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Merken   Drucken   27.04.2012, 10:19 Schriftgröße: AAA

Autozulieferer ZF: Viele Fragen für Dr. Sommer

Nächste Woche erhält der mächtige Autozulieferer ZF einen neuen Chef. Der hat schon vor seinem Antritt einen radikalen Umbau des fast 100 Jahre alten Konzerns angestoßen. Der Kampf gegen alte Strukturen wird härter als erwartet.
von Hamburg und Stuttgart

Stefan Sommer liebt das Tempo. Fünf luftgekühlte Porsche stehen bei ihm zu Hause in der Garage. Endlich mal wieder im Oldtimer über den Nürburgring rasen - das wär's. Wie er eine alte Maschine zum Laufen bringt, weiß Sommer daher. Sein Auto-Hobby kann dem promovierten Maschinenbauer im nächsten Job, den er am Dienstag beginnt, nur nützen: dem Chefposten von ZF Friedrichshafen. Am Freitag trägt er in der Bilanzkonferenz erstmals den Jahresausblick vor.

Deutschlands mit 15,5 Mrd. Euro Umsatz drittgrößter Autozulieferer ist der VW Käfer der Branche. Er läuft und läuft. Dass dem fast 100 Jahre alten Konzern aber ein gesteigertes Tempo guttun würde, verschweigt Sommer nicht. "Ich will noch mehr Beweglichkeit reinbringen", sagte er Ende März.

Stefan Sommer, desginierter Vorstandsvorsitzender des ...   Stefan Sommer, desginierter Vorstandsvorsitzender des Autozulieferers ZF

Aufbruch tut Not: Die Branche steht vor den größten Herausforderungen seit der Erfindung des Automobils. Elektromobiliät, Euro-Krise, abnehmendes Interesse am eigenen Wagen - unzählige Aufgaben gibt es in Deutschlands wichtigster Industrie anzupacken.

Sommer ist klar, worauf er sich bei ZF einlässt. Vor vier Jahren kam er von Continental  dorthin. Erst übernahm er einen Vorstandsposten im Bereich Fahrwerke, bevor ihn Unternehmensboss Hans-Georg Härter zum Chef der Materialwirtschaft in die Konzernzentrale bestellte. Seit Januar ist der gebürtige Münsteraner Vizechef. Der scheidende Vorstandsvorsitzende Härter beauftragte Sommer mit einem umfassenden Konzernumbau.

In der Vergangenheit war der Hersteller von Getrieben, Achsen und Fahrgestellen vom Bodensee nämlich mehr gewuchert als gewachsen. Zuletzt durchblickten nur noch Experten die Struktur des Konzerns. Mit ernsten Folgen. "Die Kunden wussten nicht mehr, mit wem sie reden mussten", beschreibt Sommer das Problem. Wer ein Getriebe bei ZF orderte, hatte es gleich mit mehreren Gesellschaften zu tun. Sommer schaffte einen simplen Aufbau mit vier Unternehmensbereichen. Was zusammengehörte, wurde verschmolzen, historisch gewachsene Abteilungen gekappt. "Das hat mir die Möglichkeit gegeben, ZF aus allen Ecken kennenzulernen." Und auch das Unternehmen habe ihn kennengelernt. Mit der Folge, dass ihn Härter zum Kronprinzen machte.

Nicht allen gefiel der Modernisierungskurs. Etablierte Manager fürchteten um ihren Einfluss. Machtkämpfe, Gegenwind, die üblichen Alphatierchen-Rituale. "Heute kann sich keiner vorstellen, dass es einmal anders war", versucht man bei ZF zu beschwichtigen. Experten zweifeln aber an der Euphorie und rechnen damit , dass sich der neue Unternehmensgeist erst in fünf bis sieben Jahren durchsetzt.

Dass die Arbeit noch nicht fertig ist, räumt Sommer selbst ein. "Es wird nachgeschliffen werden. Den einen oder anderen konsequenten Schritt werde ich weiter vorantreiben." Kritikern zufolge gehört das zum Pflichtprogramm. Noch immer gäbe es in den einzelnen Divisionen zu viele Posten mit überlappenden Aufgaben. Ein weiteres Problem liegt in der Eigentümerstruktur. ZF ist kein normaler Konzern, sondern ein kommunales Unternehmen. 93,8 Prozent gehören einer Stiftung, die von der Stadt Friedrichshafen verwaltet wird. ZF besäße fast 100.000 Beiräte, heißt es da gerne. Es sei doch klar, dass die Politik vor allem Arbeitsplätze in der Region sichern will, argumentieren Gegner der Stiftungsstruktur. Herausforderungen wie eine stärkere Expansion in neue Märkte sehe die Stadt als Gefahr statt Chance, glauben sie.

Dass der Oberbürgermeister als Vertreter der Stadt die Flexibilität einschränkt, weist Sommer zurück. Man habe gemeinsame Ziele. "Es gibt keine Widersprüche, da wir technologiegetrieben sind", sagt Sommer. Die deutschen Standorte stehen ohnehin nicht zur Debatte. Niemals würde er die Technologiebasis in Deutschland aufgeben. Der Konzern habe gezeigt, dass er in der Lage ist, wettbewerbsfähige Premiumprodukte in Deutschland herzustellen. Dass technische Kompetenz nach China oder Indien abwandert, glaube er nicht. "Ich sehe da schon noch Unterschiede."

Die Innovationskraft von ZF gilt in der Branche als unangefochten. Letztes Jahr zeichnete BMW ZF mit einem Lieferantenpreis aus. In BMW-Modellen sorgt ein fortschrittliches Acht-Gang-Automatikgetriebe fürs Spritsparen. Um den Erfolg von ZF in Zukunft fortzusetzen, muss Sommer dennoch einen Gang höher schalten.

  • FTD.de, 27.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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