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Merken   Drucken   08.01.2010, 18:20 Schriftgröße: AAA

Bundeswehrvorhaben: Welche Rüstungsprojekte sich Deutschland leistet

Der A400M hebt später ab als geplant und kostet Milliarden mehr, der Schützenpanzer Puma soll kommen, ist aber noch nicht abgenommen. Auch andere milliardenschwere Projekte der Bundeswehr verzögern sich. FTD.de zeigt die wichtigsten - und deren Probleme. von Matthias Brügge  Hamburg
Im Streit um die Verteilung der erhöhten Entwicklungskosten für den Militärtransporter A400M geht es um Milliarden. Das ist üblich bei bei den größten und teuersten Rüstungsprojekten der Bundeswehr. Neben dem viermotorigen Transportflugzeug planen die deutschen Streitkräfte eine ganze Reihe von milliardenschweren Anschaffungen, vom Schützenpanzer Puma über das IT-Projekt Herkules bis zur Aufklärungsdrohne Talarion. Hier ein Überblick über die größten Rüstungsprojekte der Bundeswehr.
Der Airbus A400M vor seinem Jungfernflug in Sevilla   Der Airbus A400M vor seinem Jungfernflug in Sevilla
Der viermotorige Großraumtransporter A400M soll die seit den 60er-Jahren eingesetzte zweimotorige Transall ersetzen und absolvierte seinen Erstflug im Dezember. Der wuchtige Transporter mit vier gigantischen Turboprop-Triebwerken ist das ehrgeizigste militärische Beschaffungsprogramm in Europa - und ein Paradebeispiel dafür, wie sich ein militärisches Großprojekt weiter und weiter verzögert. Den Ursprungsplänen zufolge sollte Frankreich ab 2010 als erster Kunde das von Airbus Military, einer EADS -Tochter, hergestellte Modell erhalten. Nun sollen die ersten Maschinen aber erst 2013 an Frankreich ausgeliefert werden. Die Bundesluftwaffe bekäme den A400M erst 2014, die Auslieferung an die Luftwaffe würde bis weit nach 2020 dauern.
Die als Erstkunden auftretenden sieben europäischen Länder hatten mit Airbus für den Lieferumfang von 180 Maschinen einen Festpreis von 20 Mrd. Euro vereinbart. Doch die Kosten des Flugzeuges sind nach neuen Schätzungen auf über 30 Mrd. Euro gestiegen. Airbus fordert daher weitere Milliarden von den Bestellländern. Bis Ende Januar wollen die beteiligten Länder darüber entscheiden.
Unabhängig vom Streit über Preis und Ablieferungstermin ist schon jetzt klar, dass der A400M nicht alle gesteckten Erwartungen erfüllen kann. Er wird zwar in der Lage sein, den neuen Schützenpanzer Puma beispielsweise nach Afghanistan zu transportieren - aber nicht mit kompletter Panzerung. Zudem wirkt das Prinzip: Je schwerer das Flugzeug, desto kürzer die Reichweite. So wird im aktuellen Bundeswehrplan schon jetzt erwogen, für Frachten, die das Ladevermögen des Airbus-Transporters übersteigen, andere Flugzeuge zu chartern - wie beispielsweise größere amerikanische C-17.
Der Schützenpanzer Puma (Foto) soll den angejahrten Marder ersetzen   Der Schützenpanzer Puma (Foto) soll den angejahrten Marder ersetzen
Der Puma, ein Gemeinschaftsprojekt von Rheinmetall  und Krauss-Maffei Wegmann, gilt als wichtigstes Projekt der Modernisierung der Heeresausrüstung der Bundeswehr. Insgesamt sollen 405 Exemplare im Wert von 3,1 Mrd. Euro beschafft werden. Mit dem Schützenpanzer wird der mehr als 30 Jahre alte Marder ersetzt, den er in Panzerung und Bewaffnung deutlich übertrifft. Die modernen Kettenfahrzeuge sollen zwischen 2010 und 2020 ausgeliefert werden - allerdings ist trotz der bevorstehenden Einführung das finale Modell noch nicht offiziell abgenommen.
