wichtigsten Kunden der Stromversorger zählt. Nützen tut ihm das nichts. "Deutschland ist bei Strom ein Hochpreisland", sagt Schüppstuhl. Das gilt auch für Großkunden.
Zwischen 50 und 70 Prozent der Kosten entfallen bei der Produktion technischer Gase auf Elektrizität. Im laufenden Jahr muss Linde dafür 100 Mio. Euro mehr ausgeben als im vergangenen Jahr. Ewig wird das nicht finanzierbar sein. Linde produziert dezentral, möglichst in der Nähe der Abnehmer. Und "wenn unsere Kunden abwandern, dann wandern wir hinterher", sagt der Manager, "dieser Trend wird sich verstärken, wenn der Strompreis hoch bleibt".
Die Kritik an den vier großen Stromkonzernen Eon, RWE, EnBW und Vattenfall, die in Deutschland 80 Prozent der deutschen Energieerzeugung kontrollieren, wächst schon seit längerem, vor allem weil die Unternehmen satte Gewinne einstreichen und trotzdem die Preise erhöhen. Doch nun droht der Streit zwischen der Industrie und der Energiewirtschaft zu eskalieren. Die Stromkonzerne geben sich unschuldig und rechtfertigen die Teuerung mit dem Preisanstieg bei Zertifikaten für Kohlendioxid-Emissionen und höheren Brennstoffkosten. Außerdem "spielen Stromkosten für die deutsche Wirtschaft nur eine untergeordnete Rolle", behauptet Eberhard Meller, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Elektrizitätswirtschaft (VDEW).
Auf der Gegenseite sieht man das ganz anders. "Die Stromkosten erreichen Dimensionen, die für energieintensive Unternehmen existenzgefährdend sind", sagt Martin Kneer von der Wirtschaftsvereinigung Metalle. "Was da passiert ist eine Farce und gefährdet inzwischen den gesamten Standort", wettert auch Alfred Richmann, Geschäftsführer des Verbands Industrieller Stromkunden (VIK). Vor allem energieintensive Branchen wie Zement, Zink, Aluminium oder Stahl sind in ihrer Existenz bedroht.
Überlebensfähigkeit gefährdet
In der Zinkindustrie werden nicht alle Firmen die kritische Phase überstehen. Zwei Aluminiumfabriken mit mehr als 1000 Beschäftigten haben angekündigt, den Betrieb einzustellen. Und auch in der Zementbranche sind durch drohende Schließungen zahlreiche Jobs in Gefahr. "Wenn es nicht bald ein klares Bekenntnis der Politik und Stromwirtschaft zum Standort Deutschland gibt, wandern die Investitionen dahin, wo der Markt boomt und das Umfeld stimmt", sagt Michael Basten, Geschäftsführer des Zement-Verbandes.
Wer derzeit am längeren Hebel sitzt, bekam unlängst Werner Marnette zu spüren. Der Chef der Kupferhütte Norddeutsche Affinerie fürchtet, dass über eine halbe Million Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen. Der Manager wollte "nicht tatenlos zusehen, wie Deutschland deindustrialisiert wird" und legte sich mit den Konzernchefs an. "Die Energiepreise gefährden unsere Industrie", wetterte er, sprach von "Besatzungszonen" und "Manipulation". Wenig später erwirkten die Chefs der vier Stromkonzerne beim Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Jürgen Thumann, den Rücktritt Marnettes als Vorsitzender des Energieausschusses des BDI.