Bilderserie: Schrempps Jahre auf der großen Bühne
Und eine neue Kultur bringt er nach Stuttgart. "Ich will, dass sich die Aktionäre wieder wohl fühlen bei Daimler", tönt er; die Investoren sind beeindruckt: "Die Ouvertüre von Schrempp ist ein Zeichen, dass Raumputz gemacht wird", jubelt ein Manager der Deutschen Bank. Der Neue prügelt den Managern in der Zentrale, die er "Bullshit Castle" nennt, eine Vokabel ein, die die meisten zuvor nie gehört haben: Shareholder Value.
Hart, direkt, amerikanisch
Zur neuen Kultur gehört auch ein neuer Führungsstil: hart, direkt, amerikanisch. So will er gesehen werden: als Raubein und Macho, als Partyheld und Lautsprecher, und so sieht ihn die Welt. "Cowboy aus dem Schwarzwald" titelt die "New York Times" zu Beginn seiner Amtszeit, beeindruckt von Schrempps Tatkraft und Rastlosigkeit.
Auch die deutsche Presse staunt. Laut sein kann er sein wie kein zweiter Topmanager. Mit Metallplättchen unter den Schuhen knallt er durch Betriebsratsbüros und Sitzungssäle, lässt seine tiefe Stimme tönen, oft mit amerikanischen Sprüchen durchzogen. Ziert sich einer, oder widersetzt er sich gar, so verspricht er ihm einen "kick in the ass", schließlich ist er, wie nicht nur Aufsichtsratschef Hilmar Kopper lobt, ein "Leitwolf", ein "Maximo Lider". Keiner, der lang fackelt, der gekünstelt drumherum redet.
Schrempp weiß: "Ich bin ja nicht auf den Stuhl gesetzt worden, weil ich ein feiner Pinkel bin." Den Beweis liefert er kurz nach seinem Amtsantritt, mit der "römischen Anekdote", wie Kopper sie nennt. Schrempp feiert mit seiner Assistentin und späteren Ehefrau Lydia Deininger sowie Planungschef Hartmut Schick eine kleine Party an der Spanischen Treppe in Rom, es gibt Wein und Spaß und schließlich, was Schrempp bestreitet, eine Rangelei mit der Polizei.
Hoher Unterhaltungswert
Aber auch die Abende, die nicht auf der Wache enden, haben Unterhaltungswert, etwa wenn Schrempp an der Bar ein rohes Ei mit Schale hinunterwürgt oder Erfolge zelebriert, oder in seiner größten Stunde, beim Management-Meeting der gerade fusionierten Partner Chrysler und Daimler-Benz im Dezember 1998. Erst beeindruckt er die Amerikaner mit einer kleinen Rede ("Dies wird der größte Autokonzern aller Zeiten."), dann mit seiner Tatkraft, als er nach Wein und Gesang ("Bye-bye, Miss American Pie") seine Lydia über die Schulter wirft und sie samt einer Flasche Champagner in Richtung Hotelsuite trägt.
Doch der spektakuläre Deal, Schrempps entscheidender Schritt, um den Traum der Welt AG zu verwirklichen, leitet zugleich seinen Niedergang ein. Das desolate Chrysler-Geschäft bringt den ganzen Konzern in die Schieflage. Zum ersten Mal wendet sich seine Spontaneität gegen ihn. "Schrempp war gewohnt, Entscheidungen wie aus der Pistole zu schießen", sagt Ferdinand Dudenhöffer, Autowirtschaftsexperte an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Doch was bei der Zerschlagung von Reuters Konzern funktioniert hat, misslingt beim Aufbau der Welt AG. Schrempp schießt daneben.
Ausgerechnet unter ihm, der die Steigerung des Firmenwerts zur Maxime jeglichen unternehmerischen Handels erhoben hat, ist der Börsenwert des Konzerns binnen sechs Jahren um 50 Mrd. Euro gesunken. Beinahe jedes seiner Projekte entwickelt sich zum Desaster. Die Fusion mit Chrysler frisst über viele Jahre hinweg die Gewinne auf. Als Flop erweist sich das Engagement bei Mitsubishi Motors, wo sich DaimlerChrysler 2000 eingekauft hat. Über 2 Mrd. Euro versenken die Stuttgarter in Japan, bevor sie vier Jahre später wieder aussteigen.
