Nichts weist auf die Werkstatt hin, nicht mal ein Firmenzeichen. In einem Wohnviertel des Städtchens Calw versteckt sie sich, am Rande des Schwarzwalds. Besucher müssen ihre Nasen knapp vors Klingelschild halten, um sicher zu sein, dass sie ihr Ziel erreicht haben: Familie Perrot. Seit 150 Jahren Hersteller von Turmuhren. Große und kleine, schlichte und vergoldete, mit und ohne Glocke.
150 Jahre lang, sagt Johannes Perrot, hatten sie hier nur ganz selten Besuch. Es gibt nicht mal einen Raum, in dem man Gäste empfangen könnte, nur eine Regalkammer, mit Akten bis hoch zur Decke. Perrot lächelt verlegen. Ein Mann in den Vierzigern, erwachsen und jungenhaft zugleich, Jeans, Strickweste, der Zungenschlag schwäbisch, die Worte unverstellt.
Ja, sagt er, ihr Leben hat sich verändert. Auf einmal reisen Menschen von weit her an, um zu sehen, wie sie arbeiten, er, seine beiden Brüder, sein Vater und die 30 Mitarbeiter. "Mit uns ist ein Wunder geschehen. So muss man es nennen", sagt Perrot.
Ein Anruf an Weihnachten hat alles verändert. Es ist der Vater, Perrot senior, der ihn entgegennimmt. Telefon? Die Perrots sind gläubige Leute, die Feiertage sind ihnen heilig. Am Apparat ein Fremder, ein Muslim. Er habe da einen Auftrag. Etwas Größeres. Eine Uhr. Ob sie sich das zutrauen? Natürlich, sagt der Alte.
Da ahnt er noch nicht, dass diese Uhr alle Maßstäbe sprengen würde. Dass ein einziger Zeiger größer werden würde als ihre Fabrikhalle. Dass man vom Zifferblatt die Zeit noch aus acht Kilometern Entfernung würde ablesen können. Der alte Herr weiß nicht, an welche Grenzen sein Unternehmen da gerät.
Zwei, drei Tage später, das Jahr 2007 steht bevor, kommt der Muslim vorbei. Es ist ein konvertierter Deutscher, Otto Rasch. Lange hat er in Saudi-Arabien gelebt, sich einen Namen gemacht als Architekt, die mobilen Kuppeln auf dem Dach der Prophetenmoschee in Medina gebaut. Also genau der Richtige für dieses Projekt des Königs: der Mecca Royal Clock Tower, 601 Meter hoch, heute der zweithöchste Bau der Welt - und die wohl wichtigste Uhr des Planeten, im Blick von Millionen muslimischen Pilgern, die keine Gebetszeit auslassen.
Eigentlich, sagt Rasch bei seinem Besuch, würde er so einen Auftrag nicht vergeben an eine kleine Firma. Aber die Perrots seien ihm als Meister ihres Fachs genannt worden. Kein Uhrmacher auf der Welt sei so lange im Geschäft wie der Senior. Familie und Tradition, solche Dinge haben Gewicht in Saudi-Arabien.
Die Perrots führen den Gast zur Ahnengalerie im Flur. Zeigen ihm ihre kleine Fabrik: Maschinen, die der Großvater gekauft, Zangen, mit denen der Gründer geschmiedet hat. Feuerstelle mit Amboss; im Hof ein Glockenstuhl zur Erprobung des Läutewinkels.
Der Klöppel darf die Glocke nicht schlagen - "er muss sie küssen", sagen die Perrots. Nur so klingt sie weich und weit, um die Menschen in die Kirche zu rufen. Nur ein Tausendstel darf der Winkel abweichen. All das macht Eindruck auf Rasch. Aber eine Sache gefällt ihm besonders: keine Pin-ups an den Spinden. Es ist eine anständige Werkstatt, in einem gottesfürchtigen Haus.
Die Sache kann ihren Lauf nehmen. Rasch bringt die Perrots mit den Saudis zusammen. "Sie sind Christen", stellt er sie vor. "Und sie werden nicht konvertieren." Ihre Gottesfurcht verschafft ihnen Respekt - führt aber auch zu einem Problem: Sie können die Turmuhr nicht selbst in dem Wolkenkratzer montieren, denn nur Muslime dürfen Mekka betreten.
Den Perrots wird ein wenig bang.
Auch, weil das Projekt immer weiter ausufert. 16 Meter, so heißt es zunächst, soll der Durchmesser des Ziffernblatts betragen. Eh schon größer als alles, was sie zuvor gebaut haben. Doch dann wächst die Uhr von Termin zu Termin: Aus 16 werden 27 Meter. 32 Meter. 37. 42, schließlich 43 Meter. Allein der Stundenzeiger ist 17 Meter lang und von innen begehbar, ein Zahnrad so groß wie das Rad einer Kutsche. Das alles soll in 426 Metern Höhe zusammengebaut werden, an allen vier Seiten des Turms, und zwar so exakt, dass die 7,5 Tonnen schweren Minutenzeiger ausgewogen jeweils 10 Zentimeter vor ihrem Ziffernblatt stehen. Maximal tolerierbare Abweichung dabei: 1 Millimeter.
