Siemens rechnet mit einer lange andauernden Flaute im Industriegeschäft und will deshalb weitaus mehr Stellen abbauen als geplant. Wie Finanzvorstand Joe Kaeser in London sagte, erwartet der Technologiekonzern für seine wichtigen Sparten Antriebstechnik und Industrieautomation erst "im Laufe des Jahres 2011" eine Erholung der Nachfrage auf ein normales Niveau. Diese werde aber weit hinter dem Spitzenniveau von 2008 bleiben. "Mit dieser strukturellen Lücke müssen wir uns beschäftigen", deutete der Finanzchef Konsequenzen für die Arbeitsplätze an.
Damit wagt sich Siemens zwei Tage nach der Bundestagswahl als erster Konzern aus der Deckung. Viele Großunternehmen haben die Wahlen abgewartet, um die Stimmung nicht vorher mit Negativmeldungen zu verderben. Kaesers Aussagen sind für die deutsche Industrie insgesamt beunruhigend, weil weite Teile von den Siemens-Sparten Antriebstechnik und Industrieautomation beliefert werden, so vor allem die Autobranche. Viele Ökonomen proklamieren dagegen eine Konjunkturerholung. Auch der Aktienmarkt scheint den Aufschwung schon vorwegzunehmen.
Bereits Ende Juli hatte Siemens-Chef Peter Löscher für Osram und zwei weitere Sparten den Abbau von 1600 Stellen angekündigt. Jetzt könnten auch die Streichpläne für die Antriebstechnik und die Industrieautomation mit 83.000 Beschäftigten konkret werden: Kaeser zufolge will Siemens die Kosten dafür noch im Mittwoch beendeten Schlussquartal des Jahres 2008/09 verbuchen. Zudem will Siemens in der Labordiagnostiksparte 750 Stellen streichen und die Sparte Electronic Device Manufacturing (EDM) mit 650 Mitarbeitern ausgliedern, wobei 100 Stellen wegfallen.
Laut Kaeser ist Siemens' Auftragseingang im Schlussquartal abermals um mehr als ein Fünftel gegenüber dem Vorjahresquartal eingebrochen. Der Umsatz werde um weniger als ein Zehntel sinken, da Siemens noch von Altaufträgen vor allem im Energiegeschäft profitiert. Auch der Gewinn der drei Sektoren Energie, Industrie und Medizintechnik wird deshalb im Gesamtjahr nochmals einen Rekordwert von mehr als 6,6 Mrd. Euro erreichen.
Kaeser kündigte am Dienstag an, auch die Probleme der verlustträchtigen Beteiligung Nokia Siemens Networks in Angriff zu nehmen. Diese sieht Siemens neuerdings nicht mehr als strategisch an und will ebenfalls noch im Schlussquartal eine Abwertung darauf vornehmen. Die Äußerungen des Finanzchefs schürten Spekulationen, dass sich Siemens von dem 50-Prozent-Anteil trennen will.
Mit seinen Aussagen schickte Kaeser am Dienstag die Siemens-Aktie auf Talfahrt. Mit einem Minus von 1,74 Prozent auf 64,81 Euro zählte sie zu den größten Verlierern im Dax.