Für Solarworld sieht es düster aus: Nach millionenschweren Abschreibungen und tiefroten Zahlen in den ersten sechs Monaten erwartet Vorstandschef Frank Asbeck entgegen früheren Ankündigungen nun auch im Gesamtjahr erneut einen operativen Verlust. An der Börse brach die Aktie im frühen Handel am Montag um 11,5 Prozent auf 1,17 Euro ein.
Als Hauptgrund für die Misere nannte Asbeck den Preisverfall in der Solarbranche, ausgelöst durch das Preisdumping chinesischer Konkurrenten. Zudem rechnet der Firmenchef mit weiter sinkenden Erlösen bei gleichzeitig steigendem Absatz. Er will nun erneut mit Stellenstreichungen gegensteuern. 300 Arbeitsplätze sollen bis Ende 2012 wegfallen. Im Vorjahr mussten bereits 500 Mitarbeiter gehen. Aktuell beschäftigt Solarworld noch knapp 2600 Menschen.
"Wir erwarten 2013 ein Ende der negativen Nachrichten", sagte Asbeck der Nachrichtenagentur Reuters. Wann Solarworld aber wieder Gewinne schreibe, das stehe "in der Sonne". Derzeit arbeite das Unternehmen auch beim Materialeinkauf an Kostensenkungen. Zudem solle Ende 2012 eine neue Generation von Solarmodulen auf den Markt kommen, die Leistgungssteigerungen von rund zehn Prozent versprechen.
Solarworld ist der letzte große unabhängige Solarmodulbauer in Europa. Lange hatten Anleger und Experten gehofft, dass das Unternehmen dank seiner starken Marke und der vergleichsweise effizienten Produktion nicht in den Strudel der Solarkrise geraten würde, die schon etliche deutsche Unternehmen wie Q-Cells oder Solon in die Pleite getrieben hat. Selbst vor einem Jahr, als nahezu alle Hersteller hohe Veruste verbuchten, schrieb Solarworld noch Gewinn. Doch nun trifft der heftige Preisverfall auch den Bonner Konzern.
Börsianer waren von den Nachrichten am Montag geschockt. "Die Zahlen sind richtig übel, der dicke Verlust kam aus heiterem Himmel", sagte ein Händler. "Man sieht mal wieder, dass die Krise in der Solarindustrie überall ihre Spuren hinterlässt - auch Solarworld ist davor nicht gefeit."
Wertberichtigungen von rund 120 Mio. Euro sorgten im ersten Halbjahr für einen Verlust vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 143,8 Mio. Euro, nachdem im Vorjahreszeitraum noch ein Gewinn von 70,5 Mio. Euro in den Büchern stand. Unter dem Strich lag das Minus bei 159,3 Mio. Euro nach einem Gewinn von 22,2 Mio. Euro in den ersten sechs Monaten 2011. Der Umsatz brach trotz Absatzzuwächsen auf 340 Mio. Euro ein. Analysten hatten deutlich mehr erwartet. In der Vergleichsperiode des Vorjahres hatte das Unternehmen noch 533,6 Mio. Euro erlöst.
Der Solarkonzern hatte zum Jahresauftakt noch von einer Sonderkonjunktur vor den anstehenden Förderkürzungen profitiert und mehr verdient als von Experten erwartet. Wegen des Preisverfalls und hoher Abschreibungen hatte Solarworld allerdings bereits 2011 bei einem Umsatzrückgang auf rund 1 Mrd. Euro einen Fehlbetrag von knapp 300 Mio. Euro verbucht. Operativ lag das Minus bei 233,2 Mio. Euro.
In den vergangenen Jahren hat die Solarbranche gigantische Überkapazitäten aufgebaut - Experten schätzen, dass es weltweit etwa doppelt so viele Fabriken für Solarzellen und -module gibt wie gebraucht werden. Das drückt auf die Preise. Wegen des Preisverfalls hatten die Solarworld-Rivalen in den vorangehenden Quartalen, vor allem Ende 2011, hohe Abschreibungen vor allem auf ihre Lagerbestände vermeldet.
Solarworld hofft nun auf die Resultate aus Dumpingklagen. Das Bonner Solarunternehmen hatte gemeinsam mit anderen europäischen Unternehmen eine Klage vor der EU-Kommission eingereicht, die auf Strafzölle gegen die chinesische Konkurrenz abzielt. Hintergrund ist seit Jahren aufgestauter Unmut über Chinas Subventionspolitik. Westliche Solarmanager werfen den Chinesen, die in zehn Jahren ihren weltweiten Marktanteil von fast null auf mehr als 50 Prozent gesteigert haben, Marktmanipulationen vor - vor allem würden sie vergünstigten Zugang zu Krediten erhalten. Dies habe den heftigen Preisverfall in der Branche befeuert und bereits etliche Unternehmen in die Pleite getrieben.
Zu Reuters sagte Asbeck am Montag, er sei zuversichtlich, mit seinen Anti-Dumping-Klagen in Europa und den USA erfolgreich zu sein. "Ich erwarte, dass die EU-Kommission Anfang September die Beschwerde annehmen wird." In den USA rechne er damit, dass in der endgültigen Entscheidung die Strafzölle noch höher ausfallen werden als bislang.