Den Boom bei Europas größtem Spielwarenhersteller Lego mit zweistelligen Zuwachsraten seit sieben Jahren haben auch Finanzkrise, sinkende Einkommen und Explosion der Arbeitslosigkeit in Südeuropa nicht gebremst. Für dieses Weihnachtsgeschäft rechnen die Dänen wieder mit einem Plus von mehr als 20 Prozent.
"Lego ist um 17 Prozent gewachsen", sagte Europa-Chef Dirk Engehausen. Und das obwohl der Spielzeugmarkt im Euro-Krisenland Spanien gerade um 25 Prozent eingebrochen sei. Gerade in der Krise würden Eltern "Qualität schenken und nicht ihre Kinder leiden lassen" sagt der Deutsche aus dem Lego-Vorstand.
Bei Lego arbeiten weltweit 11.000 Beschäftigte. Die Eignerfamilie Kirk Kristiansen gilt als die reichste in Dänemark mit einem geschätzten Vermögen von 7,5 Mrd. Euro. Hinter den US-Konzernen Mattel und Hasbro ist Lego drittgrößter Spielwaren-Produzent der Welt. In Deutschland haben die Dänen nach eigenen Angaben einen Marktanteil von 17 Prozent. 2011 meldete das nicht an der Börse notierte Unternehmen einen Umsatz von 18,7 Mrd. Kronen (rund 2,5 Mrd Euro) mit dem Rekordgewinn von 4,1 Mrd. Kronen (rund 550 Mio. Euro).
Eltern schenken weltweit wieder deutlich mehr Spielzeug zum Befühlen und Anfassen statt nur noch Computerspiele. Bis Mitte des letzten Jahrzehnts hatte der unaufhaltsam wirkende Vormarsch elektronischer Spielwaren Lego an den Rand des Ruins getrieben. Die Wiederauferstehung seitdem hat auch den Konzern selbst überrascht, wie Engehausen unumwunden eingesteht: "2004 hätten wir bestimmt keine Verdreieinhalbfachung des Umsatzes erwartet, sondern gesagt, jedes Jahr fünf Prozent wären auch schon toll."
Prozentzuwächse beim Deutschlandgeschäft kamen auch dank der neuen Mädchenserie "Friends". Mit der Folge, dass die Spritzgussmaschinen im dänischen Billund sowie in neueren Fabriken in Tschechien und Ungarn nicht genügend Klötze für das Weihnachtsgeschäft ausspucken konnten.
"Es kann Engpässe geben, dabei haben wir schon mehr als das Doppelte an den Handel geliefert als geplant war", sagt der Lego-Europachef mit Sitz in München. Er sagt, dass Lego mit seinen diversen Serien wie Duplo, City, Technic und jetzt mit Friends für Mädchen "den Zeitgeist getroffen hat". Die Freude wird nicht ganz geteilt von Kritikern vor allem in den USA, die Lego mit dem an die Barbie-Welt erinnernden Design die Anpassung an altertümliche Frauenklischees vorgeworfen haben.
Die Jungen unter Legos Abnehmern dominieren aber nach wie vor mit 90 Prozent klar und spielen besonders gerne mit Bausätzen aus der Filmserie "Krieg der Sterne". Dass deren Schöpfer George Lucas sein Werk an den Disney-Konzern verkauft hat, freut die Dänen, weil nun bis 2018 drei neue Star-Wars-Filme angekündigt sind. "Eigentlich waren wir davon ausgegangen, dass es keine neuen Filme mehr geben wird," sagte Verkaufschef Mads Nipper der Kopenhagener Zeitung "Børsen".
Erfolg trotz klarer Fehlentscheidungen
Als Sinnbild und entscheidenden Auslöser für den Erfolg gilt in Billund Konzernchef Jørgen Vig Knudstorp. 2004 vom Familieneigner Kjeld Kirk Kristiansen (64) in der tiefsten Krise als 35-Jähriger an die Spitze geholt, setzte der vierfache Vater eine harte Kur in Gang - mit dem Verkauf der Legoland-Parks, einem deutlich verschärften Arbeitstempo und der Auslagerung der Klötzeproduktion an den nordamerikanischen Flextronics-Konzern.
Statt in Billund und der nicht minder teuren Schweiz sollte nur noch in billigeren osteuropäischen Ländern sowie für den US-Markt in Mexiko gefertigt werden. Das Outsourcing an Flextronics nahm Knudstorp nach zwei Jahren als klare Fehlentscheidung zurück. Der Stammsitz, wo ab 1932 der Tischler Ole Kirk Christiansen aus blanker Not Holzspielzeug unter dem Namen Lego ("Leg godt" = "Spiele gut") fertigte, ist heute wieder Produktionszentrum mit 3500. "Wir platzen aus allen Nähten, mehr ausweiten geht nicht mehr ohne eine ganz neue Fabrik", heißt es in der Produktion, wo 750 Spritzgussmaschinen im Drei-Schichtbetrieb die letzten Klötze für das Weihnachtsgeschäft aus Granulat formen.
Für Besucher hermetisch geschlossen ist die Werkstatt der 140 Lego-Designer in Billund, wo Henrik Andersen (38) arbeitet. "Wir entwickeln heute innerhalb eines Jahres, was früher drei Jahre gedauert hat", sagte er über die kräftig gestiegenen Anforderungen. Aber andererseits bastele er eben wie eh und je mit Hand an neuen Feuerwehrautos, Lastwagen und Containerschiffen herum, die zum Serienbausatz in einer Pappbox werden sollen.
Als entscheidende Wende durch Unternehmenschef Knudstorp gilt dessen Rückbesinnung auf die Bauklötze. An Selbstbewusstsein fehlt es dem heute 44-jährigen Lego-Chef ebensowenig wie an Härte. Bei der Vorstellung der Jahresbilanz für 2011 sagte er der Nachrichtenagentur Ritzau: "Lego ist einzigartig. In der eigenen Branche kann man unsere Position mit der von Apple in deren vergleichen."
In etwa fünf Jahren will Lego die riesigen und noch weitgehend unbeackerten Märkte in Asien durch neue Fabriken vor Ort beliefern. Bei Gesprächen in Billund wird auf die Frage nach den größten potenziellen Gefahren für Lego oft "zu heftiges Wachstum" genannt. Europachef Engehausen antwortet vor seinem Rückflug aus Billund nach München ohne Zögern auf die Frage, wie lange der ungewöhnliche Lego-Höhenflug wohl anhalten werde: "Ich schätze drei Jahre."