Die milliardenschweren Konjunkturprogramme Chinas haben erstmals einen chinesischen Zughersteller zum weltweiten Branchenprimus gemacht. Die bisher dominierenden westlichen Konzerne Bombardier , Alstom und Siemens müssen sich damit nach Einschätzung der Beratung SCI Verkehr auf einen schärferen Wettbewerb einstellen.
Laut einer aktuellen SCI-Studie setzte im Jahr 2010 kein anderes Unternehmen mit neuen Loks, Waggons und Metros so viel um wie der international noch weitgehend unbekannte Staatskonzern China South Locomotive & Rolling Stock Corporation (CSR) - umgerechnet 5,2 Mrd. Euro. Der bisherige Marktführer Bombardier aus Kanada ist damit nur noch zweitgrößter Anbieter, dicht gefolgt von der ebenfalls staatlichen China CNR Corporation.
China krempelt so die Machtverhältnisse in einer weiteren Schlüsselbranche um. Mehr als ein Drittel des Weltmarkts für Bahntechnik, der von der Industrie auf fast 100 Mrd. Euro geschätzt wird, entfällt auf Fahrzeuge.
Die chinesische Regierung treibt den Aufbau starker Firmen gerade im für das Wachstum des Landes wichtigen Bereich der Massentransportmittel voran. Im zivilen Flugzeugbau strengt sich China an, zu Airbus und Boeing aufzuschließen, ist aber nach einhelliger Ansicht von Experten international noch weit von einem Spitzenplatz entfernt. 2014 soll erstmals ein größeres chinesisches Passagierflugzeug abheben.
Bei Schienenfahrzeugen ist der Durchbruch hingegen geschafft. Die chinesischen Hersteller hätten ihre Positionen nach vorläufigen Schätzungen auch 2011 verteidigt, sagte Maria Leenen, Geschäftsführerin von SCI Verkehr. CSR und CNR lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, Bombardier müsse um Rang zwei bangen.
Entscheidender Treiber sind bislang die chinesischen Investitionen, die als Reaktion auf die globale Wirtschaftskrise von 2008 aufgelegt wurden. Ein großer Teil wurde zum Ausbau der Schieneninfrastruktur verwendet, vor allem von Hochgeschwindigkeitsstrecken. Davon profitierten zumeist heimische Unternehmen.
Seit einem verheerenden Unfall im vergangenen Jahr und Korruptionsvorwürfen im Eisenbahnministerium wird die Hochgeschwindigkeitsstrategie jedoch überdacht, Investitionen wurden zurückgefahren. Die erzielten Fortschritte sind trotzdem unverkennbar. "Die chinesischen Hersteller haben ihre Fähigkeiten rasant entwickelt. Vor wenigen Jahren wären sie noch nicht in der Lage gewesen, die Hochgeschwindigkeitszüge selber zu bauen", sagte Beraterin Leenen.
Jetzt ständen CSR und CNR vor einem entscheidenden Schritt. Das Auslaufen der Konjunkturprogramme würden sie nun deutlich zu spüren bekommen, und sie müssten in Zukunft verstärkt auf Auslandsmärkten präsent sein, sagte Leenen. "Wir rechnen damit, dass sie wesentlich aggressiver auftreten werden als bisher." Einfach werde der Schritt aber nicht. "Der große Vorteil in China sind die niedrigen Lohnkosten, die aber auch nur einen kleinen Teil der Kosten bei der Zugproduktion ausmachen.
Auf internationalen Märkten müssen Komponenten mit internationalen Spezifikationen verwendet werden - und da müssen alle ähnlich hohe Preise zahlen", sagte die Bahnexpertin. Die chinesischen Hersteller würden ihre Züge außerhalb Chinas kaum billiger anbieten können als die Konkurrenz.
Am Dienstag stellt die Bahnindustrie in Deutschland ihre Bilanz für 2011 vor. Das Ansehen von Siemens und Bombardier ist nach Querelen mit der Deutschen Bahn wegen Qualitätsmängeln und verzögerten Lieferungen stark angekratzt. Bahn-Chef Rüdiger Grube hat bereits mehrfach betont, er wünsche sich alternative Anbieter. Bisher scheuten außereuropäische Hersteller allerdings das aufwendige hiesige Zulassungsverfahren.