FTD.de » Unternehmen » Industrie » Wir können auch anders

Merken   Drucken   03.06.2008, 19:09 Schriftgröße: AAA

Agenda: Wir können auch anders

Dossier Der Ölpreis hält sich auf Rekordniveau, doch die deutsche Wirtschaft hat den Schock bislang gut weggesteckt. Wer Energiespartechnik anbietet oder Ölstaaten beliefert, kann sich vor Aufträgen kaum retten. von Nina Klöckner (Bremen), Matthias Lambrecht und Christian Baulig (Hamburg)
Plötzlich stürzt Niels Stolberg in seinem Büro auf die Knie, blättert wie wild in einem Ordner mit bunten Wetterkarten herum, fährt mit der Hand ein paar Mal über den Pazifik und ruft aufgeregt: "Und da ballern wir dann schön mit dem Wind rüber."
Am Morgen hat der Chef der Bremer Reederei Beluga mit dem Kapitän der "MS Beluga SkySails" telefoniert, die gerade den Panamakanal durchfahren hat und auf dem Weg nach Europa ist. Das macht Stolberg jeden Morgen. Der 160 Quadratmeter große Zugdrachen des schwimmenden Schwertransporters steht gut im Wind. Wenn es so weitergeht, wird das Schiff auch auf dieser Passage ein Fünftel weniger Treibstoff brauchen als früher ohne Segel. So etwas ist Gold wert in Zeiten wie diesen. "Für uns ist der hohe Ölpreis eine große Chance", sagt Stolberg, "denn so kann ich meine Mitbewerber auf Distanz halten."
Ein Ölförderfeld: "Die teure Energie nützt der deutschen ...   Ein Ölförderfeld: "Die teure Energie nützt der deutschen Wirtschaft mehr, als sie ihr schadet"
Lange Zeit glaubten Experten, dass ein Ölpreis von 100 $ pro Barrel (159 Liter) die deutsche Wirtschaft in eine tiefe Rezession stürzen würde. Mittlerweile kostet das Fass 126 $, und es sieht nicht danach aus, dass der Preis dramatisch fallen wird. Dennoch ist der Absturz bislang ausgeblieben. Im internationalen Vergleich sind deutsche Firmen für solche Krisen gut gerüstet: Sie haben früh in effiziente Technik investiert, verfügen über exzellente Geschäftsbeziehungen mit Öl produzierenden Ländern und gehören bei innovativer Technik zu den Vorreitern. "Die teure Energie nützt der deutschen Wirtschaft mehr, als sie ihr schadet", sagt Roland Döhrn, Leiter der Konjunkturabteilung am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI).
Zumindest im ersten Quartal haben die hohen Energiekosten die Wirtschaftsbilanz nicht trüben können. Im Gegenteil: Das Bruttoinlandsprodukt wuchs gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 2,6 Prozent. "Diese Zahlen sind ein echter Hammer - im positiven Sinn", sagt Döhrn.
So kurios es klingt: Jetzt zahlt sich für manches Unternehmen aus, dass Energie hierzulande schon früher teurer war als anderswo. Viele haben zeitig in energiesparende Technik investiert, um ihren Kostennachteil gegenüber der ausländischen Konkurrenz wettzumachen. "Die deutsche Volkswirtschaft ist deutlich energieeffizienter als die meisten anderen", sagt Andreas Biermann von der Internationalen Energieagentur, einer Interessenvertretung der westlichen Verbraucherstaaten. Heute wird mit demselben Energieeinsatz doppelt so viel Bruttosozialprodukt erwirtschaftet wie in den 70er-Jahren.
Bilderserie Bilderserie: Wer vom hohen Ölpreis profitiert
Die Investitionen zahlen sich jetzt aus. "Mit ihren sparsamen Anlagen haben die deutschen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil", sagt Stephan Kohler, Geschäftsführer der Deutschen Energie Agentur. Die von Bund und Privatunternehmen finanzierte Organisation trommelt seit Jahren für den ressourcenschonenden Einsatz von Öl und Strom in Unternehmen. Inzwischen finden die Experten nicht mehr nur bei Technikern und Ingenieuren Gehör. "Das Thema Energieeffizienz ist auf der Ebene der Vorstandschefs angekommen", sagt Claudia Funke, Leiterin des Hightech-Sektors bei McKinsey.
So wie bei Beluga. Als Niels Stolberg vor einigen Jahren zum ersten Mal von einem Segel hörte, das riesige Schiffe durch die Weltmeere ziehen soll, war er skeptisch. Dennoch ließ er die Technik der Hamburger Firma SkySails in einer Versuchsanlage testen. Die Ergebnisse haben ihn überzeugt. Jetzt setzt das erste von insgesamt 56 Schiffen der Beluga-Flotte die Segel, so oft es der Wind zulässt. Mit einem größeren Tuch will Stolberg künftig täglich bis zu zehn Tonnen Treibstoff einsparen.

Teil 2: Wie der Ölpreis für einen Investitionsschub sorgt

  • Aus der FTD vom 04.06.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
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