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Merken   Drucken   07.07.2008, 21:03 Schriftgröße: AAA

Ausverkauf amerikanischer Unternehmen: Europäer kapern Firmen in den USA

Europäische Unternehmen haben ihre Investitionen in den USA kräftig gesteigert. Die 46,3 Mrd. $ teure Übernahmeofferte des belgischen Bierbrauers Inbev für Anheuser-Busch und der bekannt gegebene Kauf von APP Pharmaceuticals durch den deutschen Medizinkonzern Fresenius sind dafür nur einige Beispiele.
von Michael Gassmann (New York) und Klaus Max Smolka (Bad Homburg)

"Der Dollar ist momentan schwach gegenüber dem Euro. Viele Unternehmen nutzen die Situation, um sich Marktanteile hinzuzukaufen", sagte Christopher Kummer, Präsident des Institute for Mergers, Acquisitions and Alliances (IMAA). Nach Zahlen von Thomson Financial und des IMAA in Wien haben Investoren aus Europa im zweiten Quartal 2008 mit 81 Mrd. Euro so viel für Anteilskäufe und Übernahmen in den USA ausgegeben wie seit dem zweiten Quartal 2000 nicht mehr.

Der Ausverkauf stellt das Bekenntnis der USA zum Freihandel im Wahlkampf auf eine harte Probe. Gegen Übernahmepläne für nationale Ikonen wie Anheuser-Busch , den Produzenten von "Budweiser"-Bier, gibt es schon jetzt politischen Widerstand. So forderte Claire McCaskill, Senatorin von Anheusers Heimatstaat Missouri, die Konzernspitze zur Ablehnung des Inbev -Angebots auf. Die Brauerei zähle zum "Erbe Amerikas".

Transaktionsvolumen europäischer Firmen in den USA   Transaktionsvolumen europäischer Firmen in den USA

Fresenius -Chef Ulf Schneider  nannte den Verfall der US-Währung als einen wichtigen Aspekt der 4,6 Mrd. $ schweren Akquisition. "Wir haben es mit einem historisch niedrigen Dollar-Kurs zu tun", sagte er. "Das nutzen wir aus."

Strategische Investoren aus dem Ausland sehen Chancen quer durch die US-Wirtschaft. Mit dem Chrysler Building in New York steht ein weiteres Nationalsymbol zum Verkauf. Der Fonds Abu Dhabi Investment Council verhandelt über einen Erwerb des Hochhauses in Manhattan - für angeblich rund 800 Mio. $. Der russische Stahlhersteller Severstal kaufte den US-Stahlkocher Sparrows Point für 810 Mio. $. Der britische Hedge-Fonds TCI will die Kontrolle über die US-Eisenbahngesellschaft CSX Corporation an sich reißen.

Dollar-Kurs am 7.7.2008, 18 Uhr   Dollar-Kurs am 7.7.2008, 18 Uhr

Der Euro notiert seit knapp einem halben Jahr zwischen 1,55 und 1,60 $, während es im Herbst 2000 nur rund 0,85 $ waren. Entsprechend haben sich Anteile von US-Firmen für Käufe in Euro verbilligt. Piero Novelli, weltweiter M&A-Chef von UBS, warnte jedoch vor Euphorie. Die entscheidende Größe eines Deals - das Vielfache des Ertrags - ändere sich nicht. In gleichem Maße wie der Kaufpreis, sinke auch der Gewinn in Euro. "Das Wichtigste bei einer Übernahme ist, dass sie in die Strategie des Unternehmens passt", sagte Christian Karcher von Lehman Brothers. "Ein niedriger Dollar-Kurs kann die Entscheidung für eine Übernahme begünstigen, weil er es billiger macht, sich eine bestimmte Marktposition im Dollar-Raum zu erwerben."

Zu diesem Schluss sind auch die Heidelcement-Hauptaktionäre, das Unternehmerpaar Merckle, gekommen. Gemeinsam mit ihren Kindern stiegen sie im Juni über ihr Beteiligungsvehikel HBMA mit 8,1 Prozent beim texanischen Zementhersteller US Concrete ein - nach eigener Einschätzung zum Schnäppchenpreis. "HBMA hat die Aktien auf der Basis der Annahme erworben, dass die Aktien beim gegenwärtigen Marktpreisniveau unterbewertet sind und eine attraktive Investmentgelegenheit darstellen", heißt es in einer Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht SEC.

Ende 2007 war die Lufthansa  mit 19 Prozent bei der US-Airline Jetblue eingestiegen. "Es bestätigt sich mehr und mehr, dass viele Unternehmen, die den US-Markt schon lange im Visier haben, ihre Investitionen jetzt durchführen", sagte Kristian Wolf, Chef der für den Süden der USA zuständigen Deutsch-Amerikanischen Handelskammer in Atlanta. Die Südstaaten sind Schwerpunkt für Investitionen deutscher Firmen. So baut ThyssenKrupp  ein Stahlwerk in Alabama, während BMW  für 750 Mio. $ seine Fabrik in South Carolina erweitert.

Der billige Dollar öffnet auch Unternehmen Gelegenheit zum Ausbau ihres US-Geschäfts, die früher finanziell überfordert gewesen wären. "Viele kleine und mittlere Unternehmen, die schon lange in den USA tätig sind, sehen jetzt ihre Chance auf einen Durchbruch", sagte Wolf. Trotz Kreditkrise sei die Finanzierung von Übernahmen in den USA oft realisierbar, so IMAA-Experte Kummer: "Für strategische Käufer ist Geld da." Zudem seien private Beteiligungsgesellschaften nicht mehr bereit, so hohe Preise zu zahlen wie früher: "Der Wettbewerb um die Deals ist für strategische Käufer nicht mehr so intensiv", sagte Kummer. Für langfristige Investoren blieben die USA trotz wirtschaftlicher Abschwächung ein "sehr großer und attraktiver Markt".

  • Aus der FTD vom 08.07.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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