Mercedesgeschäft zum Sanierungsfall verkommen
Besonders übel genommen wird Schrempp, dass auch das einstmals gesunde Mercedes-Kerngeschäft zum Sanierungsfall verkommt. Im ersten Quartal dieses Jahres muss die Mercedes Car Group einen operativen Verlust von knapp 1 Mrd. Euro ausweisen. Der Kleinwagen Smart hat seit seinem Start 2,6 Mrd. Euro Verluste eingefahren, die Nobellimousine Maybach verkauft sich zäh. Zuletzt treten sogar beim Imageträger Mercedes-Benz Qualitätsprobleme auf.
Gegen Kritik zeigt er sich zuerst noch resistent, verteidigt stoisch seine Strategie, man habe "operative" Probleme und keine "strategischen". "Er schien eine schusssichere Weste zu tragen", sagt ein Bekannter.
Widersacher bootet er aus. Schrempp habe dafür gesorgt, dass es "keine Konkurrenz" mehr im Vorstand gebe, sagt Sebastian Raisch von der Uni St. Gallen. Manfred Gentz, der den Ausstieg bei Mitsubishi betrieben hatte, scheidet Ende vorigen Jahres aus, Ex-Mercedes-Chef Jürgen Hubbert, der Schrempp ebenfalls kritisch gegenüber stand, geht dieses Jahr in Pension. Befördert werden Kollegen, die sich weniger durch Erfolg als durch treue Vasallenschaft auszeichnen: Bodo Uebber, der als Chef der Sparte DaimlerChrysler Services das Desaster bei Toll-Collect mitverantwortete, wird zum Finanzvorstand befördert. Andreas Renschler, der als Chef bei der Sanierung von Smart scheiterte, ist jetzt Chef der Nutzfahrzeugsparte. Auch der neue Mercedes-Chef Eckard Cordes ist ein Schrempp-Getreuer.
Desaster beginnen sich häufen
Doch trotz allem Rückhalt, auch von Aufsichtsratschef Kopper, nagt der Abstieg an Schrempps Selbstbewusstsein. 1996 kokettiert er noch mit einem Fehler, den er als Dasa-Chef gemacht hatte, dem Einstieg bei beim Flugzeugbauer Fokker: "Ich bin der erste Topmann, der 2,3 Mrd. DM verspielt hat und dann ohne Umschweife sagt: Das war allein meine Schuld", sagt er dem "Spiegel".
Zehn Jahre später ist er im Schuld zugeben nicht mehr so groß: Als die Desaster sich häufen, schiebt er jede Schuld weit weg. Das Debakel bei Toll-Collect? Der Fall Mitsubishi? Alles nicht meine Schuld, sagt der späte Schrempp. Jede dieser Gesellschaften habe eigene Boards, die das operative Geschäft - und Fehler - verantworten müssten.
Großspurige Momente sind selten geworden, ebenso lautstarke und weinselige Abende. Sicher mag er nach wie vor Zigarren und Rotwein, speist noch immer gern beim Nobelitaliener - aber solche Genüsse sind selten geworden. Er trainiert lieber zu Hause auf dem Laufband, trinkt drei Liter Wasser am Tag und kümmert sich um seine beiden kleinen Kinder.
Schlechtester Manager des Jahres
Aus der Öffentlichkeit hat er sich zurückgezogen, zu sehr wurde er abgewatscht. Auf der Detroit Motor Show 2001 wird er ausgepfiffen, "Business Week" kürt ihn vergangenes Jahr zum schlechtesten Manager des Jahres. "So kritisiert zu werden, das prallt an keinem ab", heißt es in seiner Umgebung. Schrempp wird immer stiller, fragt plötzlich im Gespräch: "Wie fanden Sie die Präsentation? War das okay?" - und lässt sich auf Hauptversammlungen vorführen, ohne Kampfgeist, mit lauen Entschuldigungen.
Die Dauerkritik untergräbt seinen unbedingten Führungsanspruch. Das deutet sich erstmals voriges Jahr an, als seine Vorstandskollegen gegen Schrempps Willen entscheiden, das Mitsubishi-Engagement aufzugeben. Der große Boss wird mit acht zu drei Stimmen ausgebremst. Laut "Spiegel" soll er danach geschimpft haben: "Das ist der größte Scheiß, den ich erlebt habe, jetzt könnt ihr alleine sehen, wie ihr da wieder rauskommt." Es ist das erste Mal, dass er seinen Rücktritt andeutet.
Nun ist Schrempp weg und gewinnt ausgerechnet mit seiner Niederlage Freunde. So lobt Ulrich Hocker von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz: "Immerhin hat Schrempp endlich das Kursfeuerwerk ausgelöst, das er den Aktionären schon beim Zusammenschluss von Daimler-Benz und Chrysler versprochen hat."
Mitarbeit: Angela Maier, Olaf Preuß