Der Tabubruch bei Bayer ist kein Zufall. Dass der neue Chef für den Konzern zum ersten Mal von außen kommt - noch dazu ein Ausländer ist -, hat viel mit dem alten Chef zu tun.
Werner Wenning , wie all seine Vorgänger ein Eigengewächs des Hauses, hat den Konzern in den vergangenen sieben Jahren umgekrempelt und internationalisiert. Das gilt zum einen für die strategische Ausrichtung: Seit seinem Amtsantritt 2002 hat Wenning immerhin rund 42 Mrd. Euro mit Zu- und Verkäufen bewegt. Zum anderen hat er aber auch Bayers Personalpolitik geöffnet: Zwei der drei Konzernsparten werden heute von ausländischen Managern geführt - vor zehn Jahren wäre dies noch undenkbar gewesen.
Wenning hat das Unternehmen sanft erneuert, ohne ganz mit der Tradition zu brechen. Wie stark der Wandel ist, wird beim Vergleich mit dem Konkurrenten
BASF deutlich. Vor zehn Jahren war die Unternehmenskultur in beiden Häusern ähnlich konservativ. In Ludwigshafen hat sich seitdem nicht viel geändert. BASF hat bereits angekündigt, dass auch der Nachfolger für den aktuellen Vorstandschef
Jürgen Hambrecht 2011 aus dem eigenen Stall kommen soll.
Auch in puncto Konzernstruktur haben sich die Konkurrenten auseinanderentwickelt. Während BASF sich vom Pharmageschäft getrennt und voll auf die Chemie spezialisiert hat, hielt Bayer grundsätzlich an der Mehr-Säulen-Struktur fest und stärkte gerade die Pharmasparte durch Zukäufe. Das hat das Unternehmen resistenter gegen Konjunkturkrisen gemacht.
Seinem Nachfolger Marijn Dekkers hinterlässt Wenning deshalb ein gesundes Unternehmen mit wenigen Baustellen. Eine davon ist die Kunststoffsparte: Der Bereich Material Science ist am härtesten von der Wirtschaftskrise betroffen. Ein Verkauf der Sparte, den Wenning immer ausgeschlossen hat, dürfte unter dem neuen Chef wieder auf die Tagesordnung kommen. Zumal Dekkers eher als Pharma-Mann gilt, der die mittlerweile größte Bayer-Sparte durch weitere Zukäufe stärken könnte.
Es spricht vieles dafür, dass der Führungswechsel bei Bayer geordnet verlaufen wird. Bis sein Nachfolger Dekkers an Bord ist, hat Wenning weiter uneingeschränkt das Kommando. Dann gibt er sein Amt aus einer Position der Stärke heraus ab. Das klingt nach klaren Verhältnissen und ist im besten Sinne modern.