Brunsbüttel müsse nach dem Bekanntwerden eines weiteren Zwischenfalls auf ein Viertel seiner Leistung heruntergefahren werden, teilte die zuständige Aufsichtsbehörde am Montag in Kiel mit. Die Betreibergesellschaft Vattenfall hatte die Aufsichtsbehörde nach deren Angaben über Probleme an der Messleitung zur Überwachung des Reaktorfüllstands informiert. Offenbar entstehe zunehmend Wasserstoff. Dies könnte eine Explosion auslösen. "Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden", sagte Staatssekretär Hellmut Körner. Bereits 2001 habe eine Wasserstoff-Explosion in einer Rohrleitung einen schweren Schaden verursacht.
Das Sozialministerium als atomrechtliche Aufsichtsbehörde hatte nach eigenen Angaben am Wochenende eine intensive Prüfung der festgestellten Mängel unter Beteiligung des Gutachters Tüv Süd in Brunsbüttel durchgeführt. Es habe den Betreiber aufgefordert, eine Spülung des betroffenen Bereichs der Reaktorfüllstandsmessung und Änderungen an der Füllstandsmessung vorzunehmen. Dies habe Geschäftsführer Bruno Thomauske zugesagt. Hierzu müssten die Anlagenleistung verringert und der Druck im Reaktorbehälter gesenkt werden.
Thomauske kündigte zudem eine offenere Informationspolitik des Versorgers an. "Wir haben verstanden, dass die Öffentlichkeit schnellere und umfassendere Informationen erwartet", sagte Thomauske am Montag. Auch über andere wichtige Vorkommnisse werde das Unternehmen unmittelbar berichten. Vorher hatte die zuständige Aufsichtsbehörde in Kiel das Unternehmen mehrfach für schleppende Informationspolitik nach dem Brand auf dem Reaktorgelände in Krümmel am 28. Juni kritisiert.
Die Störfälle in den beiden Atomkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel waren am Montagnachmittag Thema eines Krisengesprächs im Kieler Sozialministerium. Bei dem Treffen von Vertretern des Bundesumweltministeriums und der schleswig-holsteinischen Atomaufsicht mit dem Versorger sollten die Umstände geklärt werden, unter denen die beiden Reaktoren abgeschaltet worden waren.
Thomauske präsentierte bei dem Treffen einen Bericht, der nun auch auf der Vattenfall-Website eingesehen werden kann. Allerdings ist er aufgrund der zahlreichen Fachbegriffe und Abkürzungen wohl kaum dazu geeignet, die breite Bevölkerung darüber zu informieren, was in den Kraftwerken tatsächlich geschah.
Vattenfall gab am Montag außerdem bekannt, dass Mitte Juli die Position des Pressesprechers neu besetzt werde. Das Unternehmen beteuerte allerdings, der Personalwechsel stehe nicht im Zusammenhang mit den aktuellen Ereignissen.
Ob all dies reicht, die Krise um die Kraftwerks-Pannen zu beenden, ist allerdings fraglich. So erwägt die schleswig-holsteinische Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD), dem Unternehmen die AKW-Betreibererlaubnis zu entziehen. Offensichtlich liege die Sicherheitskultur hier im Argen, hatte Trauernicht bereits vor dem Treffen gesagt und angekündigt: "Ich scheue keinen Schritt gegen Vattenfall." Die für Reaktorsicherheit zuständige Ministerin sagte, sie prüfe zur Zeit die Zuverlässigkeit nach dem Atomgesetz. "Es muss sich etwas ändern, und es wird sich aber auch etwas ändern", sagte die SPD-Politikerin.
Die Hürden für den Entzug der Betreibererlaubnis seien aber hoch, da das Atomgesetz sehr restriktiv sei. Möglicherweise werde jedoch das Krisengespräch zeigen, dass das Atomgesetz geändert werden müsse.
Politisch sind die Zwischenfälle brisant, weil Vattenfall beim Bundesumweltministerium die Übertragung von Strommengen von Krümmel beantragt hatte, um Brunsbüttel über 2009 hinaus am Netz halten zu können.
Teil 2: Grüne greifen Gabriel an