ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger hat sich intern von der Praxis luxuriöser Pressereisen distanziert. Alles müsse in der richtigen Balance stattfinden, sagte Hiesinger im Kreise von Betriebsräten nach Angaben von Teilnehmern. Zwar sei es üblich, Medienvertreter zu Reisen einzuladen. Dabei müsse aber das richtige Maß gewahrt bleiben. Ein Konzernsprecher wollte sich am Dienstag zu der internen Veranstaltung nicht äußern.
Die "Welt am Sonntag" hatte berichtet, dass ThyssenKrupp-Vorstand Jürgen Claassen Redakteure einzelner Zeitungen zu teuren, mehrtägigen Reisen eingeladen hatte. Gebucht wurden First-Class-Flüge und Fünfsternehotels. In einem Fall soll der geschätzte Wert der Reise bei 15.000 Euro gelegen haben.
Da dies gegen die Compliance-Richtlinien, also die Regeln für eine ordnungsgemäße Geschäftsführung, verstoßen könnte, gab der Aufsichtsrat eine Prüfung in Auftrag, an der auch externe Gutachter beteiligt sind. Claassen ist im Vorstand eigentlich für die Einhaltung der Compliance-Regeln zuständig. Über Ergebnisse dieser Prüfung berät der Aufsichtsrat nach FTD-Informationen in seiner Sitzung am heutigen Mittwoch.
Zusätzlich informierte ThyssenKrupp die Mitarbeiter in einem Schreiben, das der FTD vorliegt, über Sinn und Zweck von Pressereisen. Unter der Überschrift "Was sind eigentlich Pressereisen?" heißt es, sie seien bei ThyssenKrupp - wie bei vielen anderen Konzernen auch - ein wichtiges Element der Medienarbeit. Die Reisen würden "intern und extern transparent im Einklang sowohl mit unseren internen Regularien als auch mit den einschlägigen Rechtsvorschriften durchgeführt". Auf dieser Basis habe man unterschiedlichste Medienvertreter eingeladen. Die Entscheidung zur Teilnahme liege bei den Redaktionen.
Zudem werden sich die Aufsichtsräte voraussichtlich in einem weiteren Compliance-Fall, bei dem es um ein Schienenkartell geht, auf den neuesten Stand bringen lassen. Wegen seiner Beteiligung an Preisabsprachen im Geschäft mit kommunalen Verkehrsunternehmen hat ThyssenKrupp jetzt nach Informationen der Mediengruppe WAZ Verhandlungen über Schadensersatzforderungen aufgenommen. "Derzeit finden Gespräche zwischen ThyssenKrupp und einzelnen Verkehrsbetrieben statt", teilte der Konzern dazu mit. Es sei allerdings noch zu früh, um über konkrete Ansprüche zu reden. Daneben verhandelt der Konzern mit der Deutschen Bahn über Schadensersatz.