Auch die Hausbank schaut sorgenvoll. Dieser Auftrag könnte das Ende der Perrot KG sein. Die Perrots wagen es trotzdem. Allein, sie wandeln sich zur GmbH.
Von nun an ist nichts mehr, wie es war. Für das Wirtschaftsministerium sind sie auf einmal Botschafter, für Banken Großkunden, für Industriekonzerne Auftraggeber und für das Königshaus Uhren-Weise. Der Herrscher lädt sie zur Audienz. Keine Entscheidung soll gegen Perrot getroffen werden: Gemacht wird, was die Schwaben sagen.
Bezahlt werden sie in Raten vorab, wie hoch, das dürfen sie nicht verraten. So groß ist das Vertrauen, dass es über ein, zwei Jahre nicht mal einen Vertrag gibt. "Den", sagt Rasch, "machen wir nur wegen der Rechtsanwälte."
Dieses Vertrauen, es ruhe auf Religiosität, sagt Perrot. "Sie ist das Fundament. Herr Rasch ist Moslem, wir sind Christen. Wir haben gesehen, der andere meint es ehrlich."
Natürlich schaut ihnen Rasch aber auf die Finger. "Also mit der IT, da müsst ihr was machen!", tadelt er. Und er stellt ihnen einen zur Seite, der Pläne gegenliest. Den Perrots ist das recht. Vieles, was verlangt wird, könnten sie allein nicht leisten, sie brauchen Hilfe.
Sie suchen eine Firma, die Zahnräder gießt, in einer speziellen Schmiedebronze. Sand und Sonne dürfen dem Uhrwerk nichts anhaben, 100 Jahre soll es präzise laufen. Sie suchen einen Beleuchter, der die Zeiger über Kilometer hinweg erstrahlen lässt. Und sie stellen einen Ingenieur ein, einen Muslim, der vor Ort den Aufbau des schwersten Uhrwerks überwachen soll, das je gebaut wurde: 21 Tonnen.
Perrots Mitarbeiter arbeiten, wie sie noch nie gearbeitet haben: Überstunden, Nachtschichten. Nie können sie sicher sein, dass die Uhr wirklich läuft. Die Wucht des Windes da oben ist ungeheuer. Über ein Jahr testen sie den Antrieb in einer Art Windkanal. Er hält stand.
Und so steht Johannes' Bruder 2010 voller Unruhe mit einem Handy am Rand der verbotenen Zone in Mekka und lässt sich berichten, wie der Aufbau vorangeht. Kein Kran der Welt trägt 21 Tonnen in 400 Metern Höhe. Also müssen zwei Teile in der Luft zusammengefügt werden. Das Getriebe hat ein Spiel von 0,1 Millimetern. Es gelingt. Aber noch läuft die Uhr nicht.
In den nächsten Monaten geht es gut voran. Für was die Perrots alles zuständig sind! Sie liefern Solarzellen für den Antrieb. Ein Blitzableitersystem. Dinge, von denen sie bisher wenig verstanden. "Wir haben unglaublich viel gelernt", sagt Perrot. Zwei Jahre brauchen sie allein, bis der Versicherungsschutz durch ist. Und bei der Beleuchtung wissen sie nun, dass Blau keine gute Zeigerfarbe ist, weil sie in der Ferne zerfließt, Grün aber bleibt immer klar.
Und dieses Grün, das sieht Johannes Perrot zum ersten Mal im August 2011, als König Abdul Asis mit einer Fernbedienung die Uhr einschaltet. Mit der ganzen Familie sitzen sie vorm Rechner, schalten zwischen saudischen Sendern hin und her. Sie verstehen kein Wort, und da am selben Tag die Erweiterung der Al-Haram-Moschee gefeiert wird, wissen sie nicht mal, ob mögliche Feierbilder überhaupt ihrer Uhr gelten. Nichts passiert. Alle gehen ins Bett, außer Johannes. Auf einmal, kurz nach Mitternacht, sieht er die Uhr. Der König lächelt. "Es hat sich gelohnt", sagt sich Perrot.
Mehr als ein Jahr ist das her, und immer noch ist die Arbeit nicht abgeschlossen. Innenausbau, Blitzableiter, es gibt noch viel zu tun. Weiter mit fremder Hilfe. Und es tut immer noch weh, nur per Mail und Skype dabei zu sein.
Aber Mekka hat die Perrots zu Turmuhr-Stars gemacht. "Dass uns das so verändert, hätte ich nicht gedacht", sagt Johannes. "Clock bells and ringing systems" steht nun auf seiner Visitenkarte. Perrot ist zur internationalen Firma aufgestiegen. Aus Russland und Katar kommen die Aufträge. Die Perrots regt das nicht groß auf. Sie wissen ja nun, wie man große Zahnräder beschafft. Wie man sich eine Rückversicherung sucht. Den Zoll abwickelt. Wie man mit Herrschern verhandelt. Und sich im Islam bewegt.
Nun eines fehlt ihnen noch zur Weltfirma - ein Besprechungszimmer. "Aber bald ...!", sagt Johannes Perrot. Außerhalb von Calw bauen sie eine neue Fabrik. Mit Zufahrten für Laster, mit Platz für Zeiger jeder Größe, mit einer Balustrade für Besucher. In den Grundstein haben sie eine Bibel gelegt. An Weihnachten ziehen sie um. Der Kreis schießt sich.