Der europäische Kampfjet Eurofighter - 180 Stück wollte die ...   Der europäische Kampfjet Eurofighter - 180 Stück wollte die Bundesrepublik beschaffen
Die Bundesluftwaffe ist mit teils angejahrtem Fluggerät unterwegs: Erste Exemplare der bei der Bundeswehr immer noch eingesetzten F-4 Phantom flogen Piloten der US Air Force bereits 1961. Als Ersatz dafür und auch für den deutlich später eingeführten Tornado will die Bundeswehr 180 Eurofighter bis 2017 in drei Tranchen anschaffen. Allerdings wird spekuliert, dass die Zahl der international Typhoon genannten Maschinen um 37 Jets reduziert werden könnte.
Dem Plan zufolge sollten von der von Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien entwickelten Gemeinschaftsproduktion 620 Flugzeuge gebaut werden. Experten taxieren den Preis pro Eurofighter - ohne Waffen und Wartung - auf gut 100 Mio. Euro, der Bundestag hat für die Einführung des Jets bislang insgesamt 14,6 Mrd. Euro bewilligt. Insgesamt sind für das komplette Eurofighter-Programm nach der Bundeswehrplanung 21,7 Mrd. Euro budgetiert.
Die Fregatte F218 Mecklenburg Vorpommern ist ein Vorgänger des ...   Die Fregatte F218 Mecklenburg Vorpommern ist ein Vorgänger des neuen Typs
Die Deutsche Marine hat den Auftrag, die internationalen Seewege offen zu halten. Als jüngste Bedrohung hat sich das Aufleben der Piraterie - gerade am Horn von Afrika - gezeigt. Um derartigen Herausforderungen zu begegen, will die Marine vier Schiffe vom Fregattentyp 125 beschaffen, deren erstes Modell 2014 ausgeliefert werden soll. Die Kampfschiffe werden von einem Industriekonsortium aus ThyssenKrupp  Marine Systems und der Lürssen-Werft hergestellt. Für das F-125-Programm bewilligte der Haushaltsausschuss des Bundestages trotz Kritik des Bundesrechnungshofes 2,7 Mrd. Euro - rund 656 Mio. Euro pro Schiff.
Der mittelschwere Hubschrauber NH90   Der mittelschwere Hubschrauber NH90
Auch der Vorgänger des Helikopters NH-90 (Nato-Helicopter 90) flog schon in Vietnam: Bis heute ist der leichte Transporthubschrauber Bell UH-1D für die Bundeswehr im Einsatz, sein charakteristisches Stakkato ist vielerorts täglich am Himmel zu hören. Der "Huey" soll ersetzt werden durch insgesamt 122 Exemplare des neuen, mittelschweren Hubschraubers, der in Kooperation der Firmen CAE, Eurocopter, Rheinmetall  Defence Electronics und Thales  hergestellt wird. Das Beschaffungsprogramm für die 38 deutschen Exemplare der NH-90 wird auf 4,03 Mrd. Euro beziffert, allein die Entwicklung der Maschine kostete 2,5 Mrd. Euro. Der NH-90 soll auch bei der Bundesmarine eingesetzt werden und dort die Hubschraubertypen Sea King und Sea Lynx ersetzen.
Bis Anfang des Jahrtausends hatte die Deutsche Marine U-Boote mit konventionellem Antrieb im Einsatz, die bei Überwasserfahrt Strom für die Fahrmotoren von einem Schiffsdiesel beziehen und unter Wasser von Batterien. Anders bei dem neuartigen Boot vom Typ U212A, dessen erstes Exemplar 2002 in Dienst gestellt wurde: Dessen Motoren werden mit Energie aus Brennstoffzellen gespeist, in denen Wasserstoff und Sauerstoff verbrennungsfrei in Strom umgewandelt werden. Von diesem Typ unterhält die Bundeswehr vier Schiffe, U-31 bis U-34, gebaut bei HDW, einem Tochterunternehmen von ThyssenKrupp . In der Bundeswehrplanung 2009 waren für die Beschaffung von zwei weiteren U-Booten des Typs 212A insgesamt 929 Mio. Euro vorgesehen.
Seit Ende 2006 ist die Bundeswehr dabei, die Administration mit Hilfe eines komplexen IT-Netzwerkes neu zu organisieren. Das Herkules-Programm ist das bisher größte IT-Vorhaben der Bundeswehr und eines ihrer zentralen Modernisierungsvorhaben. Für Herkules sollen binnen zehn Jahren insgesamt 7,1 Mrd. Euro ausgegeben werden, allein 2009 waren es 622 Mio Euro.
Bei Herkules steht die Vernetzung von 140.000 Computerarbeitsplätzen mit den Rechenzentren der Bundeswehr nach den Sicherheitskriterien des Verteidigungsministeriums im Zentrum. Für die öffentlich-private Partnerschaft hat der Bund mit Siemens  Business Service und IBM  Deutschland das Gemeinschaftsunternehmen BWI gegründet und ist daran Minderheitsgesellschafter. Auf Seiten der Bundeswehr sind bis zu 2950 Mitarbeiter mit der Umsetzung beschäftigt.
Das Problem bei Herkules: Ein Ende ist nicht absehbar. Der Bundeswehrplan 2010 vermeidet einen Überblick über das Projekt und nennt als aktuellen Stand stattdessen den "Abschluss einer Migrationsphase an den BWI-Leistungsverbund".
Die Aufklärungsdrohne Barracuda auf Testflug in Kanada   Die Aufklärungsdrohne Barracuda auf Testflug in Kanada
Ein Zukunftsmarkt - und eines der größten Projekte der Luftwaffe -, ist die Entwicklung unbemannter Flugzeuge (Unmanned Aerial Vehicle, UAV). Schon bestellt hat die Bundeswehr riesige Aufklärungsdrohnen vom Typ Euro Hawk. Dieses größte unbemannte Flugzeug der Bundeswehr nähert sich der Serienreife und soll schon 2011 eingesetzt werden. Auf dem US-Modell Global Hawk basierend, kann der unbemannte Aufklärer mit fast 40 Metern Spannweite gut 30 Stunden in der Luft bleiben. In einer transatlantischen Gemeinschaftsfirma zwischen dem US-Rüstungskonzern Northrop Grumman  und der Rüstungssparte der EADS  wird das Modell produziert und ausgestattet.
Im Bau, aber noch nicht bestellt, ist das EADS-Projekt der pilotenlosen Aufklärungsdrohne Talarion, die der Luftfahrtkonzern den Streitkräften von Deutschland, Frankreich und Spanien anbietet. EADS hat einen Vorläufer der düsengetriebenen Drohne namens Barracuda gebaut, der bereits erste Testflüge absolviert hat. Die daraus zu entwickelnde Drohne Talarion, die auch bewaffnet werden kann, könnte bei einem baldigen Auftrag 2013 ihren Jungfernflug absolvieren. Das gesamte Talarion-Projekt – der Name leitet sich von den Flügeln an den Sandalen des griechischen Götterboten Hermes ab – würde für Entwicklung und Beschaffung 2,9 Mrd. Euro kosten.
Das Anti-Raketensystem Patriot im Einsatz der US Army   Das Anti-Raketensystem Patriot im Einsatz der US Army
Eigentlich sollte das Flugabwehrsystem Meads, Kürzel für das transatlantische Rüstungsvorhaben Medium Extended Air Defense System, schon 2005 einsatzbereit sein, und die US-gefertigten Patriot-Raketen ersetzen. Mit dem System sollen sich bemannte und unbemannte Flugzeuge sowie ballistische Raketen bis zu einer Reichweite von 1000 Kilometern bekämpfen lassen - eine Waffe gegen eine Vielzahl von Bedrohungen und daher auch entsprechend teuer. Allein die Entwicklungskosten stiegen letzten Schätzungen von Mitte 2009 auf 1,25 Mrd. Euro. Einmal einsatzbereit, soll das die Beschaffung des Systems noch einmal 2,85 Mrd. Euro kosten. Doch soweit ist es noch nicht: Erste Tests von Meads-Raketen sind für 2012 geplant.
  • FTD.de, 08.01.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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