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Merken   Drucken   08.10.2003, 20:00 Schriftgröße: AAA

Blühende Landschaften in verlassenen Cargolifter-Hallen

Dort, wo der Traum vom Luftschiff Cargolifter geplatzt ist, plant ein malaysischer Investor ein neues Mammut-Projekt: den größten Tropengarten der Welt. von Tillmann Prüfer, Brand
Arme Pflanze. Für sie dürfte jeder Tropengarten zu spät kommen. Es ist nicht gut gelaufen für das Bürogewächs. Der Ficus Benjamini steht verlassen neben dem Schreibtisch. Durch die Topferde ziehen sich Risse wie in einer Salzwüste. Licht hat er auch kaum. Der Himmel lässt in diesen Tagen nur einen jammervollen Schein auf die Mark Brandenburg rieseln. Durch ein schmutziges Fenster sieht man draußen die Halle, sie liegt da wie eine Riesenschildkröte, die den Kopf eingezogen hat.
Im Bürocontainer der insolventen Cargolifter AG ist niemand mehr, der Pflanzen gießen könnte. Nicht die Leute von der Produktionsleitung für das Luftschiff, die hier einst untergebracht waren, nicht Insolvenzverwalter Rolf-Dieter Mönning, der hier Quartier bezog, als Cargolifter im Mai 2002 Pleite ging.
Und Colin Au, der kleine Herr aus Malaysia, wird dem Grünzeug wohl auch keinen Tropfen spendieren, obgleich er gerade so nah am Blumentopf steht, dass er den Lufthauch der fallenden Blätter spüren könnte. Dabei denkt der Mann den ganzen Tag an Pflanzen. An Tausende riesige Pflanzen - und wie man damit Geld machen kann. Seine Finger, die selbst wie dürre Zweiglein aussehen, klammern einen Bauplan. Die Pupillen verschanzen sich hinter zugekniffenen Lidern, verfolgen von dort die Linien auf dem Pergament. "Stapler", sagt er leise auf Englisch, "Stapler". Er will die Bögen zusammenheften. Jemand eilt los und holt einen Bürohefter.
Colin Au ist zierlich wie aus Papier gefaltet, und doch hört hier alles auf sein Kommando. Der Geschäftsmann hat die mehr als 100 Meter hohe Werfthalle von Cargolifter gekauft, für 17,5 Mio. Euro. Ein Schnäppchen. Er will darin für 70 Mio. Euro eine Art Erlebnis-Gewächshaus einrichten, "Tropical Island". "Es ist das erste große malaysische Investment in Deutschland" , sagt er. So ändern sich die Zeiten: Einst galt Malaysia als Boom-Markt, der nach deutschen Investoren giert. Heute freuen sich die Deutschen, wenn sich ein Mann aus Malaysia für die Ruinen des Aufbaus Ost interessiert. "Wir werden es Dome nennen", sagt Au: "Dome klingt besser als Hangar." Sollte sein Plan aufgehen, wäre der "Tropical Island Dome" das erste erfolgreiche Infrastruktur-Projekt im Osten - mit bis zu 2500 Arbeitsplätzen, ein Traum für eine Region mit 20 Prozent Arbeitslosigkeit.
Verlassener Fleck Sandboden
Brand ist ein verlassener Fleck Sandboden, im Kiefernwald, eine bröckelige Bahnstation, wo niemand aussteigt, der nicht muss. Und doch ein Ort, der zu Superlativen verdammt ist. Hier war zu DDR-Zeiten der größte sowjetische Militärflughafen außerhalb der UdSSR. Als jene ruiniert war, wurde mit Millionen-Unterstützung des Landes die Firma Cargolifter angesiedelt, die das größte Luftschiff der Welt bauen wollte. Und nun, wo jene ebenfalls ruiniert ist, soll vor den Toren Berlins der größte überdachte Tropenwald der Welt entstehen. Ein Inselparadies mitten im märkischen Nichts.
Colin Au macht sich keine Mühe, visionäre Verzückung in sein Gesicht zu falten. Er lächelt beim Händeschütteln vier Sekunden und dann vier Stunden nicht mehr. Er hat das Geld, das Konzept. Das genügt ihm. Er braucht nicht auch noch die Herzen der Menschen. Der Plan des Geschäftsmannes ist einfach: Tropical Island soll ein Stück heile Welt im deutschen Elend sein, dort wird immer die Sonne scheinen. Wer 20 Euro investiert, bekommt Zutritt zu einer Insel, groß wie neun Fußballfelder.
Mit einem Orchideen-Garten, einem Regenwald, durch den man streifen kann. Und einem kleinen Urwalddorf, in dem es reichlich Alkohol gibt. Die Gäste sollen in einem warmen Salzwasserbecken planschen, die Augen schließen, und sich vorstellen können, in der Karibik zu treiben. Wenn das nicht genügt, hilft es, sich in einen der 800 Liegestühle zu legen und auf die Leinwand zu blinzeln, auf der sich Panoramen aus Haiti, Thailand oder Malaysias eröffnen werden. Alles wird so sein, wie beim Urlaub im Strand-Resort. Genauso warm, genauso trunken, genauso eng. "Die Deutschen mögen Urlaub in Südsee-Resorts", weiß Colin Au.
"Eine saubere Welt."
"Und Tropical Island ist sogar besser", sagt er. Wäre er ein deutscher Unternehmer, würde er sich Mühe geben, die Worte "hervorsprudeln" und die Augen "leuchten" zu lassen. Aber Colin Au spricht, als würde er aus einem Gerichtsprotokoll zitieren. Auf Tropical Island gibt es keine Insekten, keine Schlangen, keine Prostitution und keine Kriminalität. "Eine saubere Welt." Die Deutschen mögen es gern sauber, bemerkt er. Lediglich mit einem Sonnenuntergang kann Au nicht dienen, denn Tropical Island schläft nicht.
Abends werden die Liegestühle eingeklappt, und aus der Lagune taucht eine Hydraulikbühne auf. "Dann gibt es Beach-Partys", sagt Herr Au: "Deutsche mögen Beach-Partys." Gäbe es einen Guinness-Rekord für die aseptischste Art, das Wort "Beach-Party" auszusprechen, Colin Au hielte ihn wohl. Nachts fahren Busse zurück nach Berlin. Schließlich mögen sich die Deutschen auch gerne betrinken. Tropical Island soll zum Wochenend-Domizil der Berliner werden. Sie sollen sich dort wohl fühlen, sie sollen es sich leisten können - und wiederkommen, weil es ständig neues Programm gibt.
Zu Cargolifter will sich Au nicht äußern."Ich verstehe nichts von Leichter-als-Luft-Technologie", sagt er. Und fügt hinzu: "Die Deutschen sind gut in technischen Dingen, Malaysier verstehen dagegen Gastfreundschaft." Die Bedürfnisse der Europäer konnte der Unternehmer zur Genüge als Chef von Star Cruises, der drittgrößten Kreuzfahrtflotte der Welt, studieren. Der Zeitplan ist eng. Im Frühjahr sollen die Bauarbeiten beginnen. Eröffnung ist am 3. Oktober. Der Malaysier glaubt, der Tag der Einheit sei etwas Besonderes in Deutschland.
Nun kommt das Riesenspaßbad
Für Cargolifter-Insolvenzverwalter Mönning besteht kein Zweifel an den ernsten Absichten des Investors. "Er hat alle Vereinbarungen millimetergenau eingehalten, das ist wirklich ungewöhnlich für Deutschland." Besonders zuversichtlich stimmt ihn, dass der Mischkonzern Tanjong als Kooperationspartner mit im Boot ist. Tanjong ist in Malaysia im Energie- und Lotteriegeschäft tätig. Das Tropical-Island-Projekt hat besondere Priorität. Falls Brand ein Erfolg wird, sollen weltweit 20 Tropical-Island-Hallen gebaut werden. Für die Konstruktion hat Au das Büro CL-Map im Blick. Die Münchner konzipierten einst den Hangar in Brand und besorgen nun den Umbau. So könnte das Cargolifter-Konzept doch noch um die Welt reisen - wenn schon nicht als Riesenluftschiff, dann eben als Riesenspaßbad.
Ob diese Rechnung aufgeht, bezweifeln Experten. Indoor-Tourismus sei zwar im Kommen, sagt Klaus Läppcke, Vorsitzender des Verbandes Deutscher Reisebüros und Reiseveranstalter. "Aber es ist eine Sache des Preises." Neulich ist eine Indoor-Skipiste in Bottrop in die Insolvenz geglitten, den Gästen war der Eintritt zu teuer. Außerdem würden die Angebote meist nur am Wochenende besucht. Die Erwartungen von Colin Au, jährlich drei Millionen Besucher zu ködern, hält er für illusorisch: "Da lach ich ja, das käme ja an die Besucherzahlen des Europaparks in Rust heran." Und das sei das erfolgreichste Freizeitunternehmen in Deutschland.
Für die darbende Region wäre ein Erfolg von Tropical Island allerdings ein Segen. Zuerst für Hartmut Lausch. Ihm gehört das Landhotel Krausnick zehn Kilometer entfernt von der Halle. "Cargolifter hat für uns fette Jahre bedeutet." Stets logierten die Gäste des Unternehmens in Krausnick Die Besucher der Werft verspeisten täglich 30 bis 40 Mittagessen. "Aber damit war im letzten Winter Schluss." Seit der Insolvenz ist er von schwankenden Tourismusgeschäft abhängig. "Für uns ist Tropical Island ein Hoffnungsschimmer." Ein paar Extra-Übernachtungen kann er schon verbuchen: Immer wenn Colin Au im Lande ist, checkt er im Landhotel ein. Ein stiller Gast, der allabendlich ein Schnitzel im Meerrettich-Mantel verspeist und 30 Euro für sein Zimmer bezahlt. Lausch hatte ihm die Suite für 85 Euro angeboten. Aber die war Herrn Au zu teuer.

Versteigerung: Ein Traum kommt unter den Hammer
Von Annette Grünberg
Genau 90 Euro will der Mann mit der Bieternummer 23 für einen stählerneren Transportwagen zahlen. Und er bekommt "zum Ersten, zum Zweiten und - zum Dritten" den Zuschlag. Am Ende ist der Traum billig zu haben. In der gigantischen Halle auf brandenburgischem Sandboden, wo einmal Hightech-Luftschiffe unter dem Namen Cargolifter gefertigt werden sollten, hat der Ausverkauf begonnen. 8000 Teile - vom Bürostuhl bis zum Fahrradständer - will Auktionator Christoph Sattler bis Samstag unter den Hammer bringen und dafür wenigstens 1,9 Mio. Euro erlösen - ein Bruchteil der 120 Mio. Euro Schulden, die das Unternehmen in seinen sechs Lebensjahren angehäuft hat.
In der 360 Meter langen und 107 Meter hohen Halle sieht der Cargolifter-Fuhrpark wie Spielzeugautos in einem Kinderzimmer aus: ein Feuerwehrauto, ein Unimog und ein dunkelgelber Mastwagen zum Andocken der Luftschiffe. Daneben eine Armada schwarzweiß gepolsterter Bürostühle - die meisten so gut wie neu.
Zwischen den Versteigerungsobjekten schieben sich die Besucher durch die Halle: Männer in wattierten Winterjacken, die Bieternummer unter den Arm geklemmt und angestrengt den Katalog studierend. Der Andrang hält sich in Grenzen. Gegen Mittag sind die meisten der 5000 aufgestellten Stühle noch leer. Auktionator Sattler zieht sein Programm dennoch durch: Im Minutentakt ruft er mit monotoner Stimme Zahlen ins Mikrofon. Am besten läuft Kram für Hobbybastler: Der "Heißluftfön mit 1450 Watt, Objektnummer 2376" wechselt für 75 Euro den Besitzer. Nach zögerlichen Angeboten findet ein Lötset einen neuen Eigentümer. Zwei junge Berliner haben es auf einen Videobeamer abgesehen. Außerdem hoffen sie, ein Toilettenhäuschen günstig mitnehmen zu können - "für das Jugendheim unseres Fußballklubs". Ein Dresdner, der seinen heimischen Werkzeugkeller um einige Stücke bereichert hat, freut sich: "Alles nur vom Feinsten."
Nicht alle sind so begeistert. Aktionärsvertreter Andreas Eichner grollt: "Was jetzt abläuft, ist eine Verschleuderung unseres Vermögens." Die Hoffnung, dass der Kurs der Cargolifter-Aktie noch einmal den Höchststand von 27 Euro erreicht, hat Eichner längst begraben. Am Mittwochnachmittag ist der ehemalige Wachstumswert gerade noch 18 Cent wert.
  • FTD, 08.10.2003
    © 2003 Financial Times Deutschland